«Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck»

12. Aw 5781

Diese Arie aus der Operette «Der Zigeunerbaron» von Johann Strauss wurde weltberühmt

Mangalica Schwein mit Frischlingen

Der Zigeunerbaron Kálmán Zsupán darf natürlich sein Borstenvieh loben und zum Lebenszweck erklären, er darf auch alles geniessen, was das Schwein hergibt. Schweine und Ungarn, das gehört zusammen. Um die Entstehungszeit der Operette Ende des 19. Jahrhunderts bevölkerten mehr als 9 Millionen Mangalica-Schweine die ungarischen Weiden. Nichts daran ist aussergewöhnlich. 

Sehr aussergewöhnlich hingegen ist das, was Archäologen vor Kurzem in der «City of David» entdeckt haben. Als Davids Stadt wird der südlich vom Tempelberg gelegene Teil Jerusalems bezeichnet. Dieses Gebiet ist nachweislich bereits seit der Kupferzeit (4.500 bis 3.500 BCE) besiedelt und noch immer nicht zur Gänze ausgegraben.

Bis vor wenigen Wochen gingen die Archäologen davon aus, dass zur Zeit des ersten Tempels, also bis zum Jahr 586 BCE, keine in sich geschlossene Stadtmauer die Stadt umgab. Wohl waren in den 60er und 70er Jahren Teilstücke einer Befestigungsanlage gefunden worden. Aber erst die jetzt ausgegrabenen Teile stellen den Beweis dar, dass es die in den Schriften beschriebene Stadtmauer sehr wohl gegeben hat. 

Die Mauerreste befinden sich auf der steilen Ostseite der Stadt. Möglicherweise hat der Standort sie vor der zweimaligen Zerstörung in den Jahren 586 BCE und 70 CE geschützt. 

Im Bereich der Ausgrabungen fanden die Archäologen auch Überreste von zerstörten Häusern, die den Blick auf das Alltagsleben vor mehr als 2.500 Jahren ermöglichen. 

Ob es sich um die gleiche Ausgrabung handelt, oder ob das Haus eines jüdischen Schweinefreundes zufällig etwa zeitgleich entdeckt wurde, ist unbekannt. 

Die Archäologen staunten nicht schlecht, als sie ein vollständig erhaltenes Skelett eines etwa sieben Monate alten Ferkels fanden, das unter zerbrochenem Geschirr und Teilen einer eingestürzten Hauswand begraben war. Aufgrund des Körperbaus lässt sich das Skelett klar als zu einem Hausschwein und nicht zu einem Wildschwein gehörend identifizieren. 

Skelett des ausgegrabenen Hausschweines

Ein Schwein mitten in der Stadt Davids? Das Verbot des Essens von Schweinefleisch wird in der Thora immer und immer wieder erwähnt. Mehr als das, es ist eines der grundsätzlichen Verbote!

Dass es die Israeliten zu der Zeit möglicherweise nicht immer und überall so genau mit der Einhaltung des Kaschrut (der Speisegesetze) nahmen, belegt auch ein Fund von Gräten und Fischknochen

Zweimal, in Lev 11:1-47 und Deut 14:1-23 wird ganz genau beschrieben, welche Land- und Wassertiere erlaubt, und welche nicht erlaubt sind. 

In der wissenschaftlichen Zeitschrift «Near Eastern Archaeology 82.1 (2019)» setzt sich Lidar Sapir-Hen, Kuratorin am Steinhardt Museum für Naturgeschichte in Tel Aviv, mit der Frage auseinander, inwieweit das Essverhalten in der Eisenzeit identitätsstiftend für ethnische Gruppen in der Levante sein kann. 

Während Kühe, Schafe und Ziegen als Lieferant für Milch, Wolle und Fleisch dienten und noch dazu als Nutztiere zum Einsatz kamen, liefert das Schwein ausschliesslich Fleisch. Aber, der Vorteil der Schweine war, dass sie sich einfach fortpflanzten, schnell wuchsen und schnell an Gewicht zulegten. 

Schweine fühlen sich nur wohl, wenn das Wetter nicht zu heiss ist und genügend Wasser zur Verfügung steht. Schwein lieben es, sich zur Körperpflege im Schlamm zu suhlen. Kühe, Schafe und Ziegen sind da deutlich genügsamer, sie brauchen nur ausreichend Wasser zum Trinken. Auch das mag dazu beigetragen haben, dass Schweine in der menschlichen Nahrung dieser Zeit kaum von Bedeutung waren. 

In den von den Philistern bewohnten Küstenregionen lag der Anteil der aufgefundenen Schweineknochen deutlich höher, als in den von den Israeliten bewohnten höher gelegenen Regionen. 

Doch es gab auch Ausnahmen. So lag der Anteil von Schweinefleisch in Beth-Shean und in der Jezreel Ebene um Megiddo wahrscheinlich bei über 12 %. Der Grund dafür liegt darin, dass diese Gebiete damals hauptsächlich von Ägyptern bewohnt waren. 

Dass das in Jerusalem gefundene Schwein nicht dem Jagdglück eines Jägers zum Opfer gefallen war, sondern wirklich, um als Nahrung zu dienen, darf als gegeben angenommen werden.  Belegbar ist dies durch den grossen Unterschied zwischen ländlichem und städtischem Umfeld in Bezug auf die Anzahl der Fundstücke. 

Ob es nun tatsächlich möglich ist, einen Zusammenhang zwischen dem Fleischverzehr (oder dem Verzicht auf Schwein) und einer Ethnie herzustellen, scheint noch nicht endgültig geklärt. 

Die Studie von Sapir-Hen et.alt. scheint nur Folgendes wirklich zu untermauern: 

  1. Zur Zeit des ersten Tempels hatte Schweine keine grosse Bedeutung für die Ernährung, d.h. unter 2 %. Ausgenommen davon sind ägyptisch besiedelte Regionen. 
  2. Auch bei den Philistern stellten sie nur eine untergeordnete Rolle dar.
  3. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen ländlichem und urbanem Raum. Wobei hier auch wirtschaftliche Gründe hineinspielen dürften.
  4. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen dem südlichen Königreich Judah und dem Nördlichen Königreich Israel. In Judah, und damit auch in Jerusalem setzt sich der bestehende Trend fort. Schweinefleisch wird dort weitgehend gemieden. In Israel hingegen gibt es eine klare Trendwende, der Konsum von Schweinefleisch steigt. Worin dies begründet wird, bleibt unklar. 

Das Haus, in dessen Ruinen das Schwein gefunden wurde, dürfte aufgrund seiner Aufteilung und Ausstattung einer wohlhabenden Familie gehört haben. Ob der Genuss vom rituell verbotenen Schwein nun in der Gesellschaft als besonderer Genuss empfunden wurde, oder ob man sich tatsächlich nur teilweise an die klaren Speisevorschriften hielt, darüber kann nur spekuliert werden. 



Kategorien:Israel

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1 Antwort

  1. Ahmed schrieb:Wieder ein toller Blick in die Entwicklung der Welt…bei Deiner Beschreibung oder Suche nach Gründen für die Existenz des Schweines fielen mir spontan drei Geschichtchen ein: 1. Die Umgehung der strengen Fastengebote im Mittelalter, als der im Wasser schwimmende Biber zum Fisch erklärt wurde….; 2. Die Entstehung der Maultaschen oder „Herrgottbscheisserle“ im Kloster Maulbronn. JAKOB ein Klosterbruder fand am Gründpnnerstag ein Stück Fleisch, das er nicht verderben lassen wollte. Also hackte er das Fleisch klein und mischte es mit Gemüse. Danach dennoch das schlechte Gewissen versteckte die Fleischgemüse Masse in kleinen Taschen aus Nudelteig und konnte hernach das Fleisch vor den Augen Gottes und seiner Mitbrüder als Fastenspeise verzehren….und 3. sind schwache Menschen mit Fehlern einfach sympathischer als orthodoxe Hardliner

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