Die «Erwählten»? Oder wie wird man zum Polit-Hooligan?

13. Shevat 5781

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Williamsburg 1941. Die USA sind gerade in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Auf einem Spielfeld treffen zwei Mannschaften zum Baseballspiel aufeinander. Auf der einen Seite spielen die blassen, in ihren Tallit-Katan gehüllten Söhne der chassidischen Gemeinde, auf der anderen Seite die Söhne der modernen und religiösen Zionisten. 

Unter ihnen die beide Protagonisten Danny Saunders, Sohn eines charismatischen und sehr den Traditionen verpflichtete Rebbe und Reuven Malter, dessen Vater ein religiöser Jude, Zionist und Journalist ist. Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht ein können, prallen nicht nur virtuell aufeinander. Die Geschichte bringt uns einerseits mitten in das ultra-religiöse chassidische Leben am «Hof» eines bekannten Rebbes und Zadiks, der kein Leben ausserhalb seines kleinen, eng abgegrenzten Umfeldes anerkennt und toleriert. Und andererseits in das Leben eines weltoffenen und kritischen modernen Juden.

So werden auch die Kinder erzogen. Reb Saunders verweigert seinem Sohn die liebevolle Kommunikation, Danny wächst in einer Welt des Schweigens auf, die seine Neugierde nicht befriedigen kann. Wenn sie reden, dann nur über den Talmud und die Thora. Ganz anders Reuven, er lebt mit seinem alleinerziehenden Vater, der ihn in seinem Wissensdurst fördert und den politischen Alltag zu einem Hauptthema der Unterhaltung macht. 

Während Danny eine andauernde intellektuelle Beschränkung auf das für den Vater Wesentliche erduldet, darf sich Reuvens Intellekt ausbilden. Auch wenn es am Anfang gar nicht danach aussieht, die beiden werden Freunde, tauchen, soweit es zugelassen wird, in die Welt des anderen ein und profitieren voneinander. Im Laufe der Geschichte geht es um weit mehr als um die unterschiedlichen jüdischen Ausrichtungen, es geht um Menschlichkeit, Freundschaft und Loyalität. 

Dass Chaim Potok für seinen Roman genau diese Zeit gewählt hat, ist durchaus beabsichtigt.  Der Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland, die Befreiung der KZs betrifft beide, die Chassiden und die Zionisten. 

Warum ich über dieses wunderbare Buch schreibe? (Für einen längeren Bericht ist hier leider kein Platz, ich empfehle aber sowohl das Buch als auch den Film!) Weil das Buch für mich zeigt, dass auch in einer chassidisch-haredischen Welt durchaus Platz ist für das Verständnis und die Akzeptanz der staatlichen Ordnung. Und auch, weil es zeigt, dass es gesellschaftliche Beziehungen und Kommunikationskanäle zwischen diesen beiden Welten gibt.

Ich habe kein Problem damit, wenn sich etwa 10 % der israelischen Bevölkerung als ultraorthodox bezeichnen. Ich habe auch kein Problem damit, wenn sie glauben, sie könnten besser und gottgefälliger leben, wenn sie sich in ihren eigenen Orten (Bnei Brak, Eilad, Bet Shemesh Ilit, Beitar Illit, Modi’in Illit oder auch innerhalb Jerusalems in Mea Sharim) einigeln und damit selber ausgrenzen.

Es ist mir auch egal, wenn sie «Shabbos Shabbos!» schreien, wenn sich jemand mit dem Auto auf dem Weg zum Toten Meer am Schabbat durch ihre Gebiete traut. Wenn sie aber Steine auf die Autos werfen und niemand sie einbremst, dann empfinde ich das als kriminell.

„Freundliche Aufforderung“ in Mea Shearim

Ja, es ist mir auch gleichgültig, wenn sie auf einer «bescheidenen Kleidung» für Frauen bestehen. Niemand, der nur über ein halbwegs normales Anpassungsvermögen verfügt, würde durch unpassende Kleidung einen Rauswurf aus einer katholischen Kirche oder einer Moschee provozieren. 

Wenn sie mich aber mit Dreck bewerfen, nur weil ich nota bene, durchaus korrekt bekleidet und als Jüdin erkennbar, dann ist das Ende des Verständnisses erreicht. 

Diese Situation war für mich im Jahr 2010 in Mea Shearim der Wendepunkt meiner Toleranz. 

Und seither hat sie mehr und mehr abgenommen. 

Wie kann es sein, dass eine zur Gewalttäterin mutierte Frau, die ehemalige Schuldirektorin Malka Leifer, vom damaligen Gesundheitsminister Yacov Litzman, einem Gerer Chassiden, vor der Auslieferung in ihr Heimatland Australien beschützt wurde? Er hatte versucht, mit falschen (!) medizinischen Gutachten zu erreichen, dass sie für prozessunfähig erklärt würde. Am vergangenen Montag, 25. Jan 2021, wurde sie nach sieben Jahren in Israel ausgewiesen und muss sich nun in 74 Fällen von sexuellem Missbrauch an Kindern verantworten. Aber auch ihr Beschützer Litzman wird sich hoffentlich vor Gericht wegen Beihilfe zur Pädophilie verantworten müssen. Allerdings liegt die Klageschrift seit 2019 auf einem Aktenberg von unbearbeiteten Fällen. 

Malka Leifer und Yaacov Litzmann © plus 61 Media

In der derzeitigen Situation, in der die Zahl der mit COVID-19 Infizierten weiterhin steigt, obwohl wir in Israel die höchste Zahl der erfolgten Impfungen haben, kommt der haredische Sektor wieder verstärkt in den Fokus der Nachrichten.

Nicht nur, dass alte Zausel-bärtige Männer, die nie etwas anderes getan haben, als ihre frommen Bücher zu lesen und zu interpretieren, auf einmal glauben, sie und nur sie seien diejenigen, die die Verbreitung der Viren beeinflussen könnten. Oder, dass Viren einfach verschwinden, wenn man sie ignoriert. Und, dass Mashiach, sie schon beschützen wird, wenn sie nur weiterhin ihr «gottgefälliges» Leben leben.

Rav Shmaryahu Yosef Chaim Kanievsky (93) und Rav Yerachmiel Gershon Edelstein (97), zwei der einflussreichsten Führer der ultra-orthodoxen, nicht chassidischen Litvaker Gemeinden in Israel, befahlen, entgegen allen geltenden Vorschriften, ihre Schulen offen zu halten. Und niemand war da, der sie dafür bestrafte. 

© screenshot ToI

Sie forderten zunächst auch dezidiert dazu auf, sich nicht impfen zu lassen. Es gab Ausnahmen. Der Enkel von Rav Kanievsky wurde geimpft, nachdem sein Grossvater ihm dies schriftlich erlaubt oder besser gesagt, befohlen hatte. Das Ereignis war von so grosser Bedeutung, dass es sogar auf der Webseite des israelischen Gesundheitsministeriumsveröffentlicht wurde. Immerhin folgte nach eingehenden Beratungen der Entscheid, dass sich die Litvaker Juden impfen lassen sollen, sobald es möglich ist. 

Wie weit entfernt Teile der haredischen Gesellschaft von der Realität entfernt sind, zeigen die Aussagen von Rabbi Daniel Asor, der nicht zum ersten Mal als Verschwörungstheoretiker auftritt. Nicht nur, dass er behauptet, es gäbe Beweise, dass die Impfstoffe embryonale Substrate enthalten, die die sexuelle Ausrichtung von Menschen beeinflusse, darüber hinaus seien sie auch Werk einer bösartigen Weltregierung. Der Einfluss dieses Lügen verbreitenden Rabbis darf nicht unterschätzt werden, er versteht die Wirkungen der sozialen Medien perfekt. Dieser Mann erinnert mich mit seinen kruden Theorien an die christlichen Verschwörungstheorien aus dem Mittelalter. 

Seit einigen Tagen stacheln Haredim auf zu Aufruhr und Aufstand. In Bnei Brak, einer ihrer Hochburgen, entkam am Sonntagabend ein Busfahrer von Egged, dem nationalen Busunternehmen und ehemaliger Stolz der israelischen Gewerkschafter, nur knapp dem Feuertod, nachdem ein aggressiver Mob seinen Bus in Brand gesetzt hatte. 

Der brennende Bus in Bnei Brak © ynetnews

Zuvor hatten Hundertschaften von Polizisten am Sonntagabend versucht, die geltenden Massnahmen zur Einschränkung des Virus in Bnei Brak durchzusetzen. Der Versuch ging gründlich daneben. Die Polizei lieferte sich zwar zunächst heftige Gerangel mit den Randalierern, zog sich aber dann, als es immer gefährlicher wurde, zurück. 

Während Israel sich mehr oder minder damit abgefunden hat, nun auch noch die letzten Wochen des Lockdowns zu meistern, haben sich die haredischen Israelis für das entschieden, was sie derzeit am besten verstehen: Widerstand, Randale, Gewalt und Terror.

Und es ist niemand da, der sie wirklich nachhaltig einbremst, zur Ordnung ruft, straft oder gar festnimmt. Alles ist wie immer, wenn es um den ultra-orthodoxen Sektor und ihre Rechtsauffassung geht. 

Verteidigungsminister Benny Gantz kündigte heute, 26. Januar 21 an, er werde gegen die Verlängerung des Lockdowns, der am Sonntag 31. Januar enden soll, stimmen. Das klingt absolut unverantwortlich und wird erst verständlich, wenn man die Begründung dazu liest. 

Er verlangt, dass PM Netanyahu endlich die Strafen bei Übertretungen der Schutzmassnahmen verdoppelt. Der entsprechende Gesetzesvorschlag wurde in erster Lesung anerkannt, allerdings, erwartungsgemäss mit den «Nein-Stimmen» der ultra-religiösen und der arabischen Parteien. Was zu erwarten war, denn dies sind die Gruppen mit den höchsten Infektionsraten und der geringsten Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten. 

Also alles eine Frage der Politik. Israeli läuft offenen Auges in eine Katastrophe. Solange ein PM die gesamte Politik zur persönlichen Sache macht, macht er sich abhängig von den Stimmen derer, die das Chaos verursachen. Verärgert er sie, verliert er ihre Stimmen. Verliert er ihre Stimmen, verliert er seine Macht. Verliert er seine Macht, verliert er seinen scheinbaren Glanz und fällt in die Bedeutungslosigkeit zurück.

Israels PM Netanyahu hat sich schon vor langer Zeit an die ausserhalb jeden Gesetzes stehenden Ultra-Orthodoxen «verkauft». 

Es gibt nur einen Weg aus der Misere, wir brauchen einen neuen PM, der ohne politische Altlasten regieren kann. 



Kategorien:Israel, Politik

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  1. Liebe Esther

    Danke für den sehr guten Bericht, hoffentlich kann er auch bei Euch in Israel gelesen werden?

    BN und die Ultra-orthodoxen befinden sich im gleichen Korsett gegenseitiger Abhängigkeit und schaden verantwortungslos der Mehrheit.

    Traurige Figur ist und bleibt weiterhin BN, schade für so einen Staatsmann.

    Die Haredis zu bekehren wird für den nächsten PM keine einfache Aufgabe auch gar nicht per Gesetz.

    Sie glauben an Vis major und der Virus ist nur nebensächlich, auch wenn andere Leute sterben müssen. Und doch, ohne Andere wären sie gar nicht mehr da wo sie sind. Eigentlich sind die Haredis die inneren Feinde Israels !

    Wer und wie ist das Problem zu lösen? Wer weiss eine Antwort oder eine Lösung des Problems?

    Liebe Esther Du bist gradlinig , ich wünsche Dir noch lange so viel Energie und grüsse Euch Beide herzlich
    Mathi

    Gefällt 1 Person

  2. Thank you Esther for a beautifully written piece. I am hoping that history will view this pandemic as a turning point in the Haredi world. It may take some times for the fine cracks to turn into a full blown transformation. But I am also aware that it may need to get much worse before it can start getting better, and by worse I mean really worse…. And you are so right, if only the PM was concerned about the situation and not about his own survival.

    Gefällt 1 Person

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