Ulrich W. Sahm und der deutsch-israelische Journalismus

25. Tammus 5781

Sucht man im Israel Netz, der evangelikalen online Zeitung, die der „Christlichen Medieninitiative pro e.V.» gehört, den Namen «Ulrich Sahm», so findet man 453 Einträge. Sie datieren zurück bis zum 17.12.2002. Der neueste Eintrag ist vom 2. Juli 21 mit dem Titel «Heisses Sommerloch in Israel». Der Eintrag davor, vom 24. Juni 21 titelt «Israelische Forscher entdecken unbekannten Hominiden»

Zeitlich zwischen den beiden Beiträgen fand vom 30. Juni bis zum 2. Juli 21 der letzte Staatsbesuch des deutschen Bundespräsidenten Frank- Walter Steinmeier unter der Ägide von Präsident Reuven Rivlin statt. In der Suchmaschine taucht er nicht auf, wohl aber auf der Startseite dieses christlichen Blattes. Dort findet man auch einen zweiten Artikel, datiert mit dem 1. Juli 21 «Steinmeier in Israel».

In der jüdisch-konservativ orientierten Webseite „Audiatur“ sind es 322 Beiträge. Weitere finden sich, teils textgleich, in der rechtsextremen, christlich-missionarischen „Heplev».

Dass Sahm in christlichen online Zeitungen schreibt, hat sicher auch damit zu tun, dass er, evangelisch sozialisiert, lieber dort, als in jüdischen Medien schreibt. Immerhin hat er evangelische Theologie studiert und seine Mutter war von 1990 bis 1997 Äbtissin des evangelischen Klosters Mariensee in der Nähe von Hannover. 

Nachdem er Judaistik und jüdische Literatur, sowohl in Deutschland als auch in Jerusalem studiert hat, gelingt ihm der Spagat zwischen seinen christlichen Wurzeln und seinem jüdischen Umfeld recht gut. Immerhin lebt er schon seit vielen Jahren in Israel. 

Weniger gut scheint ihm aber der Konsens zwischen der deutschen und der israelischen Presselandschaft zu gelingen. 

Beim letzten Staatsbesuch des deutschen Präsidenten schien für ihn alles daneben gegangen zu sein. 

Auf der Webseite des deutschen Präsidenten steht klar zu lesen:

Reiseaufruf für die Redaktionen:

Journalistinnen und Journalisten, die den Bundespräsidenten auf seiner Reise begleiten möchten, melden sich bitte bis Donnerstag, den 17. Juni 2021, 15.00 Uhr per E-Mail (akkreditierung@bpra.bund.de) bei der Pressestelle des Bundespräsidialamtes mit folgenden Daten an: Name, Vorname, Medium, Funktion, Adresse, Telefon, E-Mail-Adresse und Mobiltelefon.

Gleiches oder Ähnliches wird wohl auch für in Israel akkreditierte Journalisten gegolten haben. Eine einfache Akkreditierung, wie umfassend sie auch immer gewesen sein mag, reichte offensichtlich in diesem Fall nicht aus. Und darüber zu entscheiden, ist Sache des Landes, aus dem der Staatsgast kommt. Und nicht des Staates, der Gastgeber ist. 

Oh ja, die narzisstische Kränkung muss gross gewesen sein. Voll akkreditiert und trotzdem nicht zugelassen. Nur noch einen Blick auf den Wagen des Bundespräsidenten zu erhaschen, als er in den Hof des Klosters St. Charles einbiegt. 

Es tut weh, wenn man nicht zur ersten Riege der Journalisten gehört! Nicht zu denen, die ganz dicht dran waren, die Selfies machen konnten und sogar mit einem freundlichen Lächeln des Gastes oder des Gastgebers bedacht wurden. 

Wer narzisstisch gekränkt ist, beisst blindwütig um sich, das ist bekannt. 

Sahm beisst nicht nur, spuckt Gift und Galle.

Wer sich auf der Seite des Bundespräsidenten schlaumacht, der findet keinen der Fehler, die Sahm anführt. Es ist ein straffes Programm, zwar ohne exakte Zeitvorgabe, aber klar strukturiert. 

Ja, es gibt Fehler im Programm, aber Sahm «verschlimmbessert» sie noch. 

«Aber damit nicht genug. Am Donnerstagnachmittag war „Anschliessend“ ein Treffen mit dem „alternierenden Präsidenten des Staates Israel, Naftali Bennet“ angesagt. Diesen Titel gibt es nicht. Der scheidende Staatspräsident Rivlin hat einen ordentlich in der Knesset gewählten Nachfolger namens Jitzchak Herzog. Der im Programm genannte Naftali Bennett ist der alternierende Ministerpräsident, also Regierungschef und nicht „Präsident“. Das ist, als würde man Frau Merkel als alternierende Bundespräsident (*in) Deutschlands bezeichnen.»

Offensichtlich hat er nicht mitbekommen, dass seit dem 13. Juni der amtierende PM Naftali Bennett heisst. Der alternierende PM ist Yair Lapid, derzeit aktiv als Aussenminister im Amt. Der allerdings wird auf der Seite des Bundespräsidenten als «alternierender Präsident» bezeichnet. Und das ist natürlich ein Fehler.

«Ein Blick auf das Programm, das immerhin auf der offiziellen Seite des Bundespräsidenten steht, lässt beide Möglichkeiten offen.»

Es wäre für den Leser hilfreich gewesen, den Text, auf den sich Sahm bezieht, zu verlinken. Denn auf der offiziellen Seite des Bundespräsidenten finden sich keinerlei exakte Terminangaben. Und auch nicht das von ihm angeprangerte «anschliessend».

Auch den Besuch der beiden Präsidenten in der Negev nimmt er sprachlich aufs Korn. Die konkrete Quelle bleibt auch hier verborgen! «Beide Staatsoberhäupter reisen dafür in den Süden Israels, wo sie in Sde Boker ein Institut für Wüstenforschung und das Grab Ben-Gurions und dessen Frau Paula besuchen. Sie besuchten also nicht das Grab Ben Gurions und seiner Frau, sondern sie besuchen 1. Das Grab Ben Gurions und 2. dessen Frau. Aber das sind sprachliche Stilfragen.»

Das ist doch nur mehr das, was im Englischen so nett als «nitpicking» bezeichnet wird! (Den markigen Schweizer Begriff mit den getrockneten Weinbeeren verwende ich lieber nicht, es könnte mir übel ausgelegt werden!) 

Völlig korrekt heisst es beim Bundespräsidenten: Grabstätte von David und Paula Ben-Gurion. Gemeinsamer Besuch des Grabes.

Und als krönenden Abschluss erlaubt sich Sahm noch ein wenig Steinmeier Schelte. Hat der sich doch tatsächlich getraut, dem Haaretz ein Interview zu geben!! Das mit Jonathan Lis geführte Gespräch fand bereits vor der Abreise aus Deutschland statt. Die TAZ mit dem Haaretz zu vergleichen, kommt einer Beleidigung aller ernsthaften Journalisten gleich, die in der, ja stimmt, linken und ehemals nicht regierungsfreundlichen eingestellten Zeitung schreiben. Wie sich der Haaretz jetzt weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Aber das zu beurteilen ist nicht die Sache von Sahm. 

Genauso wenig, wie es in den Rahmen seines Berichts gehört, über die Delegation, die Bundespräsident Steinmeier begleitete, zu urteilen. Das wäre das Thema eines eigenen, kritischen Berichts gewesen. 

Tja, aber dazu fehlt dann offensichtlich das von der deutschen Botschaft verweigerte Hintergrundwissen. 

«Steinmeier in Israel – die diplomatische Blamage» ist auf jedenfalls ein völlig falscher Titel, für diesen Artikel, der über alles und über nichts schreibt. 

Insbesonders kein Wort über den Neuanfang von diplomatischen Beziehungen, nachdem diese unter dem Regime vom vorherigen PM nahezu zerstört worden waren. 

Übrigens, Sahm hat ein Hobby, dem er sich doch bitte vermehrt zuwenden soll: das Kochen. Vielleicht kann man mit dem Verkauf eines Kochbuches mehr Geld verdienen als mit journalistischen Werken. Und muss sich, noch dazu, nicht so sehr ärgern!



Kategorien:Aus aller Welt, Politik

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1 Antwort

  1. Bitte nehmen Sie sich vor der Rachsucht der oben erwähnten Webseiten-Inhaber in acht.

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