Das neue Schuljahr hat begonnen!

24. Elul 5781

Die vierte Welle der COVID Neuerkrankungen erreichte am 28. August mit 12.073 ihr Allzeit-Hoch seit Ausbruch der Pandemie im vergangenen Jahr. Die Politiker in Israel überlegten daher lange, ob es überhaupt derzeit sinnvoll sei, das neue Schuljahr, wie geplant am 1. September beginnen zu lassen. 

PM Naftali Bennet und Bildungsministerin Yifat Shasha-Bitin besuchen Erstklässler in Yeruham © ToI

Immerhin stehen die Hohen Feiertage bevor und damit wieder viele schulfreie Tage. Bis Ende September gibt es nur fünf (!) Schultage…. Da wäre es sowohl wegen des gesundheitlichen Risikos als auch aus pädagogischen Überlegungen heraus sinnvoller gewesen, den Schulbeginn auf den 1. Oktober zu verschieben.

Von den 2.4 Millionen Schülern[1] können 35.508 nicht in die Schule kommen, weil sie positiv getestet wurden und weitere 55.390 werden ebenfalls fehlen. Sie sind in Quarantäne. Alles in allem werden mehr als ¼ der Schüler keinen Präsenzunterricht erhalten. In Orten, die nach dem in Israel wieder geltenden «Ampel Modus» rot sind, darf nur dann in den Schulen unterrichtet werden, wenn mehr als 70 % der Schüler mindestens zweimal geimpft sind. Und obwohl Israel sehr früh mit dem Impfen begonnen hat, sind zwar 81 % der 16-18-Jährigen zweimal, aber 56 % der 12-15-Jährigen sind erst einmal geimpft. 

Schulen in roten Orten sollen nun selbst entscheiden, ob der Unterricht für einige Schulstufen teilweise im Freien stattfinden wird, die Klassen geteilt werden oder man wieder zum «Lernen daheim» zurückkehren will. 

Bis Ende September gilt eine Übergangsphase, in der auch erstgeimpfte Schüler als «geimpft» gelten. Mobile Impfbusse sind ab heute im Einsatz, um Schüler auch während der Unterrichtszeit zu impfen. 

Lehrer und andere Mitarbeiter müssen mit dem Grünen Pass ihre erhaltenen Impfungen nachweisen. Können sie das nicht, werden sie vom Dienst ohne Weiterzahlung des Gehaltes suspendiert. 

Der Zeitpunkt schien einer in den Ruhestand getretenen arabisch-israelischen Lehrerin geeignet, um über ihre jahrelangen Erfahrungen in jüdischen Schulen zu berichten. Vierzig Jahre hat sie unterrichtet und ist mit Ende des letzten Schuljahres in den Ruhestand gegangen «Nicht, weil ich die Altersgrenze erreicht hätte, aber weil ich müde war! Nicht wegen der Schüler, sondern wegen der zweitklassigen Qualität der Lehrkräfte und der Verwaltung.» Sie beklagt, dass es den Lehrern weniger auf die erarbeiteten und zu vermittelnden Inhalte ankommt, sondern der konsequenten Nutzung von Apps. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich habe sie bei ihnen grosse Wissenslücken erlebt, die zu zahlreichen Fehlern führten.

Auch mit den Schulleitern und der Verwaltung geht sie hart ins Gericht«Für das Verwaltungspersonal ist Öffentlichkeitsarbeit das oberste Ziel. Es scheint, dass die Absolventen der in den letzten zwei Jahrzehnten in Israel entstandenen neuen Institute für die Ausbildung von Schulleitern für den drastischen Wertverlust der Schulleiter verantwortlich sind. Deren einziges Ziel ist ihr persönlicher Erfolg, ihre Werbung und ihr Marketing, um ihren Ruf zu verbessern.»

Im Folgenden geht sie auf einen Vorfall ein, der im April dieses Jahres durch die israelische Presse ging. Der Haaretz titelte «Arabische Lehrerin neu eingestuft, nachdem sich Eltern beschwert haben, dass sie keine jüdischen Werte vermitteln kann.» Das klingt zunächst nach purem Rassismus. Man muss genauer hinschauen, um zu verstehen, um welche Inhalte es geht, und wie sich christliche und muslimische Lehrer in einer gleichen Situation verhalten würden. 

Der Vorfall fand an einer Grundschule statt, in der ausschliesslich jüdische Kinder unterrichtet werden. Grundsätzlich sieht das israelische Bildungssystem vor, dass Schüler der ersten zwei Klassen von einem «Klassenlehrer» in allen Gegenständen unterrichtet werden. Und dazu gehören entsprechend dem Curriculum Hebräisch, Jüdische Feiertage und die Thora. Natürlich werden an christlichen und muslimischen Schulen in Israel die entsprechenden Feiertage und die Bibel, bzw. der Koran unterrichtet. An den gemischten Schulen von denen es nur sehr wenige gibt, werden die Schüler von verschiedenen Lehrern in diesen Fächern unterrichtet. Alles andere macht auch keinen Sinn!

In diesem Fall haben sich Eltern beschwert, dass die arabische Lehrerin «die Kinder nicht ihren Vorstellungen entsprechend die jüdischen Werte lehren könne, weil sie sich als Palästinenserin identifiziere.» In Absprache mit der Lehrerin wurde dieser nun ein Mentor zur Seite gestellt, der die «sensiblen» Gegenstände in ihren Klassen unterrichtet. Sie selbst ist daher nur mehr Mathematik- und Klassenlehrerin. Die Eltern sind überzeugt, dass ihr Vorgehen keinen rassistischen Hintergrund hat. «Sie mag gut geeignet sein als Mathelehrerin, aber sie ist weniger geeignet, um die Vorgaben des Bildungsministeriums als Klassenlehrerin zu erreichen.» Auf der Webseite des Ministeriums heisst es «Das Ziel der staatlichen Bildung ist es, eine Grundbildung zu vermitteln, die auf den Werten der israelischen Kultur und wissenschaftlichen Leistung sowie auf der Liebe zur Heimat und der Loyalität gegenüber dem Staat und dem Volk Israel beruht.» Und hier muss die Frage gestattet sein, ob dies nur auf der Frage der ethnischen Zugehörigkeit oder Religion beruht, oder ob die massgeblichste Voraussetzung nicht viel mehr die persönliche Haltung, die Ethik des Einzelnen ist? Und was bedeutet eine solche Vorgangsweise für die zahlreichen arabischen Israelis, die tagtäglich ihre Liebe und Loyalität zu Israel zeigen, als Lehrer, Ärzte, Pfleger, Apotheker, Soldaten, Diplomaten…. So ein Vorgehen ist nichts anderes als eine Ohrfeige in deren Gesicht!

Doch zurück zum ersten Bericht. Auch diese Lehrerin sah sich immer wieder mit dem Problem konfrontiert, wie sie bei «sensiblen Themen» agieren oder reagieren sollte. Ihre Schüler besuchten Gymnasien, mit den Schwierigkeiten einer universellen Klassenlehrerin der unteren Schulstufen war sie daher nicht konfrontiert. Bei jedem Einstellungsgespräch stellte sie sicher, dass sie nicht Klassenlehrerin werden würde. 

Ausgerechnet an einer Schule im Norden des Landes, an der gleichviele jüdische wie muslimische Schüler unterrichtet wurden, machte sie schlechte Erfahrungen «Die, deren Wahlspruch «Gleichheit und Offenheit» lautete, stellten sich als einzige heraus, die meinen politischen Ansichten gegenüber ausserordentlich intolerant waren.»

Mit dem Eintritt in den Ruhestand blickt sie nicht zurück im Zorn. Im Gegenteil, sie findet versöhnliche Worte. 

«Die Arbeit arabischer Lehrerinnen an jüdischen Schulen ist von unbeschreiblicher Bedeutung. Direkter menschlicher Kontakt und kulturelle Bindungen sind der Schlüssel und der sicherste Weg zum Zusammenleben. Die jüdische Mehrheit, vor allem in städtischen Gemeinden, weiss sehr wenig über die arabische Kultur. Viel weniger, als wir Araber gerne hätten. An allen Orten, an denen ich arbeitete, war die Begeisterung gross, als ich die Geschichte des Opferfestes (Eid al-Adha) – die muslimische Version der Bindung Isaaks – vorstellte, und ich erhielt sehr positives Feedback.

So wachsen Frieden und Koexistenz, aber ein arabischer Lehrer sollte kein Klassenlehrer sein, der jüdische und zionistische Werte in einer jüdischen Schule vermittelt.»

Eine wünschenswerte Vorstellung für das weltoffene, moderne und demokratische Schulsystem in Israel!


[1] Selbstverständlich gilt auch die weibliche Form.



Kategorien:Israel, Politik

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