Beschützer der Mauern

                       

12. Siwan 5781

Das war die Bezeichnung des Gazakrieges, «Guardian of the walls». Elf Tage, vom 10. bis zum 21. Mai 2021 dauerte der Horror. Es gibt Stimmen, der Krieg sei vermeidbar gewesen, es gibt Stimmen, die sagen, er sei zu erwarten gewesen. 

Die traurige Bilanz:

4360 Raketen, Panzerabwehrraketen und Mörsergranaten wurden aus Gaza abgeschossen, 680 davon landeten auf dem eigenen Territorium, weitere 280 landeten im Meer. 

Zusätzlich zu den Raketen, von denen klar war, dass sie im freien Feld landen würden, wurden 90 % von denen, die Schaden anrichten könnten, vom Iron Dome abgefangen. Die Raketen wurden überwiegend auf die Orte entlang des Gazastreifens abgeschossen, aber auch auf Tel Aviv, Jerusalem, Beer Sheva und die Wohngebiete der Beduinen im nördlichen Negev. Am letzten Tag der Kampfhandlungen gab es gezielten Beschuss auf Militärbasen im Süden des Landes.

Kerem Shalom, der Grenzübergang, über den Hilfslieferungen von Israel nach Gaza geliefert werden, wurde kurzfristig geschlossen, nachdem auch er unter Beschuss geriet. Dadurch wurde die Versorgungslage mit Treibstoff, Medikamenten und Tierfutter im Gazastreifen prekär. Noch am Freitag, unmittelbar nach Beginn des Waffenstillstandes, wurden die Lieferungen wieder aufgenommen. Aus Jordanien kam ein mobiles Feldlazarett, das im südlichen Rafah nahe der ägyptischen Grenze stationiert wurde.

Schulen und Kindergärten blieben im Süden geschlossen. Die Bahnlinie wurde unterbrochen und die Anflüge auf den Flughafen Ben Gurion wurden zum Ramon Airport bei Eilat umgeleitet. Einige internationale Fluglinien stellten ihre Flüge nach Israel ein. 

In Israel sind 12 Tote, darunter zwei Kinder, etwa 500 Verletzte zu beklagen.

Die „Metro“ von Gaza © IDF

Durch massiven Raketenbeschuss durch die IAF wurde ein grosser Teil der sogenannten «Metro» [der Tunnelanlagen, die ganz Gaza «unterkellern»] zerstört. Beim stärksten Angriff wurden innerhalb von 40 Minuten 160 Raketen auf 150 Ziele gefeuert. 340 Raketenabschussrampen wurde zerstört. 

Medial den grössten Aufruhr verursachte die völlige Zerstörung des «JalaTowers» in Gaza City. In diesem Gebäude hatten sowohl die amerikanische Associated Press, aber auch Al Jazeera TV ihre Büros. Der Eigentümer des Gebäudes, ein Palästinenser, beauftragte seine Rechtsanwälte, eine Klage beim ICC gegen Israel einzubringen. Für ihn ist die Zerstörung seines Gebäudes ein Kriegsverbrechen. Die Begründungen Israels, dass das Haus auch eine Kommandozentrale des «bewaffneten Widerstandes» gewesen sei, wies er weit von sich.

Die „Jala Towers“ © New York Times, screenshot

In Gaza sind 248 Tote, darunter etwa 100 Frauen und Kinder, sowie etwa 2.000 Verletzte zu beklagen. Unter den Toten sind auch 25 der Terroristenführer der Hamas.

War der Kurz-Krieg ein Erfolg? Wenn ja, für welche Seite?

Ein israelischer Offizier vermutet, dass die Hamas noch über ein Arsenal von mehr als 8000 Raketen und einigen Hundert Abschussrampen verfügt. Nimmt man die Zahlen der letzten elf Tage, so wäre das genug Material für zwei weitere «Kampfrunden». Er sagt weiter: «Wir benötigen mehr Zeit, um zu analysieren, ob das ein Erfolg war.»

Für die Bewohner des Süden Israels steht die Antwort fest. Sie fühlen sich, wie in den letzten Jahren, im Stich gelassen. Für sie steht fest, dass der Waffenstillstand für sie nur eine kurzfristige, vielleicht einige Jahre, vielleicht aber auch nur wenige Monate dauernde Ruhe bringen wird. 

Und doch scheint es zwei Gewinner zu geben. 

Die Hamas feierte den Waffenstillstand als «Sieg». Khalil al-Hayya, der stellvertretende Chef von Hamas in Gaza, verkündete «… den heutigen Sieg über unsere Feinde. Jetzt können wir zwei Freuden geniessen. Die Freude von Eid al-Fitr [dem Zuckerfest am Ende des Ramadans] und die Freude unseres Sieges.» 

Feiernde Anhänger der Hamas auf der al-Aksa Moschee © ToI screenshot

Von anderer Stelle war zu hören «Wir haben eine grössere Aktion vorbereitet, die Israel von Haifa im Norden bis zum Ramon Flughafen im Süden treffen wird. Es stimmt, der Kampf endet heute. Aber Netanyahu und die Welt müssen wissen, dass unsere Hände am Abzug sind und wir werden die Möglichkeit unseres Widerstandes vergrössern.»

Netanyahu, der durch den Kurz-Krieg hofft, politisch an Stabilität gewonnen zu haben, bezeichnet das Ergebnis als «aussergewöhnlichen Erfolg.» Alle Ziele, die zerstört werden sollten, seien zerstört worden. «Weder die Bürger, geschweige denn Hamas, wissen nicht alles, was wir erreicht haben.»

Kritik kam, wie zu erwarten war, von der Opposition.

Yair Lapid twitterte «Netanyahus Versagen reicht von Meron bis Gaza, vom Tempelberg bis Lod. Es ist Zeit für ihn zu gehen.»

Gideon Sa’ar ergänzte «Mit dem besten Aufklärungsdienst und der besten Airforce der Welt gelang es Netanyahu nicht, von der Hamas mehr als einen bedingungslosen Waffenstillstand zu bekommen. Es ist frustrierend.»

Bezalel Smotrich, von Netanyahu dringend benötigter Koalitionspartner drohte bereits vor dem Waffenstillstand «Falls irgendein Übereinkommen mit der Hamas auch nur ein Komma am Status von Jerusalem, dem Tempelberg oder Scheich Dscharrah ändert, dann kannst du jede Regierungsbildung mit mir vergessen.»

Merav Michaeli, drückte ebenfalls ihre Unzufriedenheit aus. «Wir müssen endlich die Augen für die Realität öffnen. Wieder einmal handelt die IDF professionell, die Bürger ertragen schwierige Situationen und Netanyahu nutzt all das, um die Hamas zu stärken. Und um sich selber zu stärken.»

Ab heute, Sonntag, 23. Mai 2021, wird das politische Israel sich wieder der Realpolitik zuwenden. Und muss sich wieder den möglichen Regierungskoalitionen widmen. 

Noch scheint Netanyahu als grösster persönlicher Gewinner dazustehen, sein angekratzter Glamour Effekt scheint aufpoliert zu sein. 

© ToI

Bis zum 2. Juni, also noch eine Woche, hat Yair Lapid Zeit, alles zu versuchen, die politische Zeit Netanyahus zu beenden. Gelingt das nicht, geht das Mandat an die Knesset zurück.

Und dann droht, im schlimmsten Fall, im Oktober die nächste Wahl!



Kategorien:Israel, Politik

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1 Antwort

  1. Esther, I applaud you for your very careful language here. The second to last paragraph says it all… At least someone come out polished from this round.

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