Gibt es ihn – DEN «koscheren» Fisch?

18. Siwan 5781

Um die Frage vorab zu beantworten, nein es gibt ihn nicht. Um es kurz zu machen, der Stör ist in Grossbritannien koscher, aber in keinem anderen Land. Warum? Der Israeli würde Antwort «kacha», weil es so ist. Nicht wirklich befriedigend, aber Ende der Diskussion. Auch der Schwertfisch, eindeutig ein Knochenfisch,  wurde bis in die 1960er Jahre sogar vom Oberrabbinat von Israel als kosher angesehen. 

Es besteht wohl kaum Unklarheit darüber, welche Säugetiere zum menschlichen Verzehr zugelassen sind. Die Liste ist nicht sehr lang, die Tierarten durchaus überschaubar. 

Sie müssen gespaltene Klauen haben und Wiederkäuer sein. Das bedeutet, dass wir uns bei der Menügestaltung auf Rinder, Schafe und Ziegen beschränken müssen. Theoretisch ist auch der Hirsch koscher. Der wird aber in der Regel geschossen und nicht geschächtet, also nicht entsprechend der Halacha getötet. Nur ganz selten findet man koschere, speziell gezüchtete Hirsche, die man deshalb auch nur sehr selten in der jüdischen Küche findet.

Auch bei Geflügel ist die Wahlmöglichkeit klar. Um als geeignet zu gelten, kommen nur die Hühnervögel infrage: Hühner, Puten, Gänse, Enten, Fasane, Wachteln, Tauben und Perlhühner.

So weit, so gut. 

Bei den Fischen ist es schon weitaus schwieriger, eine Unterscheidung zu treffen. Es heisst zwar ganz lapidar, dass sie Schuppen und Flossen haben müssen. In Lev 11:9-12  und Deut 14:9-10 lesen wir «Von allen Tieren, die im Wasser leben, dürft ihr essen; alle Tiere mit Flossen und Schuppen, die im Wasser, in Meeren und Flüssen leben, dürft ihr essen. Aber alles, was in Meeren oder Flüssen lebt, alles Kleingetier des Wassers und alle Lebewesen, die im Wasser leben und keine Flossen oder Schuppen haben, seien euch abscheulich.» 

Liebe Freunde von Meeresfrüchten (Hummer, Languste, Muscheln, Krebse etc.), wenn ihr jüdische Besucher habt, die die Vorschriften einhalten, dann tischt diese Dinge nicht auf.

Heutzutage hat nicht jeder das Glück, einen jüdischen Grossvater zu haben, der Fischhändler ist. Dessen Angebot könnte man blindlings vertrauen. 

„Gefillte Fisch“ für Perfektionisten

Aber was macht man, wenn man in einem Supermarkt (natürlich nur in einem gut sortierten!) Fisch kaufen möchte? Häufig liegen die Filets «pfannenfertig» und wunderbar anzuschauen auf zerstossenem Eis. Viele Fische kennt die Hausfrau oder der Hausmann auch als Filet. Bei der Seezunge ist das kein Problem, auch beim schmackhaften Egli, bei Felchen, Thunfisch kann man sich fast nicht irren. Auch Kabeljau und Lachs kann man gut identifizieren. 

Bei anderen Filets ist das für den Laien kaum machbar. Also muss man sich entweder vertrauensvoll an den Verkäufer wenden, oder sicherheitshalber einen ganzen Fisch auswählen und filetieren lassen. 

„Gefillte Fisch“ in der modernen Küche

Die Speisegesetze wurden für das durch die Wüste wandernde Volk Israel sehr früh festgeschrieben. Von welcher Zeit sprechen wir, wenn wir vom langen Weg der Israeliten aus dem Exil bis zur Ankunft am Berg Nebo sprechen?

Im Buch der Könige 6:1 lesen wir: «Im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten, im vierten Jahr der Regierung Salomos über Israel, im Monat Siwan, das ist der zweite Monat, begann er das Haus des Herrn [den ersten Tempel in Jerusalem] zu bauen.» Salomon, der Sohn König Davids, regierte um 965 bis 926 BCE. Beziehen wir uns auf die oben genannten Daten, so fand der Tempelbau um 950 BCE statt. Das Exil müsste daher um 1.430 BCE begonnen haben. Wir befinden uns also in der mittleren bis späten Bronzezeit. 

Yonathan Adler, Dozent an der Universität Ariel für Archäologie, hat eine spannende Arbeit mit dem Thema «Die halachischen Diätvorschriften bezüglich schuppen- und kiemenfreien Fischen, untersucht anhand von Fischreisten aus dem Altertum

Untersucht wurden 21.000 Gräten von 30 verschiedenen Orten in der südlichen Levante. Die Untersuchungen liessen eine klare zeitliche Abgrenzung von 1550 BCE bis 640 CE zu. 

Offensichtlich gehörte der Wels zu den damals sehr beliebten Fischen. Er ist schuppenlos und hat eine lederartige Haut und gehört zu den echten Knochenfischen. Auch Haifische, die zu den Knorpelfischen gehören, verfügen über keine echten Schuppen. Ihr Körper ist bedeckt von sogenannten Hautzähnchen, die, wenn man sie berührt, der Oberfläche von Schmirgelpapier ähneln. 

Sowohl in Lachschich, einer Fundstelle etwa 40 km von Jerusalem entfernt, als auch in Haruba an der Mittelmeerküste des nördlichen Sinai wurden überproportional viele Überreste von Haien und Welsen gefunden, die auf die frühe Zeit des Volkes Israel in der Region zurückdatiert werden können. Die anderen untersuchten Fundstellen waren Jerusalem und Ramat Rachel bei Jerusalem.

Adler glaubt, dass «Fischgräten, die an Orten, die so weit vom Meer entfernt sind, gefunden werden, ausschliesslich von Fischen, die der menschlichen Nahrung dienten, stammen. Alles andere macht keinen Sinn.»

Die Funde scheinen es zu belegen, unsere Vorfahren nahmen es mit der Halacha nicht besonders ernst, wenn es um Fisch ging. 

Das zu beweisen ist aber gar  nicht die Absicht von Yonatan Adler. 

Er möchte in seinem gross angelegten Projekt herausfinden, wann die Kinder Israels tatsächlich begannen, die Gesetze, die ihnen am Sinai gegeben wurden, einzuhalten.  

Es geht nicht nur darum, ab welchem Zeitpunkt die halachischen Gesetze der Ernährung eingehalten wurden. Es geht auch um das Einhalten aller biblischen Gesetze bis hin zu den kleinsten Details, die besagen, dass wir an unseren Türstöcken eine Mesua [künstlerisch gestaltete Kapsel, in der die ersten Worte des «Schma Israel» auf einem koscheren Pergament enthalten sind] anbringen sollen.

Das Interesse des Wissenschaftlers besteht, wie er in einem Interview mit ToI sagt: «Ab wann ist sich das Volk Israel bewusst, dass es die Torah gibt und dass sie etwas für sie Verbindliches enthält.»

Diese und andere Studien werden helfen, Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen. 

Für den einfachen Juden ausserhalb von Israel ist es teilweise unmöglich, sich durch das kulinarische Basisangebot zu kämpfen. Wir können nur hoffen, dass dies irgendwann besser wird. 



Kategorien:Israel

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1 Antwort

  1. Zu der Debatte um die Ernährungsgewohnheiten im alten Israel eine kritische Auseinandersetzung von Joshua Berman und Ari Zivotofsky in der Times of Israel:

    https://www.timesofisrael.com/those-fishy-reports-on-ancient-israelites-eating-non-kosher-seafood/

    Ich habe sie für deutschsprachige Leser übersetzt:

    https://docs.google.com/document/d/1XG_QXcO-g9la2X_pJchVF7RA2p9YwWJ0O47mvfxjN80/edit

    Gefällt mir

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