Wochenabschnitt: Va’etchanan, Deut 3:23 – 7:11, 5. Buch

ב“ה

14./ 15. Aw 5781                                                   23./24. Juli 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                      19:02

Schabbatausgang in Jerusalem:                                                  20:22

Schabbateingang in Zürich:                                                   20:53

Schabbatausgang in Zürich:                                                  22:06

Schabbateingang in Wien:                                                    20:24

Schabbatausgang in Wien:                                                   21:39

Blick vom Berg Nebo

Am Anfang des Wochenabschnittes erinnert sich Moses, zu Gott gefleht zu haben: „Lass mich, ich flehe dich an hinübergehen und das gute Land auf der anderen Seite des Jordan sehen, dieses gute Land mit seinen Hügeln und den Libanon.“ Auch hier, wie in so vielen anderen Fällen ist der Stamm חנן des Verbs „anflehen“ לְהִתְחַנֵן (lehitchanen) interessant. Er ist auch der Stamm des Verbes «begnadigen» חָנַן (chanan).

Darf Moses auf die Gnade Gottes hoffen? Gottes Reaktion ist keine Positive. Zu enttäuscht ist er vom Volk Israel. 

Im Gegenteil, Gott bat Moses, nicht weiter zu insistieren. Er solle auf den Berg Pisgha (Nebo) hinaufgehen und von dort das versprochene Land sehen. Wie schmerzhaft muss das für Moses gewesen sein. Er, der alles getan hatte, um das Volk Israel sicher und wortgetreu nach den Anweisungen Gottes aus Ägypten hinaus bis hierher zu bringen, er sollte das Land nicht mehr betreten. 

Und zweitens trug er ihm nochmals auf, Joshua als seinen Nachfolger zu bestätigen. Und nicht nur das, er sollte ihn auch ermutigen und stärken. Für mich bedeutet das nichts anderes, als ihn zu segnen. Übersetzt in die moderne Sprache: die Geschäftsführung an die nächste Generation weiterzugeben. Sehr oft die schwierigste Herausforderung für einen Manager.

Damit erfüllt Gott die Androhung, von der wir vor einigen Wochen gehört haben: „Weil ihr mir nicht genug vertraut habt, um meine Heiligkeit vor dem Volk Israel zu bekräftigen, sollt ihr dieses Volk nicht in das Land führen, das ich ihm gegeben habe.“ (Num 20:12)

Stellen wir uns Moses als Senior Manager eines modernen, innovativen Unternehmens vor. Er würde alles versuchen, um für sich „das Beste“ herauszuholen, er würde endlos verhandeln und vielleicht sich am Ende sogar als korrupt erweisen.

Nicht so Moses. Er akzeptiert, dass Gott ihn als Führer seines Volkes in der Wüste auserwählt hat, und dass seine Zeit nun abgelaufen ist. Die Zeit der Verhandlungen und Widersprüche ist für ihn vorbei. Moses weiss, dass es keinen Raum mehr für Diskussionen gibt, stattdessen ruft er das Volk Israel noch einmal zusammen und fasst die Lehren der letzten 40 Jahre zusammen.

Er vermittelt dem Volk, das er aus Ägypten geführt hat, dem Volk, das er durch die Wüste geführt und oft bis an seine Grenzen gebracht hat, die Lektionen, die er ihnen im Namen Gottes vermittelt hat. Er bittet sie noch einmal, auf Gott zu vertrauen. Er weiss, dass das Volk Israel nur dann eine Überlebenschance hat. Er selbst muss seine Frustration versuchen zu ertragen.

Noch einmal hebt er die besondere Bedeutung der göttlichen Gebote hervor (Deut 4:2) „Ihr sollt zu diesen [den Geboten] nichts hinzufügen und nichts von ihnen wegnehmen. So werdet ihr leben und das Land besiedeln können, das Gott euren Vätern versprochen hat.“

Wir erinnern uns, dass Moses in einer Situation, die uns an Ex 17.6 erinnert, in Num 20:11 erneut auf einen Felsen schlug, obwohl Gott ihm gerade gesagt hatte, er solle nur mit dem Felsen sprechen. Wieder sprudelte Wasser aus dem Felsen und der Durst des Volkes Israel war gestillt. Das war der Augenblick, in dem Gott die Geduld an dem ungläubigen Volk, aber auch mit Moses für kurze Zeit verlor. Keiner aus der Generation derer, die Ägypten verlassen hatten, würden das versprochene Land erreichen. Auch Moses nicht.

Was ist der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Situation?

Vielleicht liegt es daran, dass zwischen den beiden Situationen eine Kluft von mehreren Generationen klafft. Die erste Generation war die der ehemaligen ägyptischen Sklaven, die keine Erfahrung mit demokratischer Verantwortung hatten und daher einen fast schon autoritäreren Führungsstil „brauchten“. Moses ist, unterstützt von Gott, dieser starke Manager. Aktion (Schlag) – Reaktion (Wasser), ein klarer Ablauf, der nicht diskutiert werden musste.

Beim zweiten Mal leidet die letzte Generation der Wüstenwanderer unter Wassermangel. Es ist eine reife Gruppe, die im Laufe der Jahre alle politischen Mittel und Methoden erlernt hat. Sie hat gelernt zu diskutieren und zu verhandeln. Jetzt sind die Menschen Partner in einem ständigen Dialog. Zu Moses sprechen sie fast auf Augenhöhe.

Aber kann das Schlagen eines Felsens wirklich als ein so schlimmes Verbrechen angesehen werden. Sollte die Strafe so hart sein? Moses hat sie akzeptiert, wer sind wir, dies infrage zu stellen. 

Als Moses mit den Kindern Israel, lange bevor sie zu einem Volk zusammenwuchsen, aus Ägypten floh, musste er ihnen mühsam jeden Schritt vom Individuum zur Gemeinschaft beibringen. Er musste ihr Lehrer sein. 

Das Volk Israel verstand die Idee einer ausgeklügelten „Erziehung“ oft nicht, brauchte aber strenge Richtlinien. Deshalb übernahm Moses die Verantwortung für sie, führte sie 40 Jahre lang durch die Wüste und vereinte sie nach jedem Rückschlag. Das Volk Israel zweifelte so oft an ihm, aber er brachte sie trotzdem an die Grenzen zum versprochenen Land, und dank ihm konnten sie von dort aus allein weitergehen. Von diesem Tag an war eine neue Art von Führung nötig, ein Wechsel von einer autoritären zu einer demokratischen.

Moses war ein grossartiger Führer und Lehrer. Er war der bisher grösste, und für jeden, der versucht, sich in seine Schuhe zu stellen, ist der Misserfolg vorprogrammiert. 

Als ich vor Jahren nachträglich meine Bat-Mitzwa feierte, hatte ich das Glück, zwei wunderbare Lehrer zu haben, die mich begleitet haben. Sie haben mir die Zeit und das Feedback gegeben, das ich brauchte. Sie haben mir immer gezeigt, dass jenseits meiner scheinbaren Grenzen noch mehr möglich ist. Sie haben mir Vertrauen und Sicherheit gegeben.

Der heutige Wochenabschnitt Va’etchanan ist meine Bat-Mitzwa Sidra. Ich habe den Text aus dem Jahr 2011 nur leicht überarbeitet. Mein herzlicher Dank geht an Rav Elisha und Aviva!

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: