Gibt es wirklich noch die «freien» Güter? Gedanken zum Weltwassertag.

10. Nissan 5781

Laut Definition ist ein freies Gut ein solches, das «jedem Menschen jederzeit und kostenlos in unbeschränktem Mass zur Verfügung steht».

Klassische freie Güter sind: Luft, Sonne, Wasser, Wind, Schnee, aber auch der Sand in der Wüste und das Salzwasser im Meer. Selbstverständlich gehören heute auch u.a. Bilder und Daten im Internet dazu, die ohne spezielle Lizenzierung genutzt werden dürfen (z.B. Wikimedia Commons)

Im Gegensatz zu den «wirtschaftlichen Gütern» muss für die Nutzung von „freien Gütern“ keine Gegenleistung erbracht werden. Das Angebot, also das Vorhandensein der freien Güter, war immer grösser, als es der Bedarf war. Es konnte also niemals zu einer Verknappung kommen. 

Diese Definition mag bis vor einigen Jahrzehnten gestimmt haben. 

Schauen wir uns doch dieses scheinbar unendliche Angebot einmal genauer an. 

Sowohl in Europa als auch hier in Israel ist die Luft mehr oder weniger sauber, so dass man sie ohne Angst krank zu werden, einatmen kann. Es gibt aber Gebiete, wo das nicht so ist. Der «grosse Smog» von London im Jahr 1952 führte zu einer drastischen Gesetzgebung, um die Umweltverschmutzung durch Kamine einzuschränken. In Peking wurden anlässlich der Olympiade 2008 jeweils 50 % der Autos aus der Innenstadt verbannt, um die Luftqualität zumindest soweit zu verbessern, dass keine gesundheitliche Gefährdung für die Sportler mehr bestand. Und wer, so wie ich in den 60er-Jahren im «Ruhrpott» aufgewachsen ist, der kann sich noch an die andauernde Dunstglocke am Himmel erinnern und an die immer schwarzen Fensterbänke. Als kostenlos kann man also die Luft nicht bezeichnen. Zwar muss der Bürger sie nicht bezahlen, aber die Industrie muss beträchtliche Summen investieren, dass sie eine gute Qualität aufweist. 

LONDON – JANUARY 14: © (Photo by Oli Scarff/Getty Images)

Die Sonne ist ebenso wie der Wind und Schnee das Gut, für dessen eigentliche Nutzung wir nichts bezahlen müssen. Die meisten Ferienregionen sind vom Wetter und damit auch von der Sonne abhängig. Deshalb gibt es heute bereits Versicherungen, die dann einspringen, wenn die Zahl der garantierten Sonnenstunden unterschritten wird. Oder wenn der Schnee in einem zu warmen Winter einfach nicht fallen will. Wirtschaftlich wird sowohl die Sonne, als auch der Wind als erneuerbare Energie genutzt. Sowohl die grossen Solarfelder als auch die Windturbinen sind technisch hoch spezialisierte Anlagen, die in der Anschaffung recht kostspielig sind. 

Während die grosse Fotovoltaik Anlage im Negev seit 2019 aktiv ist, arbeitet der Windpark auf dem Golan gemeinsam mit drei weiteren Anlagen schon seit 1992. Ein weiterer Ausbau ist geplant. 

Eine der Fotovoltaik Anlagen im Negev

Den Sand als freies Gut kennt man nur in den Regionen, in denen sich Sandwüsten befinden. Ansonsten muss jedes Kilogramm Sand bezahlt werden. Übrigens, der fein geschliffene runde Wüstensand eignet sich nicht für die Bauindustrie. Den einzelnen Körnern fehlt die Eigenschaft, sich miteinander zu verhaken. Sand wird in zahlreichen Gebieten verarbeitet: Keramik, Glas, Kosmetik… aber auch, und das schätzen alle in deren Region es einen echten Winter gibt, als umweltfreundliches Streumittel!

Das Wasser der Weltmeere weist unterschiedliche Salzgehalte auf. In der Ostsee liegt er zwischen 0.3 % und 1.0 %. Die Nordsee und der Atlantik liegen etwa bei 3.5 %, das Mittelmeer bei 3.8 %, der Pazifik bei 3.45 %, der Persische Golf und das Rote Meer bei 4.0 %.

Salz am Toten Meer ©Photo by David Silverman/Getty Images

Einen deutlich höheren Wert weist das Tote Meer auf (weshalb der Name im Hebräischen auch «Salzmeer» יַם הַמֶּלַח (yam hamelach) heisst) Dieses Binnenmeer hat einen Salzgehalt von durchschnittlich 33.0 %. Darüber hinaus gibt es aber noch salzhaltigere Gewässer, den Assalsee in Dschibuti mit 34.8 % und der Don-Juan-See in der Antarktis, der 44.2 % Salz aufweist. Einen etwa gleich hohen Salzgehalt weist der Ga’etale in Äthiopien auf.

Salzgärten in der Bretagne

Aus dem Wasser des Atlantiks und des Mittelmeers wird das wunderbare «Fleur de Sel de Guerande» und «Fleur de Sel de Camargue» in traditioneller Handarbeit gewonnen, eine wahre Bereicherung des Speisezettels. Leider kommt es in neuester Zeit immer wieder zu Verunreinigungen durch Plastikpartikel, die der Wohlstandsmüll aus dem Meer in die Salzgärten schwemmt.

Die Mineralien des Toten Meeres werden zur Herstellung von Kosmetik genutzt. Sowohl in Jordanien, als auch in Israel, werden die Mineralstoffe aus dem Meer gewonnen und zum grossen Teil exportiert. 

Besonders wichtig ist für die israelische Gesellschaft sind die Wasserentsalzungsanlagen. Israel leidet seit Jahrzehnten unter Wassermangel. Die Regenfälle können den Bedarf an Süsswasser nicht abdecken, der See Genezareth, das grösste Süsswasserreservoir, könnte, wenn es in den kommenden Monaten noch heftig regnet, erstmals seit Jahren wieder voll werden. Für Israel allein würde auch ein niedriger Wasserstand ausreichen. Aber seit den Oslo-Verträgen sind wir verpflichtet, Wasser an Jordanien und die palästinensischen Gebiete zu liefern.

Im Jahr 2020 wurden in Israel insgesamt 585 Millionen m3 entsalzt. Weitere 300 Millionen m3 werden dazu kommen, wenn zwei weitere Anlangen fertiggestellt sein werden. Damit werden 85 – 90 % des gesamten Wasserbedarfes in Israel abgedeckt sein. Das so gewonnene Wasser hat Trinkwasserqualität. Der Preis für 1 m3 entsalztes Wasser liegt bei NIS 1.50. Hier gibt es interessante Daten zum israelischen Wasserverbrauch zwischen 1970 und 2017. Israel ist ein Meistersparer!

Durch den Einsatz dieser Entsalzungsanlagen wird bereits heute ein grosser Teil des Trinkwassers sichergestellt. Wasser ist kostbar bei uns. Selbst Grauwasser wird, wann immer möglich aufgefangen und in der Landwirtschaft eingesetzt.

Jede Wasserverschwendung wird registriert. Als bei uns im Garten irgendwo und unbemerkt ein Leck war und Trinkwasser unkontrolliert im Boden versickerte, traktierte uns die Wassergesellschaft so lange, bis wir das Leck suchten, fanden und beheben konnten.

Nun bleibt uns noch das ganz normale Wasser, H2O. Wir alle schätzen es, wenn es geschmacklos, geruchsfrei und farblos aus dem Wasserhahn sprudelt. Jede Unterbrechung wird schon fast als persönlicher Affront gewertet.

Und selbstverständlich wollen wir es überall serviert bekommen. Was wäre der Café in einen Wiener Caféhaus, wenn nicht der aufmerksame Kellner das Glas Wasser jederzeit neu füllen würde, auch wenn wir nur einen Espresso trinken. In Israel ist es eine selbstverständliche Routine, dass jedem Kunden sofort ein Glas Wasser angeboten wird, wenn er ein paar Minuten warten muss. 

Holidu, eine der zahlreichen online Anbieter für günstige Ferienwohnungen, hat pünktlich vor Beginn der – hoffentlich post COVID 19 Feriensaison – Gedanken über das Angebot von Trinkwasser gemacht. 

So werden 500 ml Trinkwasser, in Plastik- oder Glasflaschen abgefüllt zwischen 1.84 $ und 0.19 $ angeboten. Verglichen wurden den Weltmarktführer Evian, Perrier und Nestle. Im Jahr 2028 erwartet man einen Jahresverbrauch von unglaublichen 505 Milliarden Flaschen. Die Studie ging von einem geschätzten pro Kopf Konsum im Monat von 15 m3 aus.

Obwohl es nicht in allen Regionen dieser Welt möglich sein wird, erhebt sich die Frage, ob man nicht aus Gründen des Umweltschutzes, aber auch aus Gründen der Kostensenkung, für den Konsumenten auf Wasser aus dem Wasserhahn zurückgreifen kann. Zumindest in Europa sollte dies ohne Probleme möglich sein, wie die Graphik der Wasserqualität zeigt.

In den VAE geht man diesbezüglich neue Wege. Es ist gesetzlich verankert, dass der Gast grundsätzlich die Wahlmöglichkeit zwischen kostenlosem Wasser aus dem Wasserhahn und abgefülltem, kostenpflichtigem Wasser hat. In Dubai wird für die kostenlose Version gefiltertes Wasser angeboten.

Warum in Zürichs ältestem Vegi Restaurant die Karaffe Zürichwasser allerdings mit CHF 4,– pro ½ Liter zu Buche schlägt, das verstehe ich bis heute nicht. Bestellt man eine Flasche so hat man die Wahl zwischen ¼ Liter um CHF 4.50 oder ½ Liter um CHF 5.50. Und das in einer Stadt, in der aus über 1.200 Brunnen bestes Trinkwasser für alle kostenlos fliesst!



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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