Sie haben nichts aus der Tragödie von Meron gelernt

7. Siwan 5781

Es scheint, als ob Teile der haredischen/chassidischen Gesellschaft in Israel wirklich glauben, dass staatliche Gesetze und Vorschriften für sie nicht gelten. Oder dass sie jeden Anspruch darauf haben, dass der Messias «es für sie schon richten wird». Man kann sie einerseits um ihren Glauben nur beneiden. Und man kann es gleichzeitig nicht verstehen, dass es im Jahr 2021 noch möglich ist, gesellschaftlich und ideologisch so rückständig zu sein. Und immer wieder die eigene Sicherheit und die von Freunde und Familien rücksichtslos zu gefährden. 

Und nicht zu vergessen, Rettungskräfte in einem Einsatz zu binden, der wirklich ganz und gar vermeidbar gewesen wäre. Derzeit kommt es in Israel immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung. Es gibt immer wieder Verletzte durch andauernden Raketenbeschuss aus Gaza. Gerade in dieser Zeit ist es unverantwortlich, rücksichtslos und egoistisch, die eigenen völlig unbedeutenden Bedürfnisse so in den Vordergrund zu rücken. Sondern mehr Zurückhaltung und Verantwortung zu zeigen.

Am vorgestrigen Sonntag, am Abend von Shavuot (16.Mai) traf es die eine Gruppe der «Karlin-Stoliner» Chassiden. Sie gehen zurück auf die Gründung durch Rebbe Aaron ben Jacob Perlov von Karlin (1736-72) im heutigen Weissrussland. Heute leben sie in verschiedenen Orten Israels, in den USA, GB und in der Ukraine. Viele «Karlin-Stoliner» leben in Jerusalem, eine Gruppe hat sich in Givat Ze’ev, גִּבְעַת זְאֵב (Hügel des Wolfes) angesiedelt. 

Der Ort wurde 1977 auf dem Gebiet eines ehemaligen jordanischen Militärlagers gegründet und liegt etwa 5 Km nördlich von Jerusalem in Judäa und Samaria. Damit liegt der Ort auf dem Gebiet, dass bis 1967 von Jordanien besetzt und 1967 von Israel zurückerobert wurde. 

Givat Ze’ev ist keine Siedlung, die aus ideologischen Gründen heraus entstand. Die Nähe zu Jerusalem macht sie zu einer begehrten «Schlafstadt». Knapp 20.000 Einwohner hat das Städtchen. Es ist eine bunte Gesellschaft, die dort lebt. Neben konservativen, liberalen und säkularen Juden gibt es auch eine ultra-orthodoxe Gruppe. Die der «Karlin-Stoliner» Chassiden. 

Dort leben sie nicht so unter sich, nicht so eingekapselt in ihre eigene Welt wie in Bnei Brak, Sfad, Tiberias und Jerusalem. 

Vorgestern Abend begann Shavuot. Ein traditionell fröhlicher Festtag. Wir Juden erinnern uns daran, dass wir am Berg Sinai ein zweites Mal die zehn Gebote empfangen haben. Wir erfreuen uns aber auch der Erstlingsfrüchte, die um diese Zeit herum geerntet werden. Wir lesen das Buch von Ruth, der Urgrossmutter König Davids, die eine Moabiterin war. In traditionellen Gemeinden wird die ganze Nacht über die Torah studiert. Modernere Gemeinden bieten, meist nach einem gemeinsamen Essen Vorträge, Diskussionen und Studien zu religiösen Themen an. 

Auch etwa 650 männliche Mitglieder der «Karlin-Stoliner» trafen sich im neuen Lernzentrum in ihrer Synagoge in Givat Ze’ev. 

Noch am Tag zuvor haben Gemeindemitglieder, darunter einige Kinder, eine provisorische Tribüne zusammengebastelt. Offensichtlich hatten sie das Gefühl, dass die bestehenden Tribünenplätze für den Besucheransturm nicht ausreichen würden. 

Die Feuer- und Rettungsbehörden hatten am Sonntagvormittag ein Mail an die zuständigen Behörden geschickt, dass der geplante Shavuot Anlass auf Grund der noch nicht beendeten Bau- und Konstruktionsarbeiten nicht bewilligt worden sei. 

Der Bezirksleiter der Polizei, Doron Turjeman betonte: «Wieder wurden wir zu einer Veranstaltung gerufen, die auf Grund von Nachlässigkeit und unverantwortlichem Verhalten verursacht wurde. Wir haben den Bezirksvorsitzenden informiert, dass diese Konstruktion nicht zugelassen für Gebete und Versammlungen von vielen Menschen ist.»

Der zuständige Bezirksvorsitzende nahm dazu wie folgt Stellung «Ich habe meine Mitarbeiter informiert, dass die Veranstaltung nicht bewilligt war und auch nicht bewilligt würde. Wir haben sogar Sperren aufgebaut und klare Informationen angebracht, dass dieses Gebäude gefährlich sei.»

Ein Zettel “Wichtige Warnung“informiert über die Gefahren

Aber die frommen Männer wollten sich ihr Fest, ebenso wie in Meron, nicht von irgendwelchen Behörden nehmen lassen. 

Singend und tanzend standen sie auf den Tribünen. Plötzlich stürzte der obere, allem Anschein nach ungesicherte Teil in sich zusammen und begrub zahlreichen Menschen unter sich. Zwei Personen starben, mindestens 167 wurden teilweise schwer verletzt. 

Die umliegenden Krankenhäuser, besonders das Hadassah in En Kerem (Jersualem) sahen sich mit einem speziellen Problem konfrontiert. Mehr als 200 zusätzliche Mitarbeiter mussten schnellstmöglich aus dem Bereitschaftsdienst einberufen werden. Normalerweise trägt jeder Israeli, wo immer er geht, und steht seine ID Karte bei sich (abgesehen davon, dass er sie auch noch unter Narkose fehlerfrei nennen kann). Die als Notfall eigelieferten Patienten trugen sie nicht bei sich. Hätten sie sie am Schabbat und an Feiertagen bei sich, wäre das ein Verstoss gegen die strengen Schabbatgesetze. 

Auf Grund der fehlenden Identifizierungsmöglichkeit galt ein junger Mann fast 24 Stunden als nicht auffindbar. Erst nachdem er wieder ansprechbar war, konnte er identifiziert werden. 

© Photo by Noam Revkin Fenton/FLASH90

Nachdem alle Verletzten in Krankenhäuser eingeliefert worden waren, blieb Polizeichef Kobi Shabtai nichts anderes übrig, als zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen, dass sich wohl – wie bereits nach der Tragödie von Meron – keine offizielle Stelle finden lässt, die spontan die Verantwortung übernimmt. Die polizeiliche Untersuchung des Vorfalles wurde mittlerweile an eine übergeordnete Stelle in Tel Aviv weitergeleitet. 

Einer der Teilnehmer sagte in seltener Selbsteinsicht: «Es scheint so, als hätten wir nichts gelernt!»

Hoffentlich werden aus den beiden vermeidbaren Katastrophen schnell und konsequent die richtigen Schlüsse gezogen. 



Kategorien:Israel

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