Wochenabschnitt: Bamidbar, Num 1:1 – 4:20, 4. Buch

ב“ה

3./4.  Siwan  5781                                   14./ 15. Mai 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  18:48

Schabbatausgang in Jerusalem:                              20:09

Blick über den Sinai

Heute beginnen wir mit der Lesung des 4. Buches, Numeri. Gleich zu Beginn erfahren wir etwas Erstaunliches. Seit dem Auszug aus Ägypten sind erst zwei Jahre, zwei Monate und ein Tag vergangen. Vor dem Volk Israel liegt noch eine gewaltige Zeitspanne und Wegstrecke, bevor sie am von Gott versprochenen Ziel ankommen werden.

Sie brechen vom Berg Sinai, vom Berg Horeb aus auf. Jenem Ort, an dem sie die göttlichen Gesetze erhalten haben, die seit damals unser Leben bestimmen.

Aus den 75 Menschen, die einst nach Ägypten zogen, ist mittlerweile ein grosses Volk geworden. In Num 1:46 wird die Zahl mit 603.550 Personen beziffert. Gezählt wurden nur die Männer, die älter als 20 Jahre waren. Auch, wenn diese Zahl ganz sicher weitaus zu hoch gegriffen ist, Moses muss versuchen, den Treck, der sich jetzt zu formieren beginnt, zu ordnen und zu organisieren. 

Den Angehörigen des Stammes Levi wurde die spezielle Aufgabe zugeteilt, sich ausschliesslich um das Stiftszelt und die Bundeslade zu kümmern. Die männlichen Leviten beanspruchte Gott für den Dienst an ihm. Sie übernahmen symbolisch die Rolle der Erstgeborenen. In Num 12:13-14 steht: «Ich habe die Leviten unter den Kindern Israels anstelle der Erstgeborenen angenommen; die Leviten sollen mir angehören. Alle Erstgeborenen gehören mir. An dem Tag, an dem ich alle Erstgeborenen in Ägypten schlug, heiligte ich die in Israel. Menschen und Tiere. Sie sollen mir angehören, ich bin der Herr.»

Nun ist das Volk Israel bereit für die grosse Herausforderung. Es wird eine Reise in eine noch völlig unbekannte Zukunft. 

Das vierte Buch Moses ist unter zwei Namen bekannt. Numeri, weil die ersten Kapitel sich intensiv mit Zählungen beschäftigen, aber eben auch unter Bamidbar, in der Wüste. 

Die Wüste Sinai steigt von Nord nach Süd an. Während der nördliche Teil eine Sandwüste ist, entwickelt sie sich weiter südlich zu einer Geröllwüste, die in eine von schroffen Gebirgszügen geprägte Landschaft übergeht. 

Wüstengebiete sind Gebiete der Einsamkeit, aber keinesfalls der Stille. Tagsüber brennt die Sonne, nachts ist es oft bitterkalt. Tagsüber können Sandstürme, in der Wüste keine Seltenheit, den Blick auf den Weg verstellen. Nachts spannt sich der fast schwarze Himmel mit unzähligen Sternen über das Firmament. Keine in den Städten störende Beleuchtung behindert den freien Blick auf das grandiose Sternenzelt. 

Es ist so trocken, dass man gut beraten ist, ausreichend Wasser bei sich zu haben. Aber wenn es in einem Wüstengebiet regnet, dann sind es nicht die feinen Regentropfen, die wir kennen. Dann reisst eine Flutwelle alles mit sich, was sich in den Wadis bewegt. Unaufhaltsam. 

An den meisten Orten gibt es keinen Handyempfang. Die Wüste, oft auch als Einöde bezeichnet, macht einsam. Und diese Einsamkeit muss man erst lernen zu ertragen. 

Aber die Wüste ist nicht still. Es ist ein beredtes Schweigen, das den Wüstenwanderer umgibt. Der Blick auf die Wurzel des Wortes Wüste מדבר (midbar) hilft wiederum etwas weiter דבר .Die gleiche Wurzel finden wir im Wort sprechen לדבר (ledaber) und in הידברות (hitdawrut) Verständigung und überraschenderweise auch bei der Biene דבורה (dwora).

Wer schon einmal die scheinbare Stille der Wüste erlebt hat, der weiss, warum es den Zusammenhang zwischen diesen Worten gibt. Die Wüste lebt und sie kommuniziert mit uns. Wenn man genau hinhört, so kann man die Sandgeräusche hören.

Und sie lehrt uns etwas. Wir erkennen den Unterschied in uns zwischen unseren klaren Erkenntnissen und unseren Vorstellungen und Visionen. Das Volk Israel musste sich einlassen auf diese Erfahrungen. Es blieb ihnen keine andere Wahl. 

Sie hatten keinen Kompass, kein GPS und nichts als ihre Hoffnung auf ein Leben jenseits der Wüste, in Freiheit und Selbstbestimmung. Es kann sein, dass sie jeden Tag geschwankt haben zwischen einem omnipotenten Grössenwahn «Ich bin alles, ich kann alles und werde alles erreichen.» und der abgrundtiefen Verzweiflung «Ich bin nichts, ich werde untergehen hier.»

Es war die Hoffnung und das Vertrauen in Gottes Versprechen an sie, das sie jeden Tag weitergehen liess. 

Es täte uns gut, wenn wir uns Zeit liessen, uns wieder einmal, besonders in unseren hektischen Tagen, auf uns selbst einzulassen. Nicht jeder kann tatsächlich eine Wüstenwanderung machen. Aber jeder kann sich auf seine innere Wüste einlassen und sich dorthin für einige Zeit, Minuten oder Stunden zurückziehen.

Und dann gestärkt mit den neuen inneren Erfahrungen wieder erneut eintauchen in den Alltag. 

Am Sonntagabend beginnt Shavuot. Wir Juden erinnern uns nochmals an den zweiten Empfang der Gesetzestafeln am Sinai, nachdem Moses die ersten Tafeln in seinem berechtigten Zorn über das Volk Israel zerschmettert hatte. Es ist auch die Zeit, in der in Israel die ersten Ernten eingebracht werden. Wir lesen auch das Buch Ruth. Die Moabiterin war die Urgrossmutter von König David. Sie gehörte zu jenem Volk, das in der Torah keinen guten Namen hatte. In wenigen Wochen werden wir darüber lesen (Num 25 ff). Bekannt wurde Ruth als erste Proselytin, die im Volk Israel hohes Ansehen genoss. 

Ich wünsche uns allen Shabbat Shalom und Chag sameach! Und ich wünsche uns allen, dass die Weisheit, die wir in der Wüste erlangen können, zusammen mit der Liebe Ruths zu Israel uns in diesen schwierigen Zeiten hilft!

Shabbat Shalom und Chag Shavuot sameach!



Kategorien:Israel, Religion

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