Wochenabschnitt: Dwarim, Deut 1:1 – 3:22, 5. Buch

ב“ה

7./ 8. Aw 5781                                                   16./17. Juli 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)           19:05

Schabbatausgang in Jerusalem:                                      20:26

Schabbateingang in Zürich:                                              21:00

Schabbatausgang in Zürich:                                             22:15

Schabbateingang in Wien:                                                20:32

Schabbatausgang in Wien:                                               21:48

Das 5. und damit letzte Buch Mose enthält eine einzige grosse Rede, die Moses vor seinem Volk hält. Er, der nie ein Mann des Wortes (Ex 4:10), sondern immer ein Mann der Tat war, findet eindringliche Worte, «dwarim» דְּבָרִים.

Schon einmal, im ersten Wochenabschnitt des 4. Buches, Bamidbar, Num 1:1 – 4:20, haben wir im Titel die Wort-Wurzel דבר gefunden. Für den Wochenabschnitt dieser Woche relevante Wörter mit der gleichen Wurzel sind: לדבר (ledaber) sprechen, מדבר (midbar) Wüste, דָּבָר (dawar) Sache, Angelegenheit, Wort.

Sicher nicht zufällig sind auch die Begriffe כְּלָלוֹ שֶׁל דָּבָר (clalo shel dawar) zusammenfassend, עֲשֶׂרֶת-הַדִּבְּרוֹת (asseret hadibrot), die zehn Gebote und דִּבְרֵי-הַיָּמִין (diwrey ha’jamim) Chronik artverwandt!

Es sind die Worte von Moses selbst, die er an das gesamte Volk Israel richtet. Erstmals sind es nicht die Worte Gottes, die Moses uns weitergibt, es sind seine eigenen. Wobei es klar ist, dass sie widerspiegeln, was Gott ihm aufgetragen hat. (Deut. 1:3)

Es ist sein Vermächtnis, das er, im Bewusstsein, dass sein Leben bald zu Ende gehen wird, dem Volk Israel anvertraut. 

Neununddreissig Jahre, elf Monate und ein Tag sind vergangenen, seit die grosse Wanderung begann, die das Volk Israel aus Ägypten führte. 

Das Volk lagert am östlichen Ufer des Jordan, bereit jenes Land zu betreten, das Gott ihnen versprochen hatte. Aus der Generation derer, die vierzig Jahre zuvor aus Ägypten geflohen waren, leben nur mehr Moses, Joshua, aus dem Stamme Efraims und Kaleb, aus dem Stamme Juda. 

Joshua und Kaleb waren gemeinsam mit zehn weiteren Spähern von Moses vom Negev aus nach Kanaan ausgeschickt worden, um auszuforschen, was sie im versprochenen Land erwartet. (Num13:2 ff). Während zehn Späher schreckliche Nachrichten brachten und damit das Versprechen Gottes abwerteten, waren Joshua und Kaleb voll Vertrauen zu Gott. 

Sie sollten für ihren starken Glauben belohnt werden. Joshua wird von Gott zum Nachfolger Moses bestimmt, als «ein Mann, der den Geist in sich trägt» אִישׁ, אֲשֶׁר-רוּחַ בּוֹ (ish, asher ruach bo)[1] (Num 27:18). Ein zweites Mal wird er in wenigen Wochen berufen werden. (Deut 31:7-8) und bei dieser zweiten Berufung werden seine Aufgaben und Gottes Erwartungen an ihn konkretisiert. Kaleb, so erfahren wir (Num 14:24) darf, obwohl er noch der Generation der Exilanten angehört, seinen Erbbesitz in Hebron übernehmen. 

An ihre Treue zu Gott erinnert heute nicht nur das Symbol für den Tourismus in Israel, sondern auch in zahlreichen Weinbaugebieten Europas die «Kalebtraube». Diese erinnert an die aus Trauben zusammengebundene Figur, die von zwei Männern an einem Stock befestigt zwischen sich getragen wird. 

Moses berichtet der «jungen Generation» über alle wesentlichen Ereignisse, die den langen Weg ihres Volkes beeinflusst haben und die sie nicht selbst erlebt haben.

Moses berichtet zunächst, wie er auf Gottes Geheiss hin ein «Managementteam» zusammengestellt hat, nachdem ihm klar wurde, dass er allein mit der Aufgabe, das gross gewordene Volk zu führen, Streitigkeiten zu schlichten und Recht zu sprechen überfordert war. Seine Klage finden wir in Deut 1:12: אֵיכָה אֶשָּׂא, לְבַדִּי, טָרְחֲכֶם וּמַשַּׂאֲכֶם, וְרִיבְכֶם

«Wie soll ich allein ertragen eure Bürde und eure Last und euren Zwist?» Gleichzeitig forderte er seine neu gewählten Ombudsmänner und Richter auf, gerecht zu handeln, niemanden zu bevorzugen und niemanden zu benachteiligen. Unabhängig sollten sie sein, unbeeinflussbar und dabei immer im Auge behalten, dass sie dies auch bleiben. Theoretisch gilt dieser Grundsatz auch heute für alle Richter. Aber eben leider nur theoretisch. In vielen, vor allem nicht demokratischen Staaten sind Richter durchaus entweder vom Staat abhängig oder aber korrupt…

Am kommenden Sonntag begehen wir תשעה באב (tischa be Av). An diesem Tag erinnern wir uns der grossen Tragödien, die Israel und die Juden getroffen haben:

  1. Gott bestraft das Volk Israel mit der Verlängerung der Wüstenwanderung
  2. Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadnezar II 584 BCE
  3. Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer 70 
  4. Ende des Bar-Kochba-Aufstandes 135 
  5. Umfassende Zerstörung Jerusalems 136 
  6. Beginn der Kreuzzüge und Pogrome gegen Juden 1099 
  7. Vertreibung der Juden aus England 1290 – im kommenden Jahr 2022 plant die Church of England, sich offiziell hierfür zu entschuldigen
  8. Beginn der eigentlichen Inquisition in Spanien 1492
  9. Deportation der Juden aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka 1942

Das Buch der Klagen, das wir an diesem Tag lesen, beginnt mit demselben, in der Thora nur äusserst selten benutzten Wort אֵיכָה (eicha), einem Wort, das eine tiefe Trauer oder Klage wiedergibt.

Immer wieder lesen wir, hören wir, dass die Zerstörung beider Tempel auch zu tun hatte mit dem, was wir als sinat chinam שינת חנם  kennen. Dieser grundlose Hass, den jeder von uns schon einmal gespürt hat, hat so viel Leid und Schmerz in die Welt gebracht, dass wir an diesem Tag auch versuchen müssen, uns davon zu befreien. Keine leichte Aufgabe! Wäre es nicht besser, uns dem Gegenteil, der grundlosen Liebe, der ahavat chinam   אהבת שינם zuzuwenden?

Leider nein, das wäre ein Trugschluss. Beides, grundloser Hass und grundlose Liebe führen zu Kränkungen, Verletzungen und unüberlegten Handlungen. 

Moses fordert seine Richter, und damit auch jeden von uns auf, gerecht zu sein, unvoreingenommen und unabhängig von der Beeinflussung durch andere. 

Am kommenden Sonntag haben wir die Chance, den ersten Schritt in diese Richtung zu gehen. 

Schabbat Shalom!


[1] Im Süden Israels, in Mitzpe Ramon, gibt es ein Vorbereitungscamp für angehende Soldaten, die aus einem wirtschaftlich-sozial problematischen Umfeld stammen. Der Leiter, Major Moshik Wolf, hat erkannt, dass in jedem seiner «Kinder» ein wertvoller Mensch mit grossem Potential steckt. Deshalb nennt er sein Camp

 אֲשֶׁר-רוּחַ בּוֹ



Kategorien:Israel, Religion

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