Wie es einer Minderheit gelingt, die Mehrheit am Gängelband zu führen

In Israel herrschte seit der Staatsgründung die strikte Regelung, dass es für zivilrechtliche Belange wie Hochzeiten oder Scheidungen einzig und allein eine zuständige Stelle geben kann. Das Rabbanut haRashit, die oberste rabbinische [religiöse] Instanz, ist seit 1980 in einem Gesetz beschrieben. 

Oberrabbiner David Lau © Knesset

Vorsitzende sind der ashkenazische Oberrabbiner, seit 2013 David Lau, dessen Vater Israel Meir Lau von 1993 bis 2003 diese Funktion innehatte. Sein sephardischer «Partner» ist seit 2013 Jitzchak Josef. Auch dessen Vater, Ovadja Josef war einer seiner Vorgänger (1973 bis 1983).

Oberrabbiner Jitzchak Josef © ToI

Rabbi David Lau hat seinen Militärdienst bei der IDF Aufklärung absolviert und schied im Rang eines Majors aus. Er war der erste orthodoxe Rabbiner, der in Radiosendungen präsent war. Er gilt als guter Freund von PM Netanyahu.

Beide Posten werden alle zehn Jahre neu besetzt. 

Die Funktionen des Oberrabbinates werden vom Chief Rabbinat Law of Israel von 1980 wie folgt beschrieben:

  1. Unterweisung und Beratung in Fragen der jüdischen Gesetze [Halacha]
  2. Verstärkung der Bindung der Bürger an die Werte der Thora und der Gebote [Mitzwot]
  3. Überwachung, Vergabe und Bestätigung von Kosher Zertifikaten
  4. Auswahl und Bestätigung der Richter an einem religiösen Gericht [Beit Din]
  5. Auswahl und Bestellung von städtischen Rabbinern
  6. Feststellung ihrer Eignung als solcher, inklusive dem Recht, Trauungen zu vollziehen

Das kling alles recht harmlos. Der ungeheuer grosse Einfluss auf das Alltagsleben wird erst dann klar, wenn man die Regeln genauer anschaut.

In Israel ist es so, dass derzeit nur das orthodoxe Judentum vom Staat völlig anerkannt ist. Das hat zur Folge, dass Trauungen nur durch einen orthodoxen Rabbiner durchgeführt werden dürfen. Ist jemand Mitglied einer nicht-orthodoxen Gemeinde, so kann nicht der vertraute Gemeinderabbiner die Trauung vornehmen, sondern das Brautpaar muss sich an einen, ihm zumeist fremden, orthodoxen Rabbiner wenden. Mit der Folge, dass zahlreiche Heiratswillige heute nach Cypern reisen, um sich dort standesamtlich trauen zu lassen. Diese Ziviltrauung wird in Israel anerkannt. In der Gemeinde gibt es dann oft ein weitere, aber nicht rechtsbindende Zeremonie. 

Gleiches gilt für Scheidungen. Es gibt auch hier keine Möglichkeit einer zivilen Ehetrennung, auch die muss vor einem Religionsgericht ausgesprochen werden. 

Rabbiner von nicht-orthodoxen Gemeinden müssen von der Gemeinde selber bezahlt werden. Ja, mehr noch, die Gemeinden gelten als NGO und sind höher als orthodoxe jüdische Gemeinden besteuert. 

Konversionen zum Judentum werden, sofern sie in Israel durchgeführt werden, nur von orthodoxen Rabbinern und Gerichten anerkannt. Konversionen im Ausland werden, sofern sie von einem anerkannten Rabbiner begleitet und vor einem anerkannten Religionsgericht (Bet-Din) im Ausland bezeugt werden, anerkannt. 

Doch jetzt scheint etwas Bewegung in die bisher absolut zementierte Gesetzgebung zu kommen. 

Nun sollen in Israel durchgeführte, nicht-orthodoxe Übertritte anerkannt werden. Das bedeutet, dass jetzt auch Konversionen, die von einem liberalen [reform] oder konservativen [masorti] Rabbiner begleitet und durchgeführt werden, anerkannt werden. Damit soll nicht, wie man vermuten könnte, der Übertritt und dessen recht harten Bedingungen verwässert werden. Er soll jenen helfen, die bereits einige Zeit in Israel gelebt und vielleicht sogar in der IDF gedient haben. Sie können im Anschluss daran, da sie nun halachisch als Juden gelten, das Recht auf Rückkehr für sich in Anspruch nehmen. Und erhalten dann, wie alle anderen israelischen Bürger die Staatsbürgerschaft. Bisher war die Einwanderung [Alija] und die damit erworbene Staatsbürgerschaft nur für jene nicht jüdisch geborenen oder halachisch nicht anerkannten Neubürger mit einer anerkannten Konversion aus dem Ausland möglich.

Moshe Nissim, ehemaliger Minister, der das Gesetz bereits im Jahr 2018 vorgestellt hatte, stellte klar: «Es gibt rabbinische Gerichte, die sind sehr, sehr streng. Sie verlangen von den Konvertiten, dass diese alle 613 Gebote einhalten, befragen sie teilweise mit ungehörigen Fragen. Sie weisen sie einfach ab obwohl sie wirklich genug gelernt haben, und sich gerne auf den ganzen Prozess einlassen. Deshalb geben manche, die sich wirklich nach einer Konversion sehnen, auf und sagen, dass es ihnen einfach nicht möglich ist, alles, was man von ihnen verlangt, einzuhalten.» Da verlangen die Rabbiner auch wirklich etwas Unmögliches. Viele der Gebote (Mitzwot) beziehen sich auf den Tempeldienst. Den gibt es bekanntlich seit der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 C.E. nicht mehr. Dass sie es dennoch verlangen, muss als reine Schikane angesehen werden. Als schamlose Ausnutzung ihrer bisherigen Monopolstellung!

Dieses neue Gesetz rief sofort die gestrengen Herren aus den orthodoxen Kreisen auf den Plan.

In einem abscheulichen Video, das ausschliesslich der Wahlwerbung dienen sollte, machte das «Vereinigte Thora Judentum» ihren Unmut und ihre Ablehnung öffentlich. Das Video mit dem Titel «Bark Mitzwa» [statt Bar Mitzwa] sollte zeigen, dass nun sogar Konversionen für Hunde möglich sind. Facebook sperrte das Video nach wenigen Stunden.

Oppositionschef Yair Lapid bemerkte dazu: «Mein Vater erzählte mir vom Parlament in Budapest. Dort gab es ein Schild, auf dem stand «Kein Eintritt für Juden und Hunde». Antisemiten vergleichen immer wieder Juden mit Hunden.»

Das Video bedient sich noch eines weiteren Stereotyps. Einen Hund lassen sie sagen «Meine Grossmutter war Rabbinerin». Das ist ein klarer Angriff gegen die nicht-orthodoxen Strömungen des Judentums. Sowohl in den liberalen, als auch in den konservativen Gemeinden gilt die Gleichberechtigung der Frauen. Und sie können selbstverständlich auch Rabbinerinnen werden. Für die Orthodoxen ein Grund, sie als eigentlich nicht-jüdisch zu definieren. 

Es fielen noch viele andere Worte, wie die gestrengen Herren die Konvertiten bezeichneten. 

Aber bleiben wir bei diesem Video. Wäre ein ähnliches Video (Juden = Hunde) in einem anderen Staat veröffentlicht worden, so würden alle, unser PM allen voran, dies als antisemitisch einstufen. 

Der Frage muss gestattet sein: Sind die gestrengen Herren Antisemiten? Die Antwort ist Nein. Aber ihr Verhalten ist absolut unjüdisch, wenn sie in Stereotypen ihre Ablehnung und deren Begründung veröffentlichen. 

Ich möchte unbedingt darauf hinweisen, dass junge Konvertiten Militärdienst leisten und 2-3 Jahre dienen, um Israel zu beschützen. Haredische Juden verweigern weitgehend den Militär- und Zivildienst.

Und eine weitere Frage muss gestattet sein: Hat unser PM in irgendeiner Form darauf reagiert? Nein, das hat er nicht. 

Warum wohl? Klar, in zwei Wochen sind Wahlen und genau auf dieses ultra-rechte Lager muss er bauen, wenn er auch nur den Hauch einer Chance erhalten will, eine Koalition bilden zu können. 

Man müsste dieser Gruppe diesen Satz von Hillel in ihre Studierstuben hängen, damit sie ihn täglich vor den Augen haben und ihn verinnerlichen: 

Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht; das ist die ganze Gesetzeslehre, alles Andere ist nur die Erläuterung, gehe und lerne sie.“



Kategorien:Israel, Politik

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