Wochenabschnitt:Ki Tisa, Shmot 30:11 – 34:35, 2. Buch

ב“ה

21./22. Adar  5781                                05./06. März 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  17:00

Schabbatausgang in Jerusalem:                              18:17

Der heutige Wochenabschnitt beginnt mit der Aufforderung an Moses, die Personenzahl des Volkes Israels festzustellen. Das verwendete Wort לשאת (lass’et) kann mehrere Bedeutungen haben. Die Wurzel נשא (nassa) finden wir in den Wörtern: erheben, tragen, heben, ertragen, aber auch heiraten. Bei Rabbi Hirsch finden wir folgenden Hinweis:לשאת   das Erheben im Sinne von zählen muss immer zusammen mit dem genannt werden, was gezählt werden soll, hier also  לשאת ראש des Kopfs. Der Kopf nicht als Körperteil des einzelnen Individuums, sondern als kollektive Personenzahl des Volkes Israel, als dessen «Körper». Dadurch, dass die Bevölkerungszahl des Volkes Israel kollektiv gezählt wird, kann sich eine stärke Anbindung des Individuums an das Kollektiv bilden. Dass für Gott jeder «Kopf» gleich viel wert ist, lässt sich daraus erkennen, dass er von jedem Erwachsenen eine gleiche «Spendensumme» erwartet, unabhängig vom Vermögen oder Einkommen. 

Nachdem Gott nochmals die bisher dem Volk Israel durch Moses gegebenen Vorschriften, Gesetze und Regeln wiederholt hatte, gab er ihm den schriftlichen Vertrag, der von nun an auf ewig gelten sollte: zwei Tafeln, geschrieben von seiner göttlichen Hand.

Moses macht sich, die unschätzbar wertvollen Tafeln vorsichtig tragend auf den Weg hinunter zu seinem Volk. Er wird sich gefreut haben, wieder bei ihnen zu sein und ihnen Tafeln als Zeichen bringen zu könne, dass Gott nun wirklich, ganz real «unter ihnen» wohnen würde. Er wird sich gefreut haben, dass er die Tafeln an ihren Wohnort, die kostbare Truhe, die im Stiftszelt stand, bringen konnte. Und er war sicher glücklich, dass sein Bruder Aaron und zwei seiner Söhne dort den Dienst für Gott versehen würden.

Aber, er hatte nicht mit der Ungeduld seines Volkes gerechnet. Vielleicht war er wirklich ein wenig zu spät zurückgekehrt, aber das war noch kein Grund, dass die Kinder Israels nun völlig verunsichert waren. Sie hatten Angst, Moses wäre für sie verloren und verlangten von Aaron, ihnen neue Götter zu bauen, die sie von jetzt an führen sollten. 

Aaron versucht, Zeit zu schinden. Erwählt nicht irgendeine Form, er wählt ein Kalb, das den «neuen Gott» der Ungeduldigen darstellen soll. Und er nimmt sich Zeit, um dieses Götzenbild zu bauen. Der folgende Satz löst eine Frage aus. Wer spricht die Worte 

וַיֹּאמְרוּ–אֵלֶּה אֱלֹהֶיךָ יִשְׂרָאֵל, אֲשֶׁר הֶעֱלוּךָ מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם

Das ist euer Gott, Israel, der euch aus dem Land Ägypten herausgeführt hat.

Es können keine Mitglieder des Volkes Israel sein, sonst müsste es ja heissen: unser Gott. In EX 12:38 haben wir erfahren, dass sich fremde Gruppen den Kindern Israel auf ihrem Weg nach der Flucht aus Ägypten angeschlossen hatten. וְגַם-עֵרֶב רַב, עָלָה אִתָּם  [auch andere Gruppen gingen mit ihnen.] Könnte es nicht so gewesen sein, dass diese das Volk Israel aufgehetzt hatten? Aaron selbst scheint sich zwar einerseits dem Aufruhr nicht entziehen zu können, aber er versucht nochmals, die Wogen zu glätten, indem er den kommenden Tag zu einem Feiertag für Gott erklärte.

Als Gott jedoch sieht, was passiert bezeichnet er das Volk Israel als korrupt und sturköpfig. Er ist wütend und beschliesst, das Volk auszulöschen. Es ist der Intervention Moses’ zu verdanken, dass Gott sich in Erinnerung an seinen frühen Bund mit den Vorvätern anders entscheidet. 

Doch auch in Moses glühte purer Zorn. Was sollte er dem Volk Israel so etwas Wertvolles, wie die von göttlicher Hand geschriebenen Tafeln bringen? Was sollte er ihnen das grossartige Geschenk Gottes, seinen ewigen Vertrag mit ihnen, überreichen? Es ist durchaus zu verstehen, dass er voller Wut nicht nur das Goldene Kalb zerstört, sondern auch die Bundestafeln zerschmettert! Wie anders hätte unser aller Leben vielleicht verlaufen können, wenn dieser Aufstand nie stattgefunden hätte. 

Und doch ist diese Ungeduld zutiefst menschlich. Wie oft geben wir auf, verzweifeln wir, weil etwas, auf das wir warten, oder das uns versprochen wurde, nicht innerhalb der angegebenen Zeit eintrifft. Manche Menschen warten ewig und zerbrechen daran. Andere wiederum geben auf und begnügen sich mit dem, was sie haben. Das Volk Israel muss sich auch mit dem Zweitbesten begnügen. Moses wird Gott zwei von Menschenhand gehauene Steintafeln bringen und seine eigene Hand muss sich den Vertrag von Gott diktieren lassen. 

Warum wird Aaron nicht gemeinsam mit den anderen Aufwieglern bestraft? Die Antwort auf diese Frage erschliesst sich nicht aus dem Text. Ein erster Fall von Protektion? Nicht Moses hat als Anführer des Volkes versagt, sondern Aaron, der von Gott als sein Priester erwählt wurde. Moses sieht die Schuld bei Aaron, doch er legt bei Gott ein gutes Wort für ihn ein. 

Gott hat seinem Volk seine Ungeduld, seinen Unglauben, seine Abkehr verziehen. Doch es ist kein endgültiges Verzeihen im Sinne einer Löschung aus dem Strafregister. Die Strafe wurde umgewandelt in eine aufschiebende Bewährungsstrafe. Am Tag der endgültigen Abrechnung wird Gott den Fall noch einmal individuell für jeden Einzelnen betrachten. 

Fortan wird er nicht mehr mit seinem Volk ziehen, er wird ihnen einen Engel zur Seite stellen. Aber er gibt ihnen als Trost und Hoffnung seine göttlichen Eigenschaften mit auf den Weg. In Ex 34:6-7 lernen wir sie kennen: «Ewiger, ewiger, Gott, barmherzig und zugewandt, langmütig, reich an Gnade und Wahrheit, bewahrt Gnade für Tausende, hebt auf Sünde und Schuld und Fehler und läutert». Worte die Hoffnung geben, in ihm einen gerechten Richter zu finden. An die wir uns immer wieder in den Gottesdiensten erinnern.

Shabbat Shalom

So könnte es auch geschehen sein:



Kategorien:Israel, Religion

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1 Antwort

  1. Interesting take, Esther. quite riveting. Thank you.

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