Droht jetzt auch noch ein jüdisch-arabischer Bürgerkrieg?

3.Siwan 5781

Friedrich Nietzsche sagte: «Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib Acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.» 

Ja, die rechten Politiker und deren Anhänger haben sich vertan in der Einschätzung, es mag der Schatten eines Zwerges gewesen sein, den sie glaubten zu sehen. Aber der Zwerg war gross, viel grösser, viel stärker als erwartet. 

Nicht genug, dass die Situation zwischen Israel und Gaza eskaliert ist und völlig aus dem Ruder zu laufen droht. Nein, jetzt hat der jüdisch-arabische Konflikt in ganz Israel stark zugenommen. 

Seit dem Jahr 2000, dem Jahr der zweiten Intifada, hat es keine Ausschreitungen in einem solchen Ausmass mehr gegeben. 

Es scheint, als sei die derzeitige Krise zwischen Hamas und Israel dieses Mal wie ein Krebsgeschwür in die israelische Gesellschaft eingedrungen.

© screenshot The Guardian

Die Unruhen hatten schon im April begonnen. Hunderte von aufgeheizten Aktivisten marschierten durch die Strassen Ostjerusalems und skandierten «Tod den Arabern». Niemand stoppte sie, niemand gebot Einhalt. Weder die Polizei noch die Politiker. Diese Szenen sah man nicht nur in Ost-Jerusalem, man sah sie in Jaffa, man sah sie in den Orten von Jehuda und Samaria. Niemand hinderte sie an ihren aggressiven Ausbrüchen. 

Als der jüdische Knesset Abgeordnete Ofer Cassif von der Arabischen Liste (!) gegen die Entmietungen in Scheich Dscharrah demonstrierte, schlug die Polizei zu. Sie seien provoziert worden, so die Rechtfertigung. In diesem und in vielen anderen Fällen dieser Art werden die Gerichte ihr Urteil fällen müssen. 

Allerdings hatte sich die Gruppe «Lehava», eine rechtsradikale Gruppe mit dem Namen «Organisation zur Prävention von Assimilation im Heiligen Land» schon in den Jahren zuvor durch extreme Gewalt ausgezeichnet. Ebenso wie die rechtsradikale Partei «Otzma Yehudit» von Itamar Ben-Gvir, kleben sie am braunen, rassistischen und terroristischen Gedankengut der seit 1988 in Israel verbotenen «Kach» Partei von Meir Kahane. Lehava agiert aggressiv gegen jede Art von jüdisch-arabischer [muslimischen oder christlichen] Kooperation, sowohl im öffentlichen als auch im wirtschaftlichen, ja sogar im privaten Bereich. Auch gegen Juden.

© (Photo by Ahmad GHARABLI / AFP)

Israel brennt. 

Am Montagabend wurde ein israelischer Araber in Lod von einem Juden getötet. Vorhergegangen waren Angriffe auf jüdische Einrichtungen. Eine Synagoge wird Opfer einer Brandstiftung.

Gemeindemitglieder evakuieren die Thorarollen aus der abgebrannten Synagoge in Lod ©Photo by Yonatan Sindel/Flash90

In Akko, einer jüdisch-arabisch gemischten Stadt, griffen Araber das bekannte und bei Juden und Arabern gleichermassen beliebte Fischrestaurant «Uri Buri» an. Auch das dem gleichen Eigentümer gehörende Hotel in der Altstadt von Akko wurde durch Brandstiftung schwerst beschädigt.

In Bat Yam zerrten israelische Aktivisten einen Mann aus seinem Auto und schlugen ihn zu Boden, mehr noch, sie lynchten ihn. Ihre Rechtfertigung, sie hätten geglaubt, er wäre ein Araber…

Hier wird das Opfer irrtümlich noch als „arabischer Israeli“ bezeichnet

In Ramle wurden zwei Polizisten und ein Zivilist von einem Araber angeschossen.

In Jaffa erlitt ein junger Soldat so schwere Kopfverletzungen. Ein Team von Neurochirurgen kämpft um sein Leben.

Wer das Pech hat, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, der muss damit rechnen, in eine der Auseinandersetzungen zu geraten. Autos werden angezündet oder zumindest beschädigt. Und das von beiden Seiten.

Die Liste kann nahezu beliebig fortgesetzt werden. Gewalt auf der einen Seite wird durch Gewalt auf der anderen Seite beantwortet.

In gemischt jüdisch-arabischen Gemeinden gibt es eine nächtliche Ausgangssperre.

Nachdem es in der Nähe von arabisch-jüdischen Ortschaften, auch wenn sie sich bisher durch eine friedliche Koexistenz auszeichneten, keine Sicherheitsgarantie gibt, wird angeraten, nächtliche Fahrten zu unterlassen. 

Auch hier in Zichron spüren wir die Spannungen. Die Umzüge, die traditionell am gestrigen Donnerstag vor Shavuot abgehalten werden sollten, sind abgesagt worden. Es wird davon abgeraten, nächtliche Fahrten nach Haifa zu unternehmen. Das Befahren der beiden Hauptstrassen 4 und 2 könnte gefährlich werden. Unsere Hauptkreuzung Fureidis/Zichron ist derzeit in beide Richtungen gesperrt.

Der Polizeichef Kobi Shabtai hat den PM darüber informiert, wen er letztendlich für den Verantwortlichen für diese bürgerkriegsähnlichen Zustände hält.» Die Person, die für diese Intifada verantwortlich ist, ist Itamar Ben-Gvir. Es begann mit dem Protest der Lehava Leute am Damaskus Tor. Es ging weiter mit den andauernden Provokationen in Scheich Dscharrah. Und jetzt zieht er mit den Lehava Aktivisten von einem Brennpunkt zum anderen. Gestern gelang es der Polizei, die Situation in Akko zu beruhigen. Dann tauchte ein Bus mit Aktivisten auf und verursachten sofort wieder Unruhen. Die Polizei hat einfach nicht die Möglichkeiten, das in den Griff zu bekommen.»  Ben-Gvir forderte daraufhin die sofortige Entlassung des Polizeichefs.

Ich habe Angst um das Israel, das ich liebe. 

Bennett hat den geplanten Koalitionsvertrag aufgekündigt. Israel wird nun wieder in die Klauen der rechten und ultra-rechten Parteien geraten. Meinen Respekt hat Bennet damit endgültig verloren. Der politische Sieger dieses jüdisch-arabischen Konflikt heisst Benjamin Netanyahu. Er allein hat es zu verantworten, wenn es im Herbst die fünften Wahlen in Folge gibt. Und er, nur er, hat es durch sein Wegschauen, Nichthandeln und Aufstacheln zu verantworten, wenn die erstmalige Chance, die arabischen Politiker mit in die Verantwortung zu nehmen, verstrichen ist. (*)

Ist das demokratische Israel Geschichte?

(*) Am Versöhnungstag bitten wir Gott nicht nur um Vergebung für das, was wir getan haben. Wir bitten auch um Vergebung für das, was wir nicht getan haben.



Kategorien:Israel, Politik

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