Wochenabschnitt: Korach, Num 16:1 – 18:32, 4. Buch

ב“ה

1./2 Tammus  5781                               11./12. Juni 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  19:05

Schabbatausgang in Jerusalem:                              20:27

Armer Moses! Schon wieder muss er sich mit dem Aufruhr innerhalb seines Volkes auseinandersetzen. Und diesmal kommt es ganz besonders hart. 

Bereits im letzten Wochenabschnitt hat sich abgezeichnet, dass Unzufriedenheit über Moses’ Führung mehr und mehr wuchs. Gleichzeitig sank das Vertrauen in die Versprechungen, die Gott ihnen gegeben hatte. In Num 14:4 haben wir sie sagen hören: «Lasst uns einen [neuen] Führer wählen und nach Ägypten zurückkehren!», etwas später in Num 14:10 heisst es sogar: «Die ganze Gemeinde sagte, dass man sie [Moses und Aaron] steinigen solle.»

Und jetzt das! 250 Männer aus den Stämmen Reuven und Levi erheben sich mit ihrem Anführer Korach gegen die beiden. Nicht das einfache Volk, sondern die Stammesspitzen waren es, die sich wortgewaltig beschwerten. «וַיָּקֻמוּ» beutetet übersetzt vom Verb לָקוּם aufstehen, sich aufmachen. Hier hilft nur eine freiere, aus dem Kontext zu verstehende Übersetzung «… rotteten sich vor Moses zusammen.» Denn das war es, ein Aufstand.

Der Unmut, der schon längere Zeit schwelte, brach sich nun ungehindert Bahn. «Ihr nehmt euch zu viel heraus. Das ganze Volk ist heilig, jeder Einzelne von uns und Gott ist mitten unter uns. Also warum erhebt ihr euch über die Versammlung Gottes?» (Num 16:3)

Auf die heutige Zeit bezogen könnte man dieses Verhalten durchaus als basisdemokratischen Versuch werten, einen ungeliebten und nicht mehr akzeptierten politischen Führer aus dem Amt zu drängen. In der Regel folgt darauf ein Misstrauensvotum im Parlament. Das Ergebnis ist für den Regierungschef bindend. Entweder kann er genügend Abgeordnete hinter sich bringen, oder er muss zurücktreten. 

Ganz so einfach war es aber damals nicht. Moses und Aaron waren nicht vom Volk Israel gewählt worden, sondern waren von Gott ausgewählt und in ihre Position eingesetzt worden. 

Für Korach ist es so, dass die gesamte Gemeinde, das gesamte Volk Israel «heilig» ist. Derart, dass alle Mitglieder des Stammes den gleichen Stellenwert haben. Aber da liegt er falsch. Die Volkssouveränität als Gegenentwurf zum monarchischen Prinzip gilt heute in den meisten demokratischen Staaten. Alle Macht, auch die Wahl der Regierung, geht vom Volk aus. Nicht so beim Volk Israel. Gott ist hier der alleinige Entscheidungsträger.

Wie können wir diesen grundsätzlichen Streit zwischen dem unzufriedenen Volk Israel, vertreten durch die wenigen Aufständischen und Gott, vertreten durch Moses und Aaron einordnen? Im Kapitel 5, Absatz 20 in Pirkei Avot (Sprüche der Väter) lesen wir: «Jeder Streit, der in des Himmels Namen geführt wird, hat Berechtigung. Der aber nicht im Namen des Himmels geführt wird, hat sie nicht. Welcher Streit war in des Himmels Namen geführt? Der Streit des Hillel und des Schammai. Welcher ward nicht so geführt? Der Streit der Rotte Korachs und seines Anhanges.»

Moses hat es klar erkannt, der Zorn der Aufrührer richtet sich nicht nur gegen ihn und seinen Bruder, er richtet sich direkt gegen Gott! Deshalb fordert er sie auf, am kommenden Tag gesammelt vor dem Stiftszelt zu erscheinen und sich dem Urteil Gottes zu stellen. Der Streit geht weniger, wie es nach aussen scheinen mag, um die Frage des guten oder nicht so guten Führung, sondern um die Frage, auf welcher Seite Gott steht. Wen er unterstützt.

Moses weiss, dass er in Gott einen starken Verbündeten hat und fleht ihn an, die Opfer der Rebellen nicht anzunehmen. Gleichzeitig fordert er sie aber zu einem ungeheuren Ungehorsam auf, indem er sie auffordert, Gott direkt ein Opfer zu bringen.

Gott lässt Moses, wie könnte es auch anders sein, nicht im Stich! Er befiehlt Moses die Aufständischen, das restlichen Volk von den Aufständischen und ihren Familien abzusondern. Noch einmal begehren diese auf und bezichtigen Gott selbst, statt einen in ihren Augen sündigen Menschen (Moses) das ganze Volk zu strafen. In ihrer Verbohrtheit und ihrem grenzenlosen Zorn und Hass erkannten sie immer noch nicht, dass sie die Schuldigen, die Abtrünnigen waren.

Moses weiss, was auf sie zukommt, sie werden sterben. Die Erde öffnet sich und begräbt die gesamte Familie von Korach. Jene aber, die die Opfer dargebracht hatten, wurden vom Feuer verbrannt. 

Doch selbst dieses tragische Ereignis liess die Menschen nicht demütig werden. Mehr noch, es schien, als sei der böse Geist, der die Aufständischen erfasst hatte, auf das gesamte Volk Israel übergesprungen. Sie klagten Moses und Aaron an, «das Volk Israel» getötet zu haben. 

Gott kündigte eine noch härtere Strafe an. Einerseits wollte er das Volk Israel mit einer tödlichen Plage strafen, forderte aber gleichzeitig Aaron auf, ein Sühneopfer darzubringen. Bevor Gott dieses Opfer aber annahm und die Plage stoppte, waren ihr schon 14.700 Menschen zum Opfer gefallen. 

Wiederum gibt Moses eine göttliche Anweisung weiter. Von jedem der zwölf Stammesoberhäupter verlangt er einen Stab, auf dem der Name des jeweiligen Mannes eingeritzt ist. Diese legte er im Offenbarungszelt ab. Wieder geschah ein Wunder. Der Stab Aarons wurde grün, trieb Blätter und trug reife Mandeln. Die anderen blieben trocken und verdorrt.

Während Moses’ Beweggründe und Handlungen fast immer von Gott gutgeheissen werden, steht hinter der Rebellion Korachs nicht der Grund, einen ungeliebten Politiker abzusetzen. Es geht darum, dass er für sich «mehr» haben möchte. Dass er nur seine ureigenen Ziele verfolgt. Korach zeigt das typische Verhalten eines populistischen Demagogen, der sich als Sprecher für die scheinbar Benachteiligten aufwirft.

Es mag auch sein, dass Korach das Volk Israel zu wenig als Einheit, sondern als eine Kumulation von Einzelpersonen ansah. Natürlich kann jedes Individuum mit seinen Plänen, Wünschen, Stärken und Schwächen zur Pluralität des Ganzen beitragen. Das Volk aber muss durch gemeinsam Ziele verbunden bleiben. Wir erleben es tagtäglich nicht nur in Israel, dass Probleme entstehen können, wenn die einzige Gemeinsamkeit einer Gruppe der gemeinsame Feind ist. 

Wie wäre es, wenn Politiker den Streit zwischen Korach und Gott lesen und die daraus resultierende Strafe verinnerlichen würden?

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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