Wochenabschnitt: Nasso, Num 4:21 – 7:89, 4. Buch

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10./11.  Siwan  5781                               21./ 22. Mai 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  18:53

Schabbatausgang in Jerusalem:                              20:15

Durch den heutigen Wochenabschnitt zieht sich wie ein roter Faden das Wort «Nasso!» Wörtlich übersetzt heisst das «Erhebe!» נָשֹׂא  Die Wurzel finden wir auch in den Worten: sich verheiraten, getragen werden, überheblich sein,heben, tragen und ertragen. 

Gleich zu Beginn muss Moses «erheben», wie viele männliche Mitglieder die Clans innerhalb der Leviten haben. Das Volk Israel ist ein nomadisches Volk. Das Stiftszelt und alles, was sich darin befindet, muss regelmässig weitertransportiert werden. Es ist die Aufgabe der Leviten, alle Arbeiten durchzuführen und den Transport zu übernehmen. Sie müssen diese Gegenstände grossteils selber «tragen».

Im zweiten Kapitel des Wochenabschnittes (5:11-31) lesen wir dann Erstaunliches, was sich so gar nicht in das Thema des Textes einzupassen scheint. Es geht um eheliche Untreue. Dieser Abschnitt wird als Parasha «Sota» סוטה, einer Frau, die des Ehebruchs verdächtigt wird, bezeichnet. In der Mishna wird der Thematik im Familienrecht ein ganzes Kapitel gewidmet. Die überführte Ehebrecherin wird als נואפת   (noefet) bezeichnet.

Das Thema ist es wert, aus feministischer Sicht betrachtet zu werden. Es ist offensichtlich, dass es zum Zeitpunkt der Entstehung der Thora keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gab. 

«Angenommen, eine Frau gerät auf Abwege, sie wird ihrem Mann untreu, …» Ist nur der Ehebruch seitens der Frau strafbar? Oder ist das gleiche Verhalten beim Mann gar nicht denkbar? Es gibt das Zitat «It always takes two to tango!” Ehebruch ist nur mit aktiver Beteiligung von zwei Personen vorstellbar. In damaligen Zeiten waren dies in der Regel eine Frau und ein Mann, dass es heute auch andere Kombinationsmöglichkeiten gibt, lasse ich hier undiskutiert. 

Sie begeht also aktiven Ehebruch, wird aber von ihrem Mann nicht dabei erwischt und es gibt auch keine Zeugen (Wer wird denn auch so blöd sein?). Bei jeder Verfehlung, so haben wir es mehrfach gelesen, müssen mindestens zwei Zeugen vorhanden sein. Hier, in diesem Fall, genügt der Verdacht. Die Sexualität der Frau im jungen Volk Israel stand offensichtlich ganz und in der Willkür des Ehemannes.

Und jetzt kommt der Punkt, an dem jeder Mensch mit auch nur einem Funken Gerechtigkeitssinn das folgende Procedere infrage stellen muss. In 5:14 steht: «Der Ungeist der Eifersucht befällt ihn und er wird eifersüchtig auf seine Frau, weil sie befleckt war; und er war eifersüchtig auf sie, obwohl sie unbefleckt war.» Interessant ist, dass das Wort לקנא (lekane) sowohl beneiden, als auch eifersüchtig bedeuten kann. Welcher Interpretationsspielraum zur Emotionalität des männlichen Geschlechts öffnet sich, wenn man den Satz neu übersetzt: «Der Ungeist des Neides überkommt ihn und er wird neidisch auf seine Frau, weil sie befleckt war; und er war neidisch auf sie, obwohl sie unbefleckt war.»?

Der Ehemann muss seine Frau in den Tempel zu einem der Priester bringen, um dort zur Ermittlung der Schuld ein «Eifersuchtsopfer» darbringen zu lassen. Ein gruseliges Ritual, dass die Frau, die möglicherweise unschuldig ist, vor einem Mann blossstellt und demütigt. Ihr Haar wird gelöst. Schon das ist eine unglaubliche Demütigung der Frau. Geöffnet getragenes Haar war das Zeichen, dass es sich bei der Frau um eine Hure handelte. Die Vorverurteilung beginnt schon an diesem Punkt.

Anschliessend bereitet der Priester eine Brühe aus Wasser, gemischt mit dem Staub des Fussbodens vor. Dieses abscheuliche Getränk soll den Beweis ihrer Schuld oder Unschuld bringen. 

Die ersten Wasserproben als Beweis für ein göttliches Urteil findet man bereits im 3. Jahrtausend BCE. In Ur, dem Herkunftsland Abrahams, entstand um diese Zeit der Codex Ur-Nammu, in dem eine Form der Wasserprobe beschrieben ist. Auch im Christentum war im Mittelalter die Wasserprobe ein beliebtes Instrument, um eine Frau als Hexe oder Ehebrecherin zu entlarven. Diese Form war besonders grausam. Starb die Frau bei der Tortur, so war ihre Unschuld erwiesen, überlebte sie sie, galt sie als überführt und wurde zum Tode verurteilt. 

Sterben mussten die Frauen des Volkes Israel deshalb nicht. Aber die Beschämung und Tortur blieb. Wurde sie «überführt», so sollte die Strafe darin bestehen, dass (5:21) «… so sollen deine Hüften einfallen und dein Bauch anschwellen.» In die heutige Sprache übersetzt bedeutet das, dass sie ihre Fähigkeit, Kinder zu gebären verliert, und für ihren Mann unattraktiv wird. Ist sie aber unschuldig, so bleibt ihre Figur unverändert und sie kann weiterhin Kinder gebären. 

Welche Bedeutung es für die Frauen hatte, kinderlos zu sein, wissen wir aus dem Leben der Urmütter, die erst im hohen Alter schwanger wurden. Die Strafe, keine weiteren Kinder empfangen zu können, war möglicherweise drastischer für sie, als das Leben zu verlieren. 

Desdemona fiel der grundlosen Eifersucht ihre Ehemanns Othello zum Opfer

Man darf dem Ritual aber auch eine durchaus positive Seite abgewinnen. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist bis heute leider keine Seltenheit. Der Mann nimmt die Bestrafung seiner vermeidlichen oder tatsächlichen untreuen Frau «selber in die Hand». Dem wurde mit dem Eifersuchtsritual ein Riegel vorgeschoben. Nur Gott selber, nicht der Ehemann und auch nicht der Priester, sprach das Urteil. 

Auch der letzte Satz des Kapitels (5:31) «Der Mann ist von der Missetat befreit, während die Frau [die Folgen] ihrer Missetat ertragen muss.» Was als Ungerechtigkeit par excellence gewertet werden kann, wendet bei genauer Betrachtung eine grosse Bedrohung von den betroffenen Frauen ab. Einerseits nimmt die Parasha die teils paranoide Eifersucht vieler Männer ernst, ermuntert ihn den Fall vor das göttliche Gericht zu bringen und macht damit die häusliche Selbstjustiz unnötig. Ein gut durchdachter Schutz für die Frauen.

Seit Mittwochabend stehen zwei Kandidaten für das Amt des israelischen Präsidenten fest. Das hebräische Wort lautet נשיא (nasi) und gehört zu der eingangs benannten Wurzelgruppe. Seine Aufgabe ist es, das Land in Würde nach innen und nach aussen zu vertreten. Dazu gehört es manchmal auch, vor allem in so schwierigen Zeiten wie wir sie derzeit erleben, die Bürde des Amtes zu ertragen.

Leider kommt nicht immer der persönliche Wunschkandidat zum Zuge. Ich hoffe auf eine faire Wahl und wünsche dem neuen Präsidenten, in dem Fall vielleicht der neuen Präsidentin Glück, Weisheit und politischen Weitblick.

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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