Cafégeschichten aus Jerusalem und Wien

17. Aw 5781

Jeder kennt ihn, und doch gibt es klare Präferenzen. Es gibt Menschen, die bevorzugen Tee und schwören auf seine vielfältigen positiven Eigenschaften. Und es gibt Menschen, die bevorzugen Kaffee und schwören auf seine vielfältigen positiven Eigenschaften. 

Steinfrüchte des Arabica Kaffees

Wie der Kaffee seinen Siegeszug begann, darum ranken sich Legenden und Mythen.

Orientalische Märchenerzähler unterhielten die Zuhörer auch mit der folgenden Geschichte. Mohammed scheint wieder einmal vom Erzengel Gabriel besucht worden zu sein. Diesmal aber nicht, um ihm die Worte des Koran ins Ohr zu flüstern, sondern um ihn von seiner Schlafsucht zu heilen. Dies gelang ihm mit einer Tasse Kaffee. Das Getränk sei so anregend gewesen, dass er noch in der Nacht 40 Reiter besiegte und 40 Jungfrauen beglückte. Wow! 

Etwas glaubhafter scheint die Geschichte eines Hirten aus dem Gebiet des heutigen Äthiopien, dem Königreich Kaffa, zu sein. Dort wurde der Kaffee bereits im 9. Jahrhundert erwähnt. Er wunderte sich, dass seine Ziegen selbst mitten in der Nacht, wenn er schlafen wollte, munter und laut meckernd umherliefen. Er ging der Sache nach und fand heraus, dass sie die verlockend rot aussehenden Beeren gierig vom Strauch abfrassen. Er probierte sie selbst und verspürte daraufhin die belebende Wirkung. Allerdings sei der erste Versuch, die einfach roh zu kauen, misslungen. Angewidert hätte er sie ausgespuckt, wobei sie zufällig ins Feuer gefallen und dort geröstet worden seien.

Man geht das von aus, dass der Kaffee im 14. Jahrhundert mit Sklavenhändlern von Äthiopien aus in den Jemen gelangte. Von der arabischen Halbinsel aus begann der Siegenzug dieses begehrten Getränks. 

Bis zum Jahr 1554 wurde Kaffee ausschliesslich im privaten Umfeld getrunken. Die Eröffnung des ersten öffentliche Kaffeehauses in Konstantinopel in diesem Jahr war der Beginn der europäischen Caféhauskultur. 

Zuvor hatte es in Kairo, Damaskus und Aleppo schon Vorläufer von Kaffeehäusern gegeben. 

Prof emerit. Amnon Cohen von der Hebrew University Jerusalem hat sich mit dem Thema «Einfluss des Kaffees auf das gesellschaftliche Leben in Jerusalem im 16. Jahrhundert.» befasst. Wahrscheinlich seien es muslimische Geistliche gewesen, die sich beim Kadi von Jerusalem beschwerten. Seit die in Jerusalem lebenden Moslems sich bevorzugt in den Kaffeehäusern aufhielten würden sie die Gebete verpassen. Der arme Kadi wollte sich natürlich nicht die Finger verbrennen und schickte die Klage weiter nach Istanbul. 

Er wurde angewiesen, das zu tun, was auch die heutigen Politiker am besten beherrschen, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Er solle, so wurde ihm mitgeteilt, einen Untersuchungsausschuss zusammenstellen. Was fand der Ausschuss heraus? Die bis weit in die Nacht geöffneten Kaffeehäuser waren die Ursache von andauernder nächtlicher Lärmbelästigung. Wir reden vom mittelalterlichen Jerusalem, der Zeit der Osmanen. Das Leben spielte sich innerhalb der Stadtmauern ab, die Strassen waren eng und verwinkelt und die Bevölkerungsdichte hoch. 

„Orientalisches Kaffeehaus“ v. Ludwig Hans Fischer

Während, wie noch in den Jahren zuvor, der Genuss dieses neuen Getränks verboten war, wie noch vorhandene Berichte aus dem Archiv des muslimischen Gerichts in Jerusalem beweisen, gab es nun ganz neue Probleme. 

Wie sahen die gesellschaftlichen Aktivitäten zu dieser Zeit aus? Man sass vielleicht mit der Familie oder mit Freunden und Nachbarn zusammen, und man ging früh zu Bett. 

Die Kaffeehäuser boten andere Möglichkeiten. Sie waren 24 Stunden am Tag geöffnet, es gab Musik, es gab Vorstellungen mit Tanz und kurze Schauspiele. Das verursachte eine gewisse Lärmentwicklung. Dazu kam noch der Rauch der Röstpfannen. Die Gäste lockten Hausierer an, die ihre Waren anboten. 

Gebratenes Fleisch verursachte Geruchsbelästigungen, dazu Tabak und Wasserpfeifen, all das trug zur Verärgerung der Bürger bei. 

Und als sei nicht genug, war die Beimischung von Opium in den Wasserpfeifen Grund dafür, dass die Kaffeehäuser, die ja nur Männern offenstanden, angeblich die Homosexualität förderten. 

Derzeit beschäftigt sich die Ausstellung «Kaffee – einst und jetzt» im Museum für islamische Kunst in Jerusalem mit dem Thema, beginnend im 16. Jahrhundert bis in die Neuzeit. 

Als Österreicherin nehme ich mir die Freiheit, viele andere, teilweise heute noch weltberühmte Institutionen zu überspringen und mich gedanklich nach Wien zu begeben. 

Nachdem Kaiser Leopold I im Jahr 1669 wieder einmal die Juden aus Wien vertrieben hatte, brach die Silberversorgung zur Aufrechterhaltung der kaiserlichen Münzprägeanstalt nahezu zusammen. Die Handelsgesellschaft des Armeniers Johannes Theodat (Diodato) wurde beauftragt, das notwendige Silber aus der Türkei zu beschaffen. 

Seine Bemühungen waren zwar nur mit mässigem Erfolg gekrönt. Trotzdem erhielt er im Jahr 1685 als Dank für die kommenden 20 Jahre das Privileg als einziger Lieferant Café nicht nur innerhalb der Stadt verkaufen zu dürfen, sondern auch das erste «Wiener Kaffeehaus» betreiben zu dürfen. Irgendwann wurde er Opfer eine Spionage Affäre, die ihn politisch Kopf und Kragen kostete. Er flüchtete nach Venedig. Nach seiner Rückkehr nach Wien, musste er feststellen, dass sein Caféhaus von vier Armeniern übernommen worden war. 

2004 wurde in Wien ein kleiner Park, ein sogenannter «Beserlpark» im 4. Gemeindebezirk nach ihm benannt. Immerhin etwas, aber mehr als dieser winzig kleinen (311m2) Park war seiner Wahlheimat Wien die Erinnerung nicht wert. 

Der Johannes Theodat gewidmete Park in Wien

Einer der Armenier, Isaac de Luca, eröffnete 1703 im «Haus zur blauen Flasche» im 1. Wiener Bezirk am «Stock-im Eisen-Platz» ein eigenes Caféhaus. Somit würde eigentlich ihm der Rum des Pioniers gelten. 

Den aber heimste Georg Franz Kolschitzky ein. Als Spion gelang es ihm, kriegsentscheidende Informationen aus dem Lager der Besatzungsmächte nach Wien zu bringen und so massgeblich zum Rückzug der Türken und zur Rettung Wiens beizutragen. Sein Lohn war u.a. die Befreiung von der Gewerbesteuer während der folgenden 20 Jahre und die Bewilligung des Caféausschanks. 

Seine angeblich wertvollste Belohnung aber sei der Fund von 500 Säcken mit noch ungerösteten Cafébohnen gewesen. Wien war immer schon die Stadt, in der die Gesellschaft Geschichten, Legenden und Mythen liebt. Deshalb gibt es eine zur ersten Geschichte passende zweite. In der «Blauen Flasche» wurde zum Café halbmondförmiges Kleingebäck serviert: Die Geburtsstunde des «Wiener Kipferls».

Das klassische Wiener Kipferl

In Wien findet man fünf Denkmäler, die an ihn erinnern, vier davon im 4. Bezirk und eines im 1. Bezirk. Bekannt ist vor allem jenes, das sich an der Ecke Kolschitzkygasse/Favoritenstrasse befindet. 

Das Kolschitzky Denkmal

Jedes der zahlreichen Wiener Cafés hatte seine eigene Gästegruppe: Literaten, Politiker, Maler, Schriftsteller, Komponisten, Revolutionsführer und Menschen, die dort ihr eigentliches «Wohnzimmer» hatten. Dorthin wurde ihre Post geschickt, dort verbrachten sie viele, viele Stunden des Tages. Und überall gab es die begehrten Zeitungen und Journale.

Während es noch heute in arabischen Staaten eine Unmöglichkeit für Frauen ist, ein öffentliches Caféhaus zu besuchen, waren ab 1870 in Wien auch die Damen gern gesehene Gäste. Trafen sich die Damenrunden zunächst in eigens für sie eingerichteten Räumen, so entstand bald darauf eine völlig neue Kultur, die der Konditorei. Übrigens, auch bei den Herren traf diese Neuerscheinung durchaus den Geschmack! Für diejenigen, die sich nicht nur an den kulinarischen süssen Genüssen erfreuen wollten, gab es natürlich auch das «chambre séparée» …

Im Jahr 2011 wurde die Wiener Institution in die Liste der UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. In der Begründung heisst es: «Die Kaffeehäuser sind ein Ort, in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht.»

Zitat aufgefunden als Wanddekoration in Bayern © Richard Huber


Kategorien:Aus aller Welt, Israel

1 Antwort

  1. Ein ganz besonderer kulinarischer Höhepunkt ist es, ein Croissant in die – natürlich eigene – Kaffeetasse zu tunken und genussvoll verspeisen.

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