Eine schwache Vorstellung, gespickt mit Ungenauigkeiten

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18. Shevat 5781

In diesem Jahr konnte die prestigeträchtige Grossveranstaltung WEF in Davos Corona-bedingt nicht in der bekannten Art stattfinden. Das noble Ziel des bereits 50 Jahre alten Forums ist es, «den Zustand der Welt zu verbessern».

Hochangesehene Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, UN und Vertreter von besonderen Interessensvertretungen nahmen 2021 vom 24. bis zum 29. Januar an den virtuellen Meetings teil. 

PM Netanyahu sprach am Mittwoch, 27. Januar. Das vollständige Video inklusive der anschliessenden Diskussion mit Spezialisten aus drei Staaten ist hier verlinkt. (Neben dem englischen Original stehen dort verschiedene Simultanübersetzungen zur Verfügung.)

Es war eine recht schwache Vorstellung. Nicht nur, dass seine Rhetorik weit entfernt von dem war, was wir normalerweise von ihm gewohnt sind. Statt des strahlenden, überzeugenden Heldenbaritons war es teilweise ein Stammeln und Stottern. Statt voller Überzeugung den Blickkontakt mit den virtuellen Zuschauern zu suchen, schweifte der Blick immer wieder nach links-oben ab, als hoffe er, von dort Unterstützung zu erhalten. 

Die hätte er auch dringend notwendig gehabt. Seine Rede war unpräzise. Entweder für den Zeitungsleser sofort durchschaubar oder beim Überprüfen seiner Rede.

Ich nenne nur ein paar der gravierendsten Irrtümer oder gar Falschaussagen:

Bisher seien 82 % der Bevölkerung geimpft, behauptete er strahlend, 82 % von knapp 10 Millionen sind 8.2 Millionen. Tatsächlich wurden bis zum 28.1.21 4.4 Millionen Impfdosen verabreicht. Von den etwa 2.9 Millionen, die die erste Impfung erhalten hatten, haben mittlerweile etwa 1.5 Millionen auch die zweite Dosis erhalten. Woher unser PM seine Zahlen nimmt, ist mir völlig unklar. 

Wahr hingegen ist, dass etwa 98% der Bevölkerung in Israel über eine digitale Krankenakte verfügt, in der alle Daten der vergangenen 20 Jahre akribisch notiert werden. Dank diesem System war es möglich, mit Pfizer einen Vertragabzuschliessen, der sicherstellt, dass alle relevanten Daten der Impfungen anonymisiert weitergegeben werden. So kann Pfizer, und davon profitieren schlussendlich alle, die Impfstoffe weiter verbessern und modifizieren. 

Dass natürlich nur der PM für die beispielhafte Versorgung mit dem lebensrettenden Impfstoff verantwortlich zeichnet, betonte er mehrfach. 21-mal habe er mit dem CEO von Pfizer telefoniert, bis er schliesslich alle Verträge unter Dach und Fach gehabt habe. Auch, wenn man davon ausgehen muss, dass COVID uns auch weiterhin begleiten wird und sich nicht auf einmal in Luft auflöst, so hat er dafür Sorge getragen, dass bereits jetzt genügend Impfstoffe für eine dritte Impfrunde bestellt sind. Ganz treusorgender Landesvater wischte er die Bedenken, sie im Vergleich mit anderen Staaten zu teuer bezahlt zu haben vom Tisch. Er habe gefordert, einfach einen Preis zu machen, er würde jeden akzeptieren. Und, so seine Schlussfolgerung, je höher und je dringlicher die Nachfrage würde, desto höher würde der Preis werden. Also hätte sich seine Taktik schlussendlich sogar als die preiswertere erwiesen. Na ja, so kann man natürlich auch argumentieren!

Sein erster Gesprächspartner war Dr. Stefan Oschmann, CEO des deutschen Pharma- und Chemieunternehmens Merck KGaA. Ab April 2021 wird er dort planmässig von der spanischen Medizinerin Belén Garijo López abgelöst. Oschmann, ausgebildeter Veterinärmediziner, wird sich dann wohl vermehrt seinem gewinnbringenden Hobby, dem Galopprennsport zuwenden. 

Vorher wollte er aber noch wissen, welchen Ratschlag unser PM an andere Staaten geben würde, um sie ebenso erfolgreich zu machen, wie Israel. 

Der gab spontan als die drei wesentlichsten Bereiche an: Bildung, Freier Markt und Innovation. Dem kann man im Prinzip nichts entgegensetzen. 

Nur, dass die Zahlen teilweise eine andere Sprache sprechen. 

PM Netanyahu verbucht es als seinen eigenen Erfolg, dass Israel seinen Platz innerhalb der vergangenen 5 Jahre um 18 Plätze verbessert haben soll. 

Die entsprechende Bewertung der Jahre 2014-15 sieht Israel auf Platz 27. Im The Global Competitiveness Index 2017–2018 des WEF liegen wir auf Platz 16 von 137 bewerteten Staaten. Im vorhergehenden Report lag Israel noch auf Platz 24. Das ist tatsächlich ein schöner Erfolg, der hoffen liess. Im folgenden Report 2019 stagnierten wir auf Platz 20. Die nominelle Abweichung basiert auf unterschiedlichen Messmethoden. (Appendix A im Link).

Hier kann man also nicht von einer signifikanten Verbesserung sprechen. 

Im Bereich der Hochschulbesuche der 25- bis 64-Jährigen liegt Israel (50.2 %) deutlich über den OECD  (38.0 %) Durchschnitt. Das Gymnasium besuchen 36.8 %, der Mittelwert der OECD Staaten liegt bei 41.0 %. Nur den absoluten Minimalabschluss haben in IL 12.9 % und in der OECD 21.4 %. Etwas anders schauen die tatsächlichen Abschlüsse aus. 92.5 % aller Gymnasiasten legen die Matura ab, in der OECD ist der Mittelwert 80.85 %. Mit einem Doktorat beenden nur 0.48 % aller Israelis ihre Studien, innerhalb der OECD sind es 0.74 %.

Aufgrund dieser Zahlen kann man durchaus sagen, dass Israel im Bereich Erziehung eine gute Position innerhalb der OECD einnimmt. 

Die wirtschaftliche Situation der Israelis ist hingegen, schaut man die gesamte Bevölkerung an, dramatisch. Menschen, die als «working poor» bezeichnet werden müssen, die es also, obwohl sie im Arbeitsmarkt mehr oder weniger integriert sind, zu keinem, noch so bescheidenen Wohlstand bringen, ist sehr hoch. Ihnen steht weniger als 50 % des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung. Im Jahr 2018 lag sie für alle israelischen Arbeitnehmer bei 17 %, gegenüber dem OECD Mittelwert von knapp 12 %. Schaut man aber drei signifikante Gruppen in Israel an, so sind die Zahlen erschreckend. Bei den Ultrareligiösen liegt sie bei 42.3 %, bei den Arabern sogar bei 45.3 %, während sie bei der nicht-religiösen Gruppe nur bei knapp 14 % lag. 

In einem Punkt muss man den Ausführungen von PM Netanyahu aber recht geben. Israel ist weltweit führend im Bereich der Wasseraufbereitung. Er sprach zwar von 90 % des Abwassers, das wieder aufbereitet wird, tatsächlich sind es 80 %. Um das Wasser für den Gebrauch in der Landwirtschaft nutzbar zu machen, wird die Hälfte chemisch mehrmals aufbereitet. Danach kann es unbedenklich dort eingesetzt werden, wo das Wasser direkten Einfluss auf die essbaren Pflanzenanteile nimmt. Zusätzlich wird als Kriterium herangezogen a.) welchen räumlichen Abstand der essbare Pflanzteil von den Wurzeln hat, und b.) ob und wie lange die Pflanze vor der Ernte trocknet (Getreide). Unbedenklich ist der Einsatz von aufbereitetem Abwasser u.a. bei Baumwolle und Pflanzen für Tierfutter.

Ob es allerdings stimmt, dass wir bereits jetzt schon einen solchen Wasserüberfluss haben, dass wir nicht genutztes Wasser aus dem Süden wieder zurück in die Reservoire im Norden leiten, das konnte ich nirgendwo belegt finden. 

Unser PM Netanyahu, einst ein ausgewiesener Sicherheitsexperte, glaubt mittlerweile für jedes Fachgebiet, das von einem Minister geführt wird, das ultimative Know How zu haben. Damit beschneidet er die Kompetenzen von Fachleuten, und ignoriert deren Fachkenntnisse.



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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1 Antwort

  1. … and yet he will win the elections and be the next primeminister. Again. Unbelievable.

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