Wochenabschnitt: Vayakhel/Pekudei, Shmot 35:1–38:20 und 38:21-40:38, 2. Buch

ב“ה

28./29. Adar  5781                                12./13. März 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  17:05

Schabbatausgang in Jerusalem:                              18:22

In dieser Woche lesen wir zwei Parashot, die in dieser Form immer dann gelesen werden, wenn, wie heuer dieser Schabbat der 5. im Monat Adar ist

In den vergangenen Wochen haben wir ausführlich darüber gehört, welche Vorschriften Gott Moses weitergibt, um die Bundeslade und den Mischkan für ihn vorzubereiten. Wir haben erlebt, wie das Volk Israel aufmuckte, sich von Gott abwandte und von Aaron ein «Goldenes Kalb» als Ersatzgott schaffen liess. Wir haben auch miterlebt, wie Moses vom Berg Horev herunterstieg, in seinen Händen das Wertvollste, was er bisher von Gott erhalten hatte: die Bundestafeln beschrieben mit göttlicher Schrift. Doch Moses musste sehen, was das Volk getan hatte und zerstörte in seinem Zorn die Tafeln. Aber Gott war gnädig, er liess die eigentlichen Aufrührer töten, verschonte aber Aaron und seine Söhne. Diese hatte er zu seinen Priestern bestimmt. Moses stieg nochmals auf den Berg und kam mit neuen Tafeln zurück. Sein Gesicht, so steht es in der Thora, war nahezu durchscheinend und von innen heraus leuchtend, als er wieder zum Volk Israel zurückkehrte. 

Dieser Wochenabschnitt beginnt mit den Worten Vayakhel «Moses versammelte». Warum versammelte er das Volk um sich? Zunächst schärfte er ihnen nochmals die Grundzüge des Schabbats ein. Die Ruhe, die von allen eingehalten werden muss, nachdem sie sechs Tage gearbeitet haben. 

Diese Vorschrift ist eines der wesentlichen Merkmale des Judentums, das sich bis heute fast durchgehend erhalten hat. Nur während einer relativ kurzen Zeit im 19. Jahrhundert wurde darüber nachgedacht, ob man im Zuge der «Modernisierung» des Judentums den wöchentlichen Ruhetag auf den Sonntag verlegen solle. Ich gehe davon aus, dass man damit keine Herabminderung der göttlichen Gesetze zum Ausdruck bringen wollte, sondern eine Anpassung an die Umgebung, in der die Juden zu der Zeit überwiegend lebten, in Europa und in den USA. Aber diese Anpassung, die dann schnell wieder verworfen wurde, wäre das deutliche Zeichen einer Assimilation, des Aufgehens in einer christlichen Gesellschaft gewesen. 

Die zweite klare Vorschrift besagt, dass am Schabbat kein Feuer entzündet werden darf. Nun sind wir heute weit entfernt von der Zeit, mit Hilfe von Feuersteinen oder Brenngläsern Feuer zu entfachen. Eine der grossartigen Erfindungen des 19. Jahrhunderts war die Nutzbarmachung des elektrischen Stroms für Industrie- und Privathaushalte. Vorbei war die Zeit der russenden Kerzen und Petroleumlampen. Besonders an langen Wintertagen ist es eine Wohltat, dass wir bei Knopfdruck Helligkeit und Wärme in unsere Häuser bringen können. Nur, gestattet ist das am Schabbat nicht. Denn um Elektrizität zu gewinnen, muss es irgendwo einen Funken geben… Wir wissen aber alle, wie erfinderisch Menschen sind, wenn es um ihre Bequemlichkeit geht!

Fast könnte es einem vorkommen, als wäre die Wiederholung der Schabbatgesetze Teil eines Arbeitsvertrages. Nach der Zeit der Sklaverei in Ägypten, in der die Kinder Israel fremdbestimmt waren und ausgenutzt wurden, muss es eine Wohltat gewesen zu sein, dass es nun klare Richtlinien gab. Wann dürfen/müssen wir arbeiten und wann können/dürfen wir ruhen.

Dass nicht jeder der grossen Philosophen der Neuzeit sich mit dieser Interpretation einverstanden erklären kann, zeigt eine Äusserung von Jeschajahu Leibowitz, dem von mir hochgeschätzten Lehrer. Er meinte, dass diese Art der Sorge um das Wohl der arbeitenden Menschen wohl eher Sache der Gewerkschaften sei. Die Thorahgesetze aber kämen unmittelbar von Gott und seien daher ohne Wenn und Aber einzuhalten. Vom heutigen Standpunkt aus stimmt das, aber zur Zeit des Exils und der anschliessenden Wanderung durch die Wüste gab es eben keine Gewerkschaften und es war an Gott, für die Rahmenbedingungen zu sorgen. An Moses war es, dafür zu sorgen, dass sie auch eingehalten würden. 

Während die ausgewählten Fachleute und Künstler sich daran machen, mit den Arbeiten zu beginnen, bringen die Menschen alles, was Moses von ihnen gefordert hat. Schmuck, Stoffe, Öle, Felle und anderes. Dann geschieht etwas Erstaunliches. Moses erfährt, dass es mehr Spenden hat, als für die Arbeiten benötigt werden und fordert sein Volk auf, das Spenden einzustellen (Ex 36:5 – 7). Was leiten wir aus dieser Information ab? Gott nimmt nicht mehr, als das, was einerseits jeder fähig und willig ist, zu geben. Und er verlangt nicht mehr, als das, was er für einen bestimmten Zweck eingeplant hat. 

Mit dem Ende des ersten Teils des Wochenabschnitts ist der Bau des Mischkan und aller Einrichtungsgegenstände beendet. 

Der zweite Teil beginnt mit dem Wort Pekudei [die Zählungen]. Moses legt hier eine Abrechnung vor, die genau beschreibt, wie viel und was beim Bau verbraucht worden ist. Moses, der Mann, der gemeinsam mit seinem Bruder Aaron als Sprachrohr, als Vermittler zwischen Gott und den Menschen fungiert! Dieser Mann legt eine detaillierte Abrechnung vor. Niemand würde ihm unterstellen wollen, dass er auch nur einen Schekel in seine eigene Tasche umgeleitet hätte. Moses war nicht korrupt und nicht bestechlich. Und trotzdem, und das sollten wir uns auch sehr gut für unser eigenes Leben im Privaten und im Geschäftlichen merken, beim Umgang mit Geld, das einem anvertraut wurde, darf es nicht den Hauch eines Zweifels geben. Auch unsere Wirtschaftsbosse und Politiker täten gut daran, sich an diese Abrechnung zu erinnern. 

Im Laufe dieses Wochenabschnittes finden wir immer wieder den Begriff וְכָל-חֲכַם-לֵב was wir übersetzen dürfen als «herzensweise». In Ex 35:10 ruft Moses all jene herbei, die «herzensweise» und gewillt sind, sich in irgendeiner Form an der Erfüllung der göttlichen Vorgaben zu beteiligen. Sei es als Arbeiter, als Künstler oder auch als handwerklich geschickte Frau. Mir gefällt die Idee, dass das Volk Israel und damit auch wir als Nachfahren aufgefordert sind, beides zu gebrauchen das Herz לֵב, und den Verstand, die Weisheit חֲכַם. Nur wenn wir beide gleichermassen nutzen, schöpfen wir aus zwei Quellen, die für den Umgang miteinander gleichermassen bedeutend sind. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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1 Antwort

  1. Another great piece, Esther. I really like the way you make it relevant to today’s values – which is the sole reason, in my opinion to be studying each Parsha, year after year. It is called Torat Chayim, so it really should be about life in its deepest sense. Kol Hakavod.

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