Operation «Fels Israel» – weitere äthiopische Juden kommen heim

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29. Kislev 5781

«Fels Israels erhebe dich, um Israel zu helfen!»

צור ישראל, קומה בעזרת ישראל!

(Gebet nach dem Sh’ma im Morgengebet)

Ministerin Pnina Tamano-Shata

Eine der klügsten personellen Entscheidungen traf die derzeitige israelische Regierung, als sie Pnina Tamano-Shata zur Ministerin für Einwanderung berief. 

Pnina wurde im Jahr 1981 in Amhara (Äthiopien) geboren. Im Rahmen der Operation Moses wurde sie mit ihrem Vater und vier Geschwistern aus dem Sudan nach Israel evakuiert. Ihre Mutter und zwei weitere Schwestern wurden von der Jewish Agency später gefunden und ebenfalls nach Israel ausgeflogen. 

Die ersten Jahre lebte die Familie in einem Auffanglager, später übersiedelte sie nach Petach Tikwa. Der Grossvater, ein Oberhaupt der jüdisch-äthiopischen Gemeinde in Israel ist eine bekannte Persönlichkeit. Er erwartet von allen Kindern und Enkelkindern der Familie, dass diese eine höhere Schulausbildung absolvieren und wenn möglich auch studieren. 

So studierte Pnina nach der Matura Rechtswissenschaften in Kyriat Ono und erwarb dort ihren Master. Noch während des Studiums wurde sie stv. Vorsitzende der äthiopischen Studentenverbindung und volontierte bei der NGO «Tebeka». «Tebeka» hat es sich zur Aufgabe gemacht, äthiopische Neueinwanderer in allen anfallenden Rechtsfragen kostenlos zu beraten. Anschliessend spezialisierte sich Pnina auf Gesellschaftsrecht und absolvierte ein Praktikum bei einer Kanzlei in Ramat Gan. Die NGO «Olim Beyachad» unterstützt seit 2007 äthiopische Akademiker bei der beruflichen Integration in Israel. Auch diese für Neueinwanderer wichtige Anlaufstelle gehört zu den Arbeitsbereichen der aktiven Politikerin.

Überhaupt sind ihr die Anliegen der äthiopischstämmigen Israelis besonders wichtig. Im Jahr 2013, ein Jahr nachdem sie erstmals als Abgeordnete in die Knesset gewählt worden war, sorgte sie völlig ungewollt für einen medialen Aufschrei. 

Sie wollte, wie viele andere Abgeordnete auch, Blut spenden – und wurde abgewiesen. Damals galten noch die Vorgaben des Gesundheitsministeriums, dass Menschen aus bestimmten afrikanischen Staaten vom Blutspenden ausgeschlossen seien. 

Der Grund war, so die magere Begründung, dass u. a. in Äthiopien ein grosses Malariarisiko vorhanden sei und die HIV-Quote bei 6.6 % lag. Die Ausgrenzung galt für alle Menschen, die dort entweder geboren waren oder sich dort lange aufgehalten hatten. Ähnlich unsinnige Regeln gָalten für andere Staaten wie GB oder Deutschland. 

Aber fast dreissig Jahre nach ihrer Aliya nach Israel war das doch wohl nicht mehr relevant. Da hätte sie allen anderen, bereits in Israel geborenen Landsleuten, für die dies nicht galt, gleichgestellt werden müssen. Leider wurde aber auch bekannt, dass die Mitarbeiter des Magen David Adom, vergleichbar mit dem Roten Kreuz, die Blutspenden äthiopischstämmiger Menschen vernichteten. Eine viel dramatischere medizinische «Vorsorge» wurde zumeist ohne deren Einwilligung bei jungen Frauen getroffen. Sie erhielten unmittelbar bei der ersten Untersuchung nach der Einwanderung empfängnisverhütende Hormonspritzen. 

Pnina sprach von Rassismus, man warf ihr vor, nur aus persönlichen PR-Gründen aktiv geworden zu sein. Sich der Misshandlung ihre Landsleute nur bedient zu haben, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Wer das behauptet, der hat nichts verstanden. 

Beide Massnahmen sind schon lange eingestellt. 

Das Siedlungsgebiet der Beta Israel

Welcher Abstammung die «Beta Israel», das Haus Israel, wie sie sich selber nennen, ist, ist immer noch nicht ganz geklärt. Möglicherweise sind sie im 10 Jhdt. BCE von Israel aus eingewandert. Andere Quellen sagen, sie seien nach der Zerstörung des 1.Tempels im Jahr 586 BCE über Ägypten nach Äthiopien geflohen. Andere Rabbiner wiederum glaubten bereits im 16. Jhdt., dass sie nach der Zerstörung des 2.Tempels im Jahr 70 CE als Angehörige des Stammes Dan, einem der zehn verlorenen Stämme geflohen sind, eine Überzeugung, die 1975 vom sephardischen Oberrabbiner Ovadja Josef bestätigt wurde. So kam es ab 1948 immer wieder zu organisierten Rückführungsflügen nach Israel.

Diese Lesart hat die israelische Regierung übernommen. Daher haben die Beta Israel das Recht, unter dem «Recht der Rückkehr» nach Israel einzuwandern. 

Trotzdem ist es für die äthiopischstämmigen Israelis immer noch schwer, sich in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Zu unterschiedlich ist die Alltagskultur, zu unterschiedlich die Lebensform. Landwirtschaft prallt auf Hightech, Tradition auf Moderne. Strenge religiöse Vorschriften treffen auf nahezu säkulare Gesellschaftsformen. Bei den Orthodoxen beider Gruppen reibt sich das jüdische Patriarchat mit dem amharischen Matriarchat. 

Nirgendwo ist die Gruppe der «working poor» grösser als bei den ehemaligen Äthiopiern. Es wird noch einige Generationen brauchen, bis sich die Grenzen verwischt haben und die stolzen und ihre neue Heimat liebenden Äthiopier als gleichwertig anerkannt werden. 

Ministerin Pnina Tamano-Shata begrüsst am 21. Mai 2020 die ersten Einwanderer aus Äthiopien © Shlomi Ansalem ToI

Die engagierte und bestens für diese schwierige Aufgabe geeignete Ministerin hat vor wenigen Wochen damit begonnen, ein Wahlverspechen einzulösen, Tausende weitere Beta Israel nach Israel zu bringen. Bereits im Mai waren die ersten Flüge angekommen, einige Tausend weitere Menschen sollen in den kommenden Wochen aus dem für sie gefährlichen Heimatland ausreisen dürfen. 

Ich hatte die grosse Ehre, an verschiedenen religiösen und kulturellen Veranstaltungen der äthiopischen Gemeinden in Haifa, teilnehmen zu dürfen. Die Menschen, die ich dort traf, sind stolze Israelis, die aber auch stolz auf ihre Herkunft, ihre Tradition und Kultur sind. Juden wie wir, aber eben ein wenig anders. 

Oder doch echter als wir, die wir uns schon so sehr der europäischen und amerikanischen Kultur angepasst haben?



Kategorien:Israel, Politik, Religion

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