Wochenabschnitt: Shoftim, Deut 16:18 – 21:9, 5. Buch

ב“ה

5./6. Elul 5781                                                  13./14 August 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)             18:45

Schabbatausgang in Jerusalem:                                      20:02

Schabbateingang in Zürich:                                              20:23

Schabbatausgang in Zürich:                                             21:30

Schabbateingang in Wien:                                               19:54

Schabbatausgang in Wien:                                               21:02

Dieser Wochenabschnitt beginnt mit der Aufforderung an das Volk Israel, „Richter und Polizisten“ einzusetzen. שֹׁפְטִים וְשֹׁטְרִים (shoftim ve shotrim) (Deut 16:18). Mit dieser Anweisung wird die hierarchische Struktur der Stämme und des gesamten Volkes weiter ausgebaut. Diese Richter und Polizisten müssen über ganz bestimmte Charaktereigenschaften verfügen. Gerecht müssen sie sein, das Recht sollen sie nicht beugen und unabhängig vom sonstigen Ansehen der Angeklagten urteilen.

Ganz besonders interessant, weil in weiser Voraussicht auf die heutige Zeit, ist, dass ihnen verboten wird, Bestechungsgelder anzunehmen. Denn «Bestechungsgelder verblenden die Augen der Weisen und lässt die Gerechten ungerecht [gegenüber den Angeklagten] werden.» (Deut 16:19)

Es ist die Rede von צַדִּיקִם und חֲכָמִים, also Zadikim (Gerechte) und Chachamim (Weise). 

Auch im modernen Alltag werden wir, wenn wir noch aufpassen Opfer der «verblendeten Augen». Immer dann, wenn sich alle Geräte eines Hauses per Smartphone steuern lassen, spricht man vom  בית חֲכָם, einem«weisen Haus». Dank geschickter, meist stark manipulierender Werbung werden Abhängigkeiten geschaffen. Ohne nachzudenken, geben die Kunden Daten an Grossunternehmer à la Apple, Google oder Yahoo weiter. Bewegungsmuster und Kaufverhalten werden vom Kunden abgefasst, ohne dass er etwas davon merkt. Die Augen solcher Kunden sind verblendet.

Gleich darauf wird die besondere Bedeutung der Gerechten nochmals hervorgehoben. 

צֶדֶק צֶדֶק, תִּרְדֹּף

Gleich zweimal wird das Wort «zedek» Gerechtigkeit genannt. (Deut 16:20) Die Wurzel

צדק 

findet man in den Wörtern Gerechtigkeit, aber auch Wohltätigkeit (man denke an die omnipräsenten blauen Sammelbüchsen), Rechtfertigung und Oberstes Gericht wieder. Der Gerechtigkeit wird bereits in den Anfängen der Rechtsprechung und des organisierten Sozialwesens höchste Priorität zugemessen. 

Es findet sich noch ein weiterer Hinweis, dass die Jahrtausende alte jüdische Rechtsprechung, die in der Thora verankert ist, durchaus in die moderne Rechtsprechung demokratischer Staaten hineingeflossen ist. 

Niemand darf zum Tode verurteilt werden, der nicht sicher mit zumindest drei Zeugenaussagen überführt werden kann. (Deut 17:6) Die moderne Rechtsprechung kann auf weitaus mehr Mittel zurückgreifen, wenn es darum geht, einen Verbrecher zu überführen. Damals, als diese grossartige Vorschrift festgeschrieben wurde, gab es nur die Möglichkeit, mittels Augenzeugen Recht zu finden und zu sprechen. Um die Möglichkeit eines folgenschweren Fehlers weitgehend zu minimieren, mussten es drei Zeugen sein. Aber „Als Zeuge ist der Mensch eine Fehlkonstruktion“ hat es einmal ein Richter des Bundesgerichtshofes überspitzt ausgedrückt. Es liegt also, heute wie damals, in der Verantwortung der Richter, Zeugen und ihre Zuverlässigkeit genauestens zu überprüfen. Die gleiche Vorgangsweise gilt, wie wir später (Deut 19:15) lesen, auch bei anderen Rechtsstreitigkeiten. 

Eine Falschaussage soll, und auch das kennen wir heute beim Schwurgericht, zu einer Verurteilung führen.

Mehr und mehr erkennen wir, dass in diesem letzten Buch der Thora die rechtliche, aber auch die administrative Grundlage für ein künftiges Staatswesen gelegt wurde. Sogar ein erster Hinweis auf die erst etwa 300 Jahre später begründete Monarchie unter König Saul findet sich in diesem Wochenabschnitt. 

In Deut 17:14-20 wird dem Volk zugebilligt, sich einen König wählen zu dürfen. Ein geschickter Schachzug, denn damals waren einige Völker, die rund um die Erbländer der Stämme lebten, kleine Königtümer. Um sich nicht noch mehr von ihnen zu unterscheiden und deren Misstrauen zu wecken, war es sinnvoll, die «Staatsform» von einem individuell geführten Stammeswesen zu einem zentralistisch geführten Königtum zu wandeln. 

Nach dem Motto «gemeinsam sind wir stark» wurde so auch die Verteidigungsmöglichkeit verbessert. 

Der König aber, der dem Volk zu diesem Zeitpunkt zugestanden wurde war nichts anderes als eine Marionette. Er durfte nicht zu viele Pferde haben, nicht zu viele Frauen, durfte auch keinen grossen Reichtum anhäufen. Er hatte nur eine Verpflichtung, täglich in den Schriften zu lesen, die die Priester für ihn anfertigen sollten. Damit sollte sichergestellt sein, dass er nicht hochmütig werden und sich nicht über seine Brüder erheben würde. 

Und, wir kennen die Anweisung schon, nichts zu den Geboten hinzufügen, aber auch nichts von ihnen wegzunehmen. 

Demütig sollte er sein, ein «primus inter pares».

Es wäre sicher kein Fehler, diesen Teil der Thora jedem Regenten, gleich in welcher Staatsform er wirkt, am Tag der Vereidigung mit auf den Weg zu geben. 

Jeder von uns kann jederzeit als Zeuge oder als Laienrichter vor einem Gericht erscheinen müssen. Ich hoffe, dass jeder von uns die Grundansprüche, die in dieser Funktion gefordert werden, in Respekt vor jedem Menschen, aber auch in Demut vor der Gerichtsbarkeit erfüllen kann. 

Shabbat Shalom!



Kategorien:Israel, Religion

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