Was machen Israelis am liebsten?

7. Elul 5781

Sie reisen gern und viel, ganzjährig. Im Winter, wenn es in Israel regnet, suchen sie die Länder heim, die dann Sommer haben. Oder sie reisen zum Skifahren, vorzugsweise nach Rumänien. Im Sommer, wenn es in Israel heiss ist und die beliebten Strände von ausländischen Touristen überfüllt sind, findet man sie in den eher nördlich gelegenen Ländern.

Corona bedingt steht diese Lieblingsbeschäftigung nur sehr bedingt zu Disposition. Die heimische Hotellerie ist beliebt für Wochenendreisen, aber aufgrund der recht hohen Preise nicht unbedingt bei echten „Ferien“.

Hier kommt die zweite Lieblingsbeschäftigung ins Spiel. Einkaufen! Selbst wenn, ebenfalls Corona bedingt, der Geldbeutel etwas „gebeutelt“ ist, die Zahlkarte (כרטיס אשראי), die man mit der Eröffnung eines Bankkontos als Zugabe erhält, erlaubt eine ungeheure, in meinen Augen zum Leichtsinn verführende Flexibilität. 

Bei einem Girokonto gibt es kein Überziehen, auch wenn das Konto gut gefüllt ist. Jede nicht von der Bank im Vorfeld bewilligte Überziehung wird mit 13.2 % verzinst. In Europa liegen die vergleichbaren Sätze zumeist deutlich unter 10 %. 

Kontoinformation Girokonto Bank HaPoalim

Bei jedem Bezahlvorgang mit der Zahlkarte wird man an der Kasse automatisch gefragt, ob der Betrag, und sei er noch so klein, in mehrere Raten aufgeteilt werden soll. Im Prinzip lächerlich, denn wenn ich kein Geld habe, um einen nicht lebensnotwendigen Einkauf zu tätigen, dann kaufe ich nicht! 

Nota bene, ich spreche nicht davon, dass es einen kurzfristigen Finanzengpass gibt und Lebensmittel gekauft werden müssen. Den Fall gibt es in Israel weitaus häufiger, als man es sich vorstellen möchte! Leider, in Israel leben gemäss OECD etwa 20 % der Menschen unterhalb der Armutsgrenze.

Israelis lieben das Einkaufen vor allem in einem grossen Einkaufszentrum (Mall). Je grösser, je bunter, je unüberschaubarer, desto besser! Das Angebot ist beliebig und austauschbar, kennt man eine Mall, kennt man alle. 

Aber nun kommt der endgültige Kick für alle Mall-Junkies. In der Nähe von Mishor Adumim, einige Kilometer östlich von Jerusalem, mitten in einem Industriegebiet gelegen, entstand die «Design City». Diese Mall wird von den Betreibern als die «luxuriöseste» in ganz Israel bezeichnet. Der Innenhof, so die Vorstellung, soll eine Kopie des im Venetian Resort Las Vegas nachgebauten Markusplatzes sein. Kann der schon nicht die perfekte Architektur des Originals in Venedig widerspiegeln, so muss man leider sagen, in der «D-City» kann man vom Original schon fast nichts mehr erahnen. Vor allem die oberen Abschlüsse der Aussenwände sind nichts als potemkin‘sche Dörfer. So sehen die meisten Malls in Israel aus. 

Die Baukosten beliefen sich auf etwa 750 Millionen Schekel (214 Millionen CHF). Laut einem Bericht vom ToI ist ein etwa gleich hoher Betrag noch einmal für den Bau des «Magic Kass Park» budgetiert. Dieser wird als grösster Freizeitpark des Landes angepriesen. Highlight des Parks dürfte wohl die 20 m hohe Achterbahn sein, von deren höchstem Punkt man einen freien Blick auf das «Tote Meer» hat. 

Magic Kass Park © Homepage Kass Group

Der Blick wird weit hinaus gehen über die Gebiete, die Kritiker Israels als «besetzte Gebiete» bezeichnen und die in der offiziellen Sprache des Staates und rechtlich korrekt als «umstrittene Gebiete» bezeichnet werden. Ob es die neue Regierung unter PM Naftali Bennet schaffen wird, diesen Gordischen Knoten zu lösen?

Israel schafft mit dem Bau dieser Mall mitten in einem Industriegebiet Fakten. Rund 1.5 Millionen Menschen leben im Einzugsgebiet. Jerusalem ist nur wenige Kilometer entfernt. Täglich sollen im 20-Minuten-Takt gratis Busse von der Hauptstadt in die Mall fahren. Von früh am Morgen bis gegen 22 Uhr am Abend. Allein für das Einkaufszentrum rechnet man mit 20 Millionen Besuchern im Jahr. Show- und Musikprogramme sollen den Anreiz, zu kommen und Geld auszugeben erhöhen. Touristen aus anderen Gebieten des Landes sollen ebenfalls angesprochen werden. Jeder, der den Weg ans Tote Meer über Jerusalem wählt, soll anhalten. Und konsumieren. Wer sich allerdings die Liste der angebotenen Marken anschaut, wird enttäuscht. Vom versprochenen Luxus ist nicht viel dabei. Bis auf zwei, drei internationale Namen findet man nichts. Trotzdem ist CEO Revach überzeugt: «Wenn sie [die Kunden aus anderen Gebieten Israels] einmal hier waren, werden sie ihre Meinung ändern und wiederkommen. Das gesamte Gebiet von Mishor Adumim wird sich mit der Mall ändern. Das wird alles für die Bewohner in diesem Gebiet ändern. Wir haben das Gebiet günstig kaufen können und werden das Geld, das wir so eingespart haben, nutzen, um einen grossartigen Service zu bieten.» Und fügt, bemüht politisch korrekt hinzu, «Wir sind für alle da, für die israelische und die arabische BevölkerungDas Erlebnis, hier zu sein, entspricht dem eines Auslandsaufenthaltes. Man muss einfach kommen und es erleben. Und es dann glauben.»

Leider ist diese Aussage bezüglich der arabischen Bevölkerung falsch. Nicht-israelische Palästinenser, oder solche, die keine ID-Karte von Jerusalem haben, dürfen das Gebiet, und damit auch die Mall und den Freizeitpark nur betreten, wenn sie zumindest über eine Arbeitsbewilligung verfügen. Was ist mit ihren Kindern? Wo bleibt die Gleichberechtigung?

Auf 150.000 m2 drängeln sich etwa 200 Geschäfte. Hauptsächlich Möbel und «alles-was-man-nicht-braucht» Haushaltszubehör. Und natürlich Elektrogeschäfte. Dazu eine grosse Zahl von (meist unkoscheren!) Restaurants und Eisdielen. Ein Hotel soll folgen. Im Obergeschoss sollen in den kommenden Wochen Modegeschäfte ihre Türen öffnen. 

Den ersten Preis für diesen Einkaufswahnsinn in der Wüste musste das bisher beliebte traditionelle Handelszentrum in Jerusalem zahlen. In Talpiot, einem südöstlich, auf UN-Niemandsland erbauten Vorort von Jerusalem, schloss ein Geschäft nach dem anderen. «Dieses Zentrum in Talpiot wurde vor 50, 60 Jahren erbaut. Die D-City ist hingegen ein neues, modernes Zentrum, das den Kunden von heute in ihrem Kaufverhalten entspricht.» 

Das alte Einkaufszentrum in Talpiot

Im Namen des Freizeitparks hat sich der grösste Investor beider Projekte verewigt. Hanoch Kass, CEO und Eigentümer der Kass Group

Dieser Name lässt aufhorchen. Die Kass Gruppe bezeichnet sich selbst auf ihrer Webseite als «Eine der grössten Investitions Unternehmen in Israel und Georgien.» 

Schaut man ihre Webseite an, so findet man, neben einigen spektakulären Projekten in Georgien, ex UdSSR, Projekte in Ramat Givat Zeev, die 634 Wohneinheiten umfassen und weitere Wohneinheiten in anderen Gebieten, die sich unmittelbar an das eigentliche Jerusalem anschliessen. Partner der Kass Gruppe ist Nofei Israel. Schon die Aufmachung der Internetauftritte lässt Rückschlüsse auf die enge Verzahnung der Unternehmen zu. 

Die anti-zionistische und ani-israelische Webseite Whoprofits weist auf eine 88 %-ige Verzahnung zwischen der Kass Gruppe und «Nofei Israel» hin. Nofei Israel investiert schwerpunktmässig in den «umstrittenen Gebieten».

Honi soit qui mal y pense!

Wenn man bedenkt, dass der Beginn der Planungsarbeiten ganz sicher vor einigen Jahren lag, also lange vor der Zeit, in der der man die jetzige Regierung Bennet/Lapid zur Verantwortung ziehen könnte, dann werfen diese Investitionen doch Fragen auf.

Prof. Naomi Hausman von der Hebrew University hat dazu eine klare Meinung. «Ich gehe davon aus, dass diese Mall hauptsächlich für Menschen aus Ma’ale Adumim und kleineren Orten, wie Mitzpeh Jericho attraktiv sein wird. Menschen aus Jerusalem oder anderen Zentren, werden kaum hierherkommen.» Offen lässt sie aber, ob dieses Projekt aus politischen und nicht aus wirtschaftlichen Gründen geschaffen wurde. «Wenn das der Fall sein sollte, dann ist das Projekt zum Scheitern verurteilt, weil es die Regeln des Marktes nicht erfüllt. Der beste Weg einer Regierung, das Wachstum zu fördern ist, den Projektleitern zu erlauben, dort zu bauen, wo sie den besten wirtschaftlichen Erfolg vermuten und nicht, wo sie [die Regierung] es will. Israel hat jahrelang die wenig besiedelten Randgebiete gefördert. Wirtschaftlich betrachtet ist das keine gute Idee. Bauen in dicht besiedelten Gebieten ist nicht teurer. Es bringt nur Vorteile. Die Dichte solcher Gebiete fördert in der Regel die Produktivität.»

In diesem speziellen Fall muss man in Betracht ziehen, dass es fast zu einer Annektierung eben dieser Gebiete gekommen wäre. Falls nämlich die Vereinbarung zwischen Netanyahu und Trump tatsächlich zum Zuge gekommen wäre. Sie wurde als Teil des sogenannten Abraham Abkommens auf Eis gelegt. 

Es sei daher die Frage gestattet, was anderes als eine politische Baustelle jetzt gerade der Öffentlichkeit zur Belustigung übergeben wurde. 

Kass selbst, seinen Investoren und den Ladenbesitzern scheinen diese Fragen kein Kopfzerbrechen zu machen. Sie sind wahrscheinlich einfach nur überzeugt, dass die meisten Besucher sich von der glitzernden Scheinwelt in der Wüste faszinieren lassen. Sie sind nur am Geld der Besucher und nicht an deren politischer Einstellung interessiert.



Kategorien:Israel

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