Ein israelischer Radiosender wird zum politischen Sprachrohr für Netanyahu

18. Adar 5781

In den 60er und 70er Jahren, lange vor der Zeit des digitalen Radioempfanges und noch länger vor dem Siegeszug des Internet, war es mein grosses Vergnügen, auf meinem kleinen Transistorradio einen bestimmten Sender zu suchen. 

Grundig Transistorradio aus den 70er Jahren

Wie glücklich war ich, wenn ich dann endlich irgendwo im Kurzwellenbereich die liebgewordene Stimme hörte «Kol Israel». Zumeist nicht besonders klar, aber immerhin erkennbar. Von den Nachrichten verstand ich kein Wort, aber die Musik war mir vertraut. Vielleicht wäre der Empfang auf dem grossen alten Gerät im Wohnzimmer besser gewesen, aber das Gerät war schon recht altersschwach und jede Manipulation hätte sein Ende bedeuten können. 

So etwa hat es ausgesehen, das Nordmende Radio, noch mit Röhren

Irgendwann stiess ich auf Radio Galatz, den israelischen Militärsender, der in Europa ebenfalls auf einer Kurzwellenfrequenz empfangen werden konnte. Ich wusste nicht, dass der Sender Teil des «Education and Youth Corps»der IDF war und unter der Leitung eines Generals stand. Dieser ist bis heute in der Regel ein Zivilist, der vom jeweiligen Verteidigungsminister ernannt wird. 

Später, nach meiner Einwanderung nach Israel hörte ich jeden Tag auf dem Weg zum Ulpan [Hebräisch Kurs für Neueinwanderer] Radio Galgalatz. Dieser Sender ist ein Spin-off von Galatz, und wird daher ebenfalls von der IDF geleitet. Vom Stil her moderner, abwechslungsreicher und umfassender ist er der Sender mit dem höchsten Marktanteil. «Gal Gal Gal Galatz!», die Senderkennung wurde bald Teil meines persönlichen Sprachlernprogrammes. Die kurzen Interviews zu Problemen und Fragen des Alltags konnte ich bald gut verstehen. Ich war so stolz!

Seit einigen Jahren mehren sich die Stimmen, den Sender von der IDF abzulösen und zu privatisieren. Noch während des Yom Kippur Krieges im Jahr 1973 war ein Sender der IDF wichtig gewesen, um die Bevölkerung flächendeckend, schnell und umfassend über das Kriegsgeschehen zu informieren. Heute kann das problemlos via Anruf am Handy geschehen. Die Gefahr ist nicht kleiner geworden, sie ist derzeit wieder gross. Aber die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich deutlich verbessert. 

Radio Galgalatz ist, seit er auf Sendung ist, eine Kaderschmiede für Journalisten und auch für Politiker. Wer dort den obligatorischen Dienst ableisten will, muss zum einen die Grundausbildung absolviert haben. Die Zahl der Bewerber ist hoch, zu den etwa 100 militärischen Mitarbeitern kommt die gleiche Zahl an Zivilisten. Nur wenige absolvieren erfolgreich das strenge Auswahlverfahren. Der Radiosender steht auf militärischem Gebiet. Und so müssen die Mitarbeiter neben ihrem Job als Reporter und Journalist auch militärische Aufgaben übernehmen. Dies insbesondere im Bereich der Sicherheit. 

Das Programm ist vielfältig. Verkehrsnachrichten, Wetter, das musikalische Wunschprogramm für Soldaten, «Mothers Voice», eine Sendung, in der Mütter von Soldaten zu Wort kommen, Interviews mit Politikern und Prominenten….

Als Militärsender ist sind die beiden Sender strengen Vorschriften unterworfen, was die Geheimhaltung von sensiblen Nachrichten betrifft. Militärische Informationen und Berichte über Sicherheitsfragen müssen vor der Sendung mit der Zensurbehörde abgesprochen werden. Eigentlich gilt das auch für private Sender, aber die halten sich weniger daran. Das erzählt eine Mitarbeiterin. Überhaupt gerät das Thema Pressefreiheit in Israel immer wieder in den Fokus von «Reporter ohne Grenzen». Aktuell steht Israel auf Platz 88 von 180 beobachteten Staaten. Im Jahr 2015 lagen wir noch auf Platz 96.

Reporter, so die einstimmige Meinung, dürfen keine eigene Meinung haben, oder sie zumindest in der Sendung nicht aussprechen. Gerade das macht die Sender so authentisch. Es gibt keine Beschönigungen, keine Verharmlosungen. Berichtet wird, wie es ist. Objektiv. 

Doch nun scheint es eine Änderung zu geben. Nicht auf Anraten des Verteidigungsministers, nicht auf Anraten des Kulturministers. Beides wäre noch irgendwie verständlich. 

Nein, diesmal ist die treibende Kraft hinter dem Versuch, mit den beiden Militärsendern politische Machtspielchen zu betreiben ein Mann namens Jacob Bardugo. Er nennt sich selber einen «politischen Analysten». Seine Hauptaufgabe besteht darin, jede Kritik an Netanyahu und deren Urheber in der Luft zu zerreissen, ja fast zu pulverisieren. Niemand, noch nicht einmal der PM selber, hat eine grössere Medien Präsenz. 

Ganz weit oben auf seiner Agenda steht der Kampf gegen GStA Avichai Mandelblit. Gegen den möchte er mit Hilfe der beiden Militärsender zu Felde ziehen, unerbittlich. Sendern, die von Steuergeldern finanziert werden. Politik, persönliche Interessen und korrekter Journalismus werden von Bardugo schamlos vermischt. 

© screenshot ToI

Yaron Deckel, damaliger Chef der Sender lud  im Jahr 2016 Bardugo ein, politischer Chef Analyst und Mitgestalter der populären Abendnachrichten zu werden. Mitarbeiter, die schon länger für die Sender arbeiteten, erkannten, dass Bardugo nichts anders war als ein Sprachrohr für Netanyahu und den Likud.

Sein Arbeitsvertrag sah keine Bezahlung vor, im Gegenzug musste er aber auch kein Papier unterschreiben, dass die Sender von Interessenkonflikten bei den Mitarbeitern schützten. Ein geschickter Schachzug!

Im Zuge der Einvernahmen zu den unterschiedlichen anhängigen Prozessen gegen PM Netanyahu gab dieser zu,  dass er «einen Deal mit Deckel ausgehandelt hätte, um den Charakter des Militärradios zu verändern,  und dessen Nachrichtenabteilung zu überarbeiten.» Eine hübsch verbrämte Aussage, um ein unglaubliches Vorgehen zu bagatellisieren. 

Der Militärsender wird ausschliesslich vom Steuerzahler finanziert. Bardugo missbraucht also, im Namen von und für Netanyahu öffentliche Gelder, um einen öffentlichen Sender zum Sprachrohr für dessen zu machen. 

Und, um zumindest während des letzten Jahres die Legitimität des obersten israelischen Gerichtes in Frage zu stellen. 

Netanyahu tut alles, um eine Propagandamaschinerie aufzubauen, die der von Diktaturen in nichts nachsteht. Ein skrupelloser Mensch wie Bardugo ist dabei mehr als hilfreich. 

So musste ab 1933 jeder Haushalt in Nazideutschland einen «Volksempfänger» haben, um jederzeit die Propagandareden und später die «Siegesmeldungen» der Nationalsozialisten hören zu könne. Der anschliessende Zeichentrickfilm «Die Schlacht um Miggershausen» ist ein typischer  Propagandafilm der Nazis. Gegen Ende des Filmes heisst es: «Kaum sind die Volksempfänger da, geht es aufwärts.» [Originalton aus dem Jahr 1937]



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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  1. Thank you Esther for a very informative article. I don’t usually listen to Galatz anymore, and therefore wasn’t aware of the takeover. Very troubling!

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  2. Nach etwa 15 Jahren Netanyahu als PM, davon durchgehend 12 Jahre, ziehe ich eine Bilanz:

    Die politische Moral in Israel ist weggewischt. Im Umfeld von Likud und weiteren, teils extrem rechten Parteien und im persönlichen Umfeld von Netanyahu fehlt der menschliche und politische Anstand.

    Unter dieser rechten Langzeitregierung, hat sich der ehemalige einzige demokratische Staat im Nahen & Mittleren Osten an die Autokratien und Diktaturen in seinem Umfeld angepasst.

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