Wochenabschnitt: Ekew, Deut 7:12 – 11:25, 5. Buch

ב“ה

21./ 22. Aw 5781                                                   30./31. Juli 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                     18:57

Schabbatausgang in Jerusalem:                                                20:16

Schabbateingang in Zürich:                                                   20:44

Schabbatausgang in Zürich:                                                  21:55

Schabbateingang in Wien:                                                    20:16

Schabbatausgang in Wien:                                                    21:28

Alte Thorarolle in der Synagoge von Rhodos

In diesem Wochenabschnitt bringt Moses dem Volk Israel nochmals ins Gedächtnis, was Gott von ihm erwartet. Doch nicht nur das, er erklärt ihm detailliert, mit welchen positiven Folgen es rechnen darf, wenn sein Verhalten gottgefällig ist. Aber auch, was die Folgen von nicht erwünschtem Verhalten sind. Es die ultimative Aufzählung der „wenn-dann“ Formulierungen, die wir aus der ersten Zeit der Wüstenwanderung kennen. 

Und er erinnert es nicht zum ersten Male, dass es als Flüchtlinge aus Ägypten ausgewandert sind. Als Menschen, die nichts besassen, als das, was sie bei sich trugen. Ok, sie trugen auch das Gold und die Schmuckstücke der Ägypterinnen mit sich, sozusagen ihre Sicherheit, ihre Versorgung für die kommenden schweren Jahre.

Moses erinnert daran, dass das Volk Israel die vierzig Jahre der Wüstenwanderung unbeschadet überstanden hat, gesund an Leib und Seele. Trotz aller Prüfungen durch Gott. Trotz aller Bestrafungen, die Gott auf sein Fehlverhalten folgen liess. 

Moses fordert in Deut 8:5 das Volk auf „Ihr sollt daraus in eurem Herzen die Erkenntnis gewinnen, dass der Herr, dein Gott dich züchtigt, wie ein Mann seinen Sohn züchtigt.“ Der Text der Thora verwendet in diesem Satz das Verb לְיַסֵּר(lejasser), was übersetzt bedeutet «peinigen oder züchtigen». 

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Gott seine Kinder, das Volk Israel peinigen oder gar züchtigen wollte. Einige deutsche Übersetzungen wählen hier an dieser Stelle den Begriff «erziehen». Mit diesem Wort habe ich seit jeher ein Problem. «Erziehen» ist in sich ein gewaltsamer Akt. Stellen wir uns doch vor, einen Welpen, der noch nicht leinenführig ist, am Halsband zu zerren, damit er uns gehorcht! Oder ein Kind an den Haaren zu ziehen, um es zu bestrafen. Niemand von uns wird das wollen! Wie viel schöner und adäquater ist das lateinische Wort «e-ducare», das in so viele Sprache Eingang gefunden hat. Ein Wort, welches das verantwortungs- und liebevolle Hinausführen beschreibt. Aus der Kindheit in die Welt der Erwachsenen, aus der Versklavung in die Freiheit, aus der Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung.

Moses hat den Weg des Volkes Israel aus der Versklavung in die Freiheit begleitet. Den Weg der Flüchtlinge in eine Welt, die ihnen ein neues Leben versprach. Er hat sein Volk gemahnt, bestraft und gelobt. Immer im Auftrag Gottes. Eben wie ein guter Vater.

Wir erleben heute Migrationswellen aus zahlreichen Krisengebieten der Welt. Jeden Tag erreichen uns Horrormeldungen über gesunkene Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer. Flüchtlingslager auf einer griechischen Insel werden immer wieder angegriffen und durch Brände zerstört.

Wir gehören zur Generation derer, die von den Flüchtlingstrecks in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch gehört haben. Von der Notwendigkeit, sich von immer mehr Habseligkeiten zu trennen, um sich schliesslich zu Fuss weiter zu schleppen. Die Menschen wussten nicht, wohin der Weg sie führen würde. Die Tage vergingen in grausamer Eintönigkeit. Aufwachen – sich weiterschleppen – ein Lager für die Nacht suchen, wenn möglich mit einem Dach über dem Kopf – hoffen, dass es irgendetwas zu essen gibt – schlafen … Immer das Ziel vor Augen, das heisst «Ich will überleben».

Für viele Asylanten ist Europa das Traumland, dort erwarten sie Sicherheit und eine zweite Chance für ein gutes Leben. Oft erwarten sie auch zu viel. Das spüren sie spätestens dann, wenn ihnen Ablehnung und auch Hass entgegenschlägt. Viele gleiten ab in die Kriminalität, geraten in Konflikt mit dem Gesetz. Ihnen droht die Abschiebung zurück in die Unsicherheit der alten Heimat. Wenn es ihnen gelingt, in der neuen Heimat auch innerlich anzukommen, so bleiben sie dennoch meiste Fremde.

Wir kennen auch das Leid von Millionen Juden, die sich, verfolgt von den Nazischergen und oft genug auch verraten von Nachbarn, auf den Weg machten. Sie wussten, ein Verbleib in der alten Heimat war gefährlich. Sie ahnten, dass es tödlich sein konnte, aber sie wussten es nicht sicher. Anfangs durften sie noch gehen. Aber nur, nachdem sie bis auf eine minimale Menge an Habseligkeiten und Geld, alles abgeben mussten. Sie flohen nach Westen, nur weg von den Nazis, versuchten, in Holland anzukommen, in Grossbritannien, in Frankreich. Überall wurden sie weiter verfolgt, weiter vertrieben. Die Nazis fanden sie überall. Relative Sicherheit gab es nur in den USA, in China und in Palästina. Wenn sie denn dort jemals ankommen durften. Für mehr als sechs Millionen gab es keinen sicheren Platz mehr auf dieser Welt. Sie wurden Opfer der Shoah. 

In den 40er Jahre wurden etwa 850.000 Juden aus arabischen Ländern vertriebenund trotz unglaublicher Schwierigkeiten im jungen Staat Israel aufgenommen und integriert.

Bis in die späten 80er Jahren verloren nochmals mehr als eine halbe Million ihre Heimat in der ehemaligen Sowjetunion.

Aufgrund unserer eigenen Geschichte sind wir verpflichtet, dem Flüchtling, den Fremden zu achten. In Ex 23:9haben wir gelesen: 

וְגֵר, לֹא תִלְחָץ; וְאַתֶּם, יְדַעְתֶּם אֶת-נֶפֶשׁ הַגֵּר–כִּי-גֵרִים הֱיִיתֶם, בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם

«Übt keinen Druck auf den Fremden aus, denn ihr wart Fremde im Lande Ägypten

Im heutigen Wochenabschnitt  (Deut 10:19) wiederholt Moses diese dringliche Aufforderung nochmals, ja er verstärkt sie sogar:

וַאֲהַבְתֶּם, אֶת-הַגֵּר:  כִּי-גֵרִים הֱיִיתֶם, בְּאֶרֶץ מִצְרָיִם

«Liebt den Fremden, weil auch ihr Fremde in Ägypten gewesen seid.»

Wenn wir heute Abend Kiddusch machen, so erinnern wir uns זכר ליציאת מצרים «secher letziat mitzrayim» an unsere Rettung aus der ägyptischen Sklaverei. Vierzig Jahre waren wir Fremde, wohin auch immer wir kamen. Doch wir hatten, anders als die Flüchtlinge der Neuzeit, ein Ziel vor Augen. Das Land, dass Gott uns versprochen hatte. 

Moses weiss aber auch, das Land, das dem Volk Israel versprochen wurde, gebührt ihm nicht aufgrund eines Rechtsanspruches (Deut 9:5-6), sondern nur, weil Gott es ihm, dem sturen, halsstarrigen Volk versprochen hatte. Das Volk Israel hat Gott seinen Vertrauensvorschub oft schlecht gedankt. Nur dank des Einspruch von Moses liess Gott sich erweichen, sein Versprechen einzuhalten. 

Ich wünsche uns allen die Freude und Dankbarkeit zu empfinden, als Menschen, die in Sicherheit leben dürfen. Gleichzeitig hoffe ich, dass wir unser Herz dem Fremden gegenüber öffnen und ihm hilfreich zur Seite stehen. Und ich hoffe, dass unsere empathische Zuwendung nie mit Hass und Aggression beantwortet wird. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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