Wochenabschnitt: Matot-Mass’ej, Num 30:2 – 36:13, 4. Buch

ב“ה

29. Tammus / 1. Aw 5781                       9./10. Juli 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 19:08

Schabbatausgang in Jerusalem:                              20:29

Wiederum lesen wir einen Doppelwochenabschnitt: Matot und Mass’ej. Es ist der letzte Schabbat, an dem wir im 4. Buch Moses lesen, das wir heute beenden. 

Num 30:2-17 beschäftigt sich mit Gelübden und dem Umgang mit ihnen. Wir haben es also erneut mit einem zivilrechtlichen Themenkreis zu tun. Auffallend ist, dass sich Moses zu Beginn nicht, wie sonst an das ganze ganz Volk Israel, sondern an den kleinen Kreis der Stammesältesten wendet: 

יְדַבֵּר מֹשֶׁה אֶל-רָאשֵׁי הַמַּטּוֹת

Bei Männern ist die Rechtslage klar, sie müssen ihre Versprechen und ihre Gelübde halten. 

Wie aber schaut es bei Frauen aus? Hier differenziert die Thora. Eine Frau, die sich solcherart festlegt, solange sie noch ledig im Haus des Vaters lebt, muss diesen darüber informieren. Der Vater kann schweigen, dann bleiben die Gelübde aufrecht, dies gilt als schweigende Zustimmung. Lehnt er sie aber ab, so sind sie auch in den Augen Gottes hinfällig.

Heiratet sie, während sie durch ihre Gelübde gebunden ist, und hier wird eingefügt «auch wenn es unüberlegt gegeben wurde», das Recht der Bewertung auf den Ehemann über. Es gibt nur eine Ausnahme, die in Kraft tritt, wenn der Ehemann zwar von den Gelübden erfährt, sie aber nicht am gleichen Tag zurücknimmt. 

In dem Fall muss er die Verantwortung für die Folgen der Gelübde tragen. 

In der vergangenen Woche haben wir gelesen, wie sich die Töchter von Zelofhad erfolgreich ihr Erbe erstritten haben. Einen Moment lang durften wir hoffen, es mit einer frühen Form der Gleichbehandlung von Männern und Frauen zu tun zu haben. Hier wird das dort Erreichte wieder aufgegeben. Frauen müssen sich wieder dem Urteilsspruch ihres Vaters oder Ehemannes unterwerfen. 

Erst als Witwe oder als geschiedene Frau erhält sie ihre Selbstbestimmung zurück. 

Schaut man genau hin, liest man den Wochenabschnitt Wort für Wort, so erkennt man, dass es die Gleichberechtigung der Frau doch gibt. Auch wenn der Vater, oder später der Ehemann, die Gelübde aufhebt, so verzeiht Gott ihr, der Frau! Welch wunderbare Erkenntnis. Vor Gott sind wir, Frauen und Männer gleich. Ob dies den Vätern und Ehemännern nun passt, oder nicht. Gott erinnert sich an die Worte, die wir in Genesis 1:27 gelesen haben. 

וַיִּבְרָא אֱלֹהִים אֶת-הָאָדָם בְּצַלְמוֹ, בְּצֶלֶם אֱלֹהִים בָּרָא אֹתוֹ:  זָכָר וּנְקֵבָה, בָּרָא אֹתָם

Er erschuf den Menschen nach seinem Abbild, als Mann und Frau erschuf er sie. Wir wissen, Gott hält seine Versprechen, wir wurden von ihm als gleichwertige Menschen erschaffen. 

Muss man eigentlich betonen, dass Versprechungen, Eide und Gelübde eingehalten werden müssen? Dass sie rechtsverbindliche Zusagen oder auch Enthaltungen darstellen, und dass ein Nichteinhalten bestraft wird? Dies gilt aber nur im zwischenmenschlichen Bereich, wo alles in Gesetzen geregelt ist. 

Gelübde gegenüber Gott können nicht «einfach so» weggewischt werden. In wenigen Monaten feiern wir Yom Kippur. Am Abend dieses höchsten jüdischen Feiertages hören wir das «Kol nidrei». Es ist der Beginn einer 25 Stunden andauernden Rechtsprechung, in der Gott darüber entscheidet, ob unsere Reue echt ist. Befindet er so, werden wir am Ende von Yom Kippur mit den Ne’ila Gebet freigesprochen. Jeder von uns weiss, dass die Zeit zwischen Rosh Hashana und dem Ende von Yom Kippur keine leichte ist. In unserer Beziehung zu Gott gibt es kein «delete*.*» um die Festplatte wieder zu reinigen!

Nun ist aber auch die Zeit vor Yom Kippur durchaus notwendig, um uns bei denen zu entschuldigen, die wir durch nicht gehaltene Zusagen oder Versprechen enttäuscht haben.  Um zu vermeiden, dass man, sei es aus Unachtsamkeit, aus unbedachter Wortwahl oder auch aus Absicht im täglichen Leben solche Versprechen abgibt, gibt es die Floskel «bli neder», in Israel eine häufig angewendete Formel, um sich gleich gegen die Folgen abzusichern, wenn man dann das Versprochene doch nicht einhält.  «Bli neder» – ohne verbindliche Zusage! Ob es sich um einen versprochenen Besuch handelt, die versprochene finanzielle Unterstützung oder auch die Zusage, jemanden nicht bei einem anderen zu verpfeifen – bli neder!

Der Wochenabschnitt endet mit einer erneuten Zusage Gottes zum Erbbesitz.

Männer aus dem Stamm Menasche, zu denen auch die Töchter von Zelofhad gehörten, die erfolgreich um ihr Erbe gekämpft hatten, kamen zu Moses. Sie hatten Angst, dass der Erbbesitz ihres Stammes kleiner werden würde, wenn die Töchter Zelofhads heiraten würden. Ihr ererbter Besitz würde dann dem Ehemann und seiner Sippe zugesprochen werden. 

Moses gab ihnen, entsprechend der Anweisung Gottes Recht.

Fortan durften die jungen Damen sich ihren Partner zwar selbst aussuchen, aber, und das war die Bedingung, er musste aus dem Stamme Menasches sein. 

Dass die Zerstückelung des Lands den Eigentümer schwächt, hat man nicht zuletzt erlebt, als die Klein- und Kleinststaaten Mitteleuropas im Mittelalter durch Nachbarschaftskriege zerstört wurden. Wie schwer es war, aus diesen Mikrostaaten wieder ein funktionierendes, regierbares Gebiet zu machen, wird durch Kaiser Maximilian I verbalisiert: «Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich heirate!» Was Jahrtausende später für Europa galt, galt auch zu der Zeit, als die grossen Wüstenwanderung des Volkes Israel zu Ende ging.

Mit diesen zwei wunderbaren Rechtsvorschriften endet das vierte Buch Moses!

Nehmen wir uns die Zeit, Vergebung zu suchen und zu finden!

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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