Personenkult vs. Demokratieverständnis – Teil 1

9. Tevet 5781

Am 25. Februar 1956 zitierte der Vorsitzende des Ministerrates, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow in seiner Geheimrede «Über den Personenkult und seine Folgen.» aus Briefen von Karl Marx und Friedrich Engels und ihre Haltung gegenüber öffentlicher Verehrung. Weiters bezog er sich auf einen Brief von Wladimir Iljitsch Lenin, der die immer autokratischeren Züge Josef Stalins heftig anprangerte. Die ganze Rede findet ihr hier.

Lenin – Engels – Marx

Diese Rede markierte den Beginn der Entstalinisierung der Sowjetunion. Der Inhalt der Rede, so war es geplant, durfte nicht veröffentlicht werden. Westliche Regierungen versuchten mit allen Mitteln den Originaltext zu erhalten, um die darin enthaltenen Informationen für ihre Zwecke zu nutzen. Der polnische Journalist Wiktor Grajewski konnte das Papier für wenige Stunden erhalten und leitete es an die israelische Botschaft in Warschau weiter. Von dort übermittelte es der Mossad an den CIA (die den Erfolg auf ihr Konto buchten!)

Ab 1927 war Josef Stalin de facto der Alleinherrscher über die Sowjetunion. Zu seinem 50. Geburtstag machte er sich selber ein Geschenk: Ab sofort liess er sich mit «Führer» anreden. 

Die Opferzahlen der «stalinistischen Säuberungen» variieren zwischen vier Millionen und mehr als 22 Millionen.

Bereits im März 1934 hatte der Deutsche Reichstag dem Führer Adolf Hitler mit dem «Ermächtigungsgesetz» die de facto Alleinherrschaft über Deutschland übertragen. Das Dokument trug die Unterschrift von Reichskanzler von Hindenburg. Die Opferzahlen seiner Terrorherrschaft werden mit bis zu 80 Millionen beziffert, darunter mindestens 6 Millionen Juden. 

Während in Deutschland Hitler immer mehr Anhänger hinter sich sammelte, stand Benito Mussolini, genannt der «Duce del Fascismo» als Diktator an der Spitze des faschistischen Italiens. An die absolute Macht war mit einem speziell für seinen Interessen zugeschnittenen neuen Wahlgesetz gekommen. Das unter dem Namen «Acerbo Gesetz» bekannte Konstrukt kam nur ein einziges Mal bei den Parlamentswahlen 1924 zum Einsatz. Das Gesetz muss hier etwas genauer beschrieben werden, denn honi soit qui mal y pense, die damalige politische Landschaft weist durchaus Ähnlichkeiten mit denen in der israelischen Knesset auf. 

Mussolini wollte mit allen Mitteln an die Macht. Jedoch war dies mit nur 35 Mitgliedern seiner «Nationalen Faschistischen Partei» plus 10 «natürlichen Partnern» bei 535 Abgeordneten rein rechnerisch unmöglich. Gelang es nicht, eine regierungsfähige Mehrheit zu finden, oder brach diese auseinander, müsste er von König Viktor Emanuel III entlassen werden. 

Das neue Wahlrecht hebelte alle demokratischen Basisrechte aus. Wem es gelang, mindestens 25 % aller Wählerstimmen auf sich zu vereinen, dem wurden 2/3 aller Parlamentssitze zugestanden. Dass er bei der Wahl, die unter den Augen der «Squadristi», die später als «Schwarzhemden» bekannt wurden, auf 60.1 % der Stimmen, aber auf 66.4 % der Parlamentssitze kam, verwundert nicht. Nicht ganz dem US-amerikanischen Prinzip «the winner takes it all» entsprechend, aber doch in den Grundzügen durchaus zu vergleichen.

Die Auflistung der Despoten des Zweiten Weltkrieges ist erst dann vollständig, wenn man auch den Franzosen Marschall Henri Philippe Benoni Omer Joseph Pétain nennt. Nach der Niederlage gegen das Deutsche Reich und dem Waffenstillstand von Compiègne, durch den 60 % des französischen Staatsgebietes an Nazideutschland fielen, übernahm er die formelle Regierung der «Dritten Republik». Kurz darauf wurde ihm von der Nationalversammlung eine Generalermächtigung übertragen. Nun konnte er politisch schalten und walten, wie es ihm passte. 

Die Vichy-Regierung arbeitete offiziell militärisch nicht mit Nazideutschland zusammen. Dennoch gab es sehr schnell Gesetze, die das Leben der 300.000 in Frankreich ansässigen Juden gefährdete. Pétain orientierte sich an den entsprechenden Gesetzen, die in Nazi- Deutschland galten. Mehr als 75.000 Menschen wurden in die KZs der Nazis deportiert. Nur 2.500 konnten im Jahr 1945 befreit werden, alle anderen wurden Opfer der menschenverachtenden Politik. Auch die 44 Kinder von Izieu wurden Opfer des antisemitischen Terrors in Frankreich. Von dieser Schuld kann man das Vichy-Regime nicht freisprechen!

Gedenktafel für die Opfer aus dem Kinderheim von Izieu

«Wir, Philippe Pétain, Marschall von Frankreich, erklären hiermit, die Funktionen des französischen Staatschefs zu übernehmen.» Mit dieser royalen Formel leitete er jedes seiner Dekrete ein. Der Personenkult um Pétain ging so weit, dass es sogar eine zweite, wenn auch inoffizielle Nationalhymne gab: «Maréchal nous voilà». Die Melodie stammt zwar nicht aus der Feder des jüdischen Komponisten Casimir Oberfelds, aber ist in weiten Teilen von dort plagiiert. Oberfelds wurde nach Auschwitz deportiert und verstarb auf einem der Todesmärsche. 

Der Personenkult um ihn hielt sich im offiziellen Frankreich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Erst Präsident Jacques Chirac verurteilte die Verbrechen des Vichy-Regimes und nannte den französischen Staat als Verantwortlichen. Bei der rechtsextremen Partei (RN) und deren Vorsitzender Jean-Marie Le Pen gilt er immer noch als Held. 



Kategorien:Israel, Politik

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1 Antwort

  1. May you be totally wrong about the comparison…. I really want you to be wrong… But only time will tell if your predictions are right.
    Shabbat Shalom

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