Das Ende der Autokratie und ein hoffnungsvoller Neubeginn der Demokratie

8.Shevat 5781

Irgendwie war das Bild des Helikopters auf dem Rasen hinter dem Weissen Haus symptomatisch für das, was gestern, am 20. Januar 21 wenige Minuten nach acht Uhr morgens Ortszeit in Washington geschah. 

Ein roter Teppich, ein paar versprengte Journalisten, im Hintergrund hin- und herlaufende Mitarbeiter des präsidentiellen Haushaltes, die damit beschäftigt waren, Kisten aus dem Haus wegzuschleppen. Ein Fotojournalist, der frierend hinter seiner aufgebauten Kamera stand, um die letzten Minuten des scheidenden Präsidenten im Bild festzuhalten. Irgendwie surreal. Nichts rührte sich für 10, 15 lange  Minuten. 

Dann endlich nahmen zwei Marinesoldaten rechts und links der Tür Aufstellung. Keine Fanfaren, keine Ankündigungen. Herr und Frau Trump betraten, welch Wunder, Hand in Hand den kurzen roten Teppich, der ihnen zu Ehren ausgelegt worden war. Um ihn gleich wieder zu verlassen. Kein Applaus brandete auf, nichts. Ein paar Worte zu den wartenden Journalisten und dann stiegen die Trumps letztmalig in die «Marine One». Hinter ihnen schleppten Angestellte die persönlichen Koffer und Taschen der ehemals «First Family» und schon hob die Maschine ab zu ihrem letzten Flug mit diesem schlechtesten aller US-Präsidenten, der von sich selber behauptet hatte, einer der allerbesten gewesen zu sein. Der in seiner unendlichen Hybris bereits im Jahr 2017 davon geträumt hatte, sich neben den Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt am Mount Rushmore zu verewigen. 

Im «Blair House», dem Gästehaus aller Präsidenten seit 1942 verbrachten die Bidens ihre letzte Nacht als «President-elect» und Dr. Jil Biden. Sie zeigten Stil und Kultur und überliessen Herrn Trump die Minuten seines Abschiedes, nicht nur von Washington, sondern auch von der Andrews Air Force Base.

Dort sprach er vor einem Meer von Fahnen seine letzten offiziellen Worte als «Sitting-President». Trump ist ein Mann ohne Stil. Bis zum letzten Moment hat er es verabsäumt, den Gewinner der Wahl, die er offensichtlich verloren hat, zu benennen. Im Gegenteil, er kündigte an, wiederkommen zu wollen. God Safe Amerika!! 

Anschliessend bestiegen Trump, seine Frau Melania und ein Teil der Familie, letztmalig in die Präsidentenmaschine Air Force Nr. 1, um sich nach Florida fliegen zu lassen. Ein peinlicher Auftritt, auch wenn dieser letzte Pomp ihnen protokollarisch zustand. 

Aber immerhin hat er, wie mittlerweile bekannt wurde, einen Brief an seinen Nachfolger im Oval Office hinterlassen. Über den Inhalt werden wir erst dann etwas erfahren, wenn Präsident Biden mit Trump telefoniert haben wird. (So hat er es jedenfalls angekündigt.) Was andere Präsidenten ihren Nachfolgern schrieben, steht hier.

Doch dann gehörte die Bühne des Tages endgültig dem neuen gewählten Präsidenten Joe Biden. Und sie gehörte Kamala Harris, seiner wenige Minuten vor ihm vereidigten Vizepräsidentin. 

Eine Zeremonie, die aufgrund des Corona-Virus, der fast 414.000 Todesopfer in den USA gefordert hat, so würdig und so bescheiden zugleich war. 

Die Präsidenten Barak Obama und seine Frau Michelle wurden mit überwältigendem Applaus empfangen. Auch der republikanische Präsident G.W. Bush mit seiner Ehefrau bekamen ihren Ehrenapplaus, ebenso wie Bill Clinton und seine Gattin. Jimmy Carter, ein Parteikollege von Präsident Biden, konnte leider nicht teilnehmen, seine Gesundheit und sein hohes Alter von 96 Jahren liessen eine Teilnahme einfach nicht zu, wie er in einem Telefonat mitgeteilt hatte.

Vizepräsidentin Kamala Harris und ihr Ehemann wurden von Capitol Police Officer Eugene Goodman zu ihren Sitzen begleitet. Goodman hatte es während des Überfalls auf das Capitol geschafft, die Aufmerksamkeit der Eindringlinge auf sich zu ziehen und so von der Senatskammer abzulenken. Diese war zu dem Zeitpunkt nicht bewacht und einige Senatoren befanden sich noch dort. Nicht vorstellbar, was geschehen wäre, wäre sein heldenhafter Einsatz nicht erfolgreich gewesen. 

Die Vereidigungsfeierlichkeiten waren auf ein würdiges Mass reduziert worden. Moderiert wurde die Zeremonie von Senatorin Amy Klobuchar. Sie war selbst als Kandidatin der Demokraten angetreten, hatte aber bereits im März 2020 ihre Kandidatur zu Gunsten von Präsident Biden zurückgezogen. Charmant, gutgelaunt und eloquent begrüsste sie die anwesenden ehemaligen Spitzenpolitiker namentlich. Ihre Begrüssung beendete sie mit dem Satz «und jede Menge Bidens».

Sie erinnerte an die Verpflichtungen, die mit der Vereidigung einhergehen, an die Notwendigkeit, die Demokratie und den Wählerwillen aufrecht zu erhalten. Und sie erinnerte auch an die Gewalt, die genau vierzehn Tage zuvor, am 6. Januar 2021, genau an dieser Stelle an den Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses gerüttelt hatten. Der von Trump aufgewiegelte Mob richtete unglaublichen Schaden an, der weit über das Ausmass der tatsächlichen Zerstörung hinausging. 

Zuversicht, die Rückkehr zur Würde, Menschlichkeit und Freude am Amt, das war es, was die nächste Stunde vor dem Capitol auszeichnete. 

Es gab Tränen, es gab strahlende Gesichter, es gab Umarmungen und es gab nachdenklich Gesichter.

Das zeigte vor allem der Mike Pence, dessen politische Wünsche sich seit dem unrühmlichen Abgang seines Chefs in Luft aufgelöst haben dürften. Er schein über lange Minuten hinweg der einsamste Mensch auf der Ehrentribüne des Capitols zu sein, bis sich Barak Obama (seit einiger Zeit ist es in den USA üblich, ehemalige Präsidenten und Vizepräsidenten nur mit ihrem Namen anzusprechen.) seiner erbarmte und sich zu ihm gesellte.  

Lady Gaga, die grosse Überraschung, war ausgewählt worden, die Nationalhymne zu singen. Sie interpretierte diese sehr emotional und eigenwillig und umschiffte dabei auch gekonnt einige wenige, sehr schwer zu singende Passagen. 

Vizepräsidentin Kamala Harris wurde auf ihren besonderen Wunsch von Sonia Maria Sotomayor, einer von Barak Obama nominierten Richterin am Obergericht vereidigt. Für einen kleinen Augenblick zitterte ihre Stimme, nach Sekundenbruchteilen hatte sie sich wieder gefasst und legte strahlend und trotzdem sehr ernst den Amtseid ab. 

Jennifer Lopez hatte die Ehre, als nächste musikalische Darbietung den Ohrwurm «This Land is my land» präsentieren zu dürfen.

Anschliessend wurde der 46. Präsident der USA, jener Mann, auf den ab sofort die ganze politische Welt schauen wird, von John Roberts, dem obersten Richter des Bundesgerichtes vereidigt. Nach vier Jahren Trump hat das Land einen Präsidenten verdient, der die Wunden, die Trump geschlagen hat, heilt. Viel Porzellan ist zerschlagen worden, viel Misstrauen gesät. Die USA sind ein in sich gespaltener Staat, die Gräben verlaufen durch alle Gliedstaaten, durch alle Bevölkerungsschichten und durch alle Ethnien.

In seiner ersten Rede als Präsident wies Präsident Biden auf die vielen Probleme hin, machte aber auch Mut und äusserte Zuversicht, dass es möglich sein wird, den Heilungsprozess in Gang zu setzen. Als eine seiner ersten und vordinglichsten Aufgaben nannte er die effiziente Bekämpfung von COVID-19, jener schrecklichen Pandemie, die in den USA bereits über 416.000 Menschen das Leben gekostet hat. Und das nicht zuletzt deswegen, weil an der Spitze des Staates ein völlig unfähiger Politiker stand. Es tat gut, der Rede Bidens zuzuhören, unaufgeregt, sachlich und trotzdem emotional, empathisch und ganz klar, wie die kommenden vier Jahre seiner Präsidentschaft aussehen werden. 

Dann aber kam die grösste Überraschung des Tages. Eine junge Dame war mir schon seit Beginn der Feierlichkeiten aufgefallen. Auffallend gekleidet mit einer sehr eigenwilligen Frisur (vor allem der rote Haarreif, der so prominent oben auf dem Kopf thronte, war beachtenswert), machte immer wieder Selfies. Eine ganz normale junge Frau eben. 

Doch dann stand Amanda Gorman (22) auf einmal am Rednerpult. Wer es nicht selber am Fernsehen sehen konnte, hier kommt der Text ihres Gedichtes in Englisch und auf Deutsch sowie das Video.

https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-812621~player_branded-true.html

Damit war der offizielle Teil im Wesentlichen beendet.

Präsident Biden und seine Ehefrau machten sich auf den Weg in ihr neues Domizil, das Weisse Haus.

Vizepräsidentin Harris und ihr Ehemann begleiteten Mike und Karen Pence aus dem Capitol, wie es die Tradition vorgibt.

Weitere Feierlichkeiten wie die sonst ausserordentlich beliebten Bälle fanden aufgrund der Pandemiebeschränkungen nicht statt. 

So konnte der neue Präsident sein neues, altbekanntes Büro einrichten und auch die ersten Dokumente unterschreiben. Und wie ruhig und unaufgeregt ging das vor sich, obwohl die Themen von absoluter Dringlichkeit waren. Rückkehr zum Klimaabkommen, umfassende Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, Baustopp an der Grenzmauer zu Mexiko, Erneuerung der Mitgliedschaft in der WHO… 

Das, was die Journalisten zu sehen bekamen, unterschied sich wohltuend von der gleichen Situation vor vier Jahren. Während Trump damals jede Unterschrift in Gegenwart seines gesamten Stabes so präsentierte, als hätte er gerade ein Wunder eingeleitet, arbeitete Präsident Biden ein Dokument nach dem anderen ab. 

Natürlich wird es nach der ersten Zeit des politischen Honeymoons auch Schattenseiten geben, aber ich vertraue darauf, dass dieses US-amerikanische Führungsteam seine Arbeit sehr ordentlich und zum Wohle der USA und der Welt machen wird!



Kategorien:Aus aller Welt, Israel, Politik

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