Wochenabschnitt: Ki Tawo, Deut 26:1 – 29:8, 5. Buch

ב“ה

19./20. Elul 5781                                             27./28. August 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)             18:29

Schabbatausgang in Jerusalem:                                        19:45

Schabbateingang in Zürich:                                               19:58

Schabbatausgang in Zürich:                                              21:02

Schabbateingang in Wien:                                                19:28

Schabbatausgang in Wien:                                                20:33

Blick durch einen Teil der Befestigungsmauer von Massada © e.s.

Ich möchte meinen Gedanken zu diesem Wochenabschnitt ein Gedicht von Hermann Hesse voranstellen.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Der Wochenabschnitt beginnt mit den Worten כִּי-תָבוֹא אֶל-הָאָרֶץ (ki tawo el haaretz) «Wenn du in das Land kommst.» Nach vierzig Jahren der Wanderschaft geht die Reise zu Ende. In viereinhalb Wochen beenden wir das Lesen des 5. Buch Mose’ und beginnen anschliessend sofort von Neuem mit dem Lesen des 1. Buches. 

Die Freude über den Neubeginn hat viele Gesichter, lachende, aber auch weinende.

Denken wir an die Herbstfeiertage. Das neue Jahr beginnt besinnlich mit Rosh HaShana, gefolgt von unserem höchsten Feiertag, Yom Kippur, dem nachdenklichsten Tag im Jahr.

Vor Beginn von Rosh HaShana wird in sephardischen Synagogen gerne das Lied «Achot Ktana» אחות קטנה gesungen. Die «Kleine Schwester» über die erzählt wird, ist das Land Israel, das so viel erdulden und leiden musste und doch den Glauben an Gott nie verloren hat. Der Leitsatz des Textes heisst: «Möge das [alte] Jahr mit seinem Elend enden und das neue mit Segnungen beginnen!»

Obwohl sowohl der Text als auch die Melodie aus dem 13. Jahrhundert stammen, liegt darin so viel Wahrheit. Der Anbeginn, die Wanderung durch die Wüste sind nicht spurlos an den Kindern Israel vorübergegangen. Auch wenn es in Deut 29:4 heisst «Ich habe euch vierzig Jahre durch die Wüste geführt; eure Kleider sind nicht zerrissen und die Schuhe sind euch nicht von den Füssen gefallen». Denken wir weiter an die zweimalige Zerstörung des Tempels und an das jeweils anschliessende Exil. Und die Hoffnung, dass alles endlich gut werden würde. Immer wieder wurde die Hoffnung zerstört, immer wieder trafen neue Katastrophen das Volk Israel. Inquisition und erneute Vertreibung, Shoa und Genozid …. Auch die derzeitige Plage, die COVID Pandemie erweist sich als eine neue Geissel für die Menschheit. Seit eineinhalb Jahren lähmt sie das gesamte Leben. Der überall weltweit wieder aufflammende Juden- und Israel-Hass macht Angst. Wir haben wir allen Grund zu flehen «Möge das [alte] Jahr mit seinen Flüchen [seinem Elend] enden und das neue mit Segnungen beginnen!» Fluch und Segen stehen in der Thora selten so dich beieinander, wie in diesem Wochenabschnitt. Die Abschnitte Deut 27:15 – 28:6 zählen sie detailliert auf, eine ultimative Vorschrift, wie sich das Volk Israel im ihm versprochene Land verhalten soll, um das Wohlgefallen Gottes nicht zu verspielen. 

Auf das Nachdenkliche folgen die festlich-fröhlichen Tage von Sukkot und Simchat Thora. In der unerschütterlichen Hoffnung, die über Jahrtausende hinweg getröstet und gestärkt hat, freuen wir uns des Neubeginns. 

In diesem Wochenabschnitt werden wir erinnert an das grösste Wunder, die grösste Freude die dem Volk Israel zuteil wurde. Genau in dem Augenblick werden wir an Abraham erinnert, der aus seiner aramäischen Heimat nach Ägypten wanderte.

אֲרַמִּי אֹבֵד אָבִי (aramei oved avi) «mein Vater verliess seine aramäische Heimat». Dieser Satz wird oft übersetzt «Mein Vater war ein herumirrender Aramäer». Nun, herumirren ist nichts, was man als positiv bezeichnen kann, eher als etwas, das entweder erzwungen wurde, oder einer Planlosigkeit entspringt. Beides traf bei Abraham nicht zu. Er hat auf Gott vertraut, und sich dessen Wünschen untergeordnet. Die unglaubliche Erfolgsgeschichte, die mit Avraham und seiner Frau Sara begann und mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 ihren vorläufigen Höhepunkt fand. 

Rashi deutet diese Textstelle so, dass «ein Aramäer meinen Vater verfolgte». Auch diese Auslegung ist für die Wiederholung der Geschichte bedeutungsvoll. Jakob, der Enkel Abrahams wurde von seinem Schwiegervater, Laban, der ein Aramäer war, verfolgt, nachdem der mit seiner Frau von dessen Hof geflohen war. 

Aus dieser zweifach möglichen Auslegung können wir vielleicht ein Mehr an Freude, Dankbarkeit und Zufriedenheit mitnehmen. 

Menschen dürfen sich entscheiden, in welche Richtung ihre Entscheidung geht, liegt in der Persönlichkeit des Einzelnen. Was nehmen wir mit, wenn wir vor etwas Grossem, Neuen stehen, vor einer neuen Herausforderung oder einem neuen Lebensabschnitt? Erinnern wir uns eher trauriger Situationen und Stunden, an Verluste und Misserfolge, so werden sie uns weiter begleiten. Erinnern wir uns aber eher der positiven Erfahrungen und glücklichen Situationen, so geben sie uns Kraft und Schwung für das Neue. 

Nutzen wir doch die wenigen Wochen vor Rosh HaShana uns gedanklich und emotional damit auseinanderzusetzen, was wir loslassen und was wir mitnehmen wollen. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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