Wochenabschnitt: Wajelech, Deut  31:1–30, 5. Buch 

4./5. Tishri 5782                                              10./11. September 2021  

ב“ה

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)             18:12

Schabbatausgang in Jerusalem:                                        19:27

Schabbateingang in Zürich:                                               19:30

Schabbatausgang in Zürich:                                              20:32

Schabbateingang in Wien:                                                18:59

Schabbatausgang in Wien:                                                20:02

Shofarbläser, Marc Chagall

Der Tod Moses steht unmittelbar bevor. Er hat den Auftrag, den er von Gott erhalten hatte, fast erfüllt. Das Volk Israel steht jenseits des Jordans und wird bald hinübergehen in das Land, das Gott seinen Vorvätern versprochen hatte. 

Moses ist nun 120 Jahre alt. Die letzten vierzig Jahre hat er sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten durch die Wüste geführt. Keiner seiner Begleiter, die am Anfang dabei waren, lebt noch. 

Er könnte stolz auf das sein, was er geleistet hat. Immerhin ist es ihm gelungen, aus einer Gruppe von Menschen, die nichts verband, als dass sie von den zwölf Söhnen Jakobs abstammten, ein Volk zu machen. Aber Stolz gehört nicht zu den Charakterzügen von Moses.

Während der Wüstenwanderung hat er immer wieder erleben müssen, wie sich die Kinder Israels gegen ihn auflehnten. Wie sie die Weisungen Gottes nichts beachteten und in alte Verhaltensmuster zurückfielen. Das beste Beispiel hierfür ist der Bau des „Goldenen Kalbs“. Ihr Ungehorsam brachte sogar den bedachten und gottesgläubigen Moses dazu, seine Geduld zu verlieren. Als das Volk wieder einmal murrte, dass es kein Wasser habe, schlug er mit seinem Stab auf einen Felsen ein, der daraufhin Wasser spendete. (Num 27:13-14) Aber um welchen Preis? Mit dieser unbedachten Handlung verwirkte sich Moses das Recht, das versprochene Land betreten zu dürfen. Eine harte Strafe. Er hat sie akzeptiert.

Er tritt nochmals vor das versammelte Volk und übergibt die Verantwortung an Joshua. Moses selbst hatte vor langer Zeit bereits Gott darum gebeten, einen Nachfolger zu bestimmen. Gott hatte daraufhin Joshua benannt (Num 27:20). Manch ein Unternehmer könnte sich glücklich nennen, wenn sein Nachfolger frühzeitig ausgesucht, und bereits mit einiger Verantwortung ausgestattet werden würde! Um wie viel stressfreier könnte er so seinem eigenen Ruhestand entgegenblicken. Vielleicht könnte er sogar den Zeitpunkt frei wählen, von dem er glaubt, dass dieser für ihn und für sein Unternehmen der optimale ist. Moses darf sich diesen Zeitpunkt nicht selbst aussuchen. Für ihn ist er mit dieser letzten grossen Ansprache vor dem versammelten Volk Israel gekommen. Er ruft Joshua auf und setzt ihn nun offiziell als seinen Nachfolger ein. (Deut 31:7-8) Joshua wird vielleicht ein mulmiges Gefühl im Bauch gehabt haben. Er muss sich ab diesem Augenblick in den Schuhen des grossen Moses bewähren. Doch Moses versichert ihm, dass Gott immer an seiner Seite sein wird, solange er sich an dessen Regeln hält. 

Noch einmal spricht Gott direkt zu Moses. Was er zu sagen hat klingt wie die Androhung der Apokalypse. Gott kennt sein Volk und er weiss, dass der lange Weg des Lernens, Glaubens und Hoffens noch lange nicht vorbei ist. Joshua, der Nachfolger von Moses, wird ebenfalls bittere Zeiten haben, mit der uneinsichtigen Handlung seiner Mitmenschen. Auch das ist etwas, was im modernen Unternehmertum bekannt ist. Der „Neue“ wird zunächst getestet, wie weit er sattelfest ist in seinem Handeln. Beide, Gott und Moses sind sich der daraus erwachsenden Gefahr bewusst. Als letztes Vermächtnis diktiert Gott dem todgeweihten Moses ein Lied, welches wir in der kommenden Woche lesen werden. Wir erinnern uns, nach der Durchquerung des Schilfmeeres sang Moses gemeinsam mit den Kindern Israel das als 

שִירַת הַיָּם

bekannt gewordene Lied, in dem an die wunderbare Rettung aus der Sklaverei beschrieben wird. Das Lied ist wesentlicher Teil des Schacharit am Shabbat. Moses, der Mann, der sich selbst als stotternder Mann darstellte, sang mit lauter Stimme (Ex 15:1-18) die Hymne auf Gott und dessen Stärke, die in der Gewissheit des göttlichen Beistandes endet: יְהוָה יִמְלֹךְ, לְעֹלָם וָעֶד «Gott wird auf immer und ewig regieren». Betrachtet man diese beiden Stellen der Thora so erkennt man eine grossartige literarische Besonderheit. Der Anfang (unmittelbar nach der Flucht aus Ägypten) und das Ende (kurz vor dem Erreichen des Ziels) werden mit einem dramatischen Lied markiert. Ganz so, als würden diese Klammern die Zeit zwischen ihnen als etwas ansehen, was besonders schützenswert ist. Und das ist es ja auch, es ist Teil unseres kollektiven jüdischen Gedächtnisses.

Dieser Shabbat wird als Shabbat schuwa, bezeichnet. Es ist der Shabbat, der zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur liegt. Shuwa heisst Umkehr. Die zehn Tage zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur sollen uns helfen, wieder mit Gott und uns ins Reine zu kommen. Die Bezeichnung geht zurück auf den Text der heutige Haftera (Hosea 14:2-10) «Kehre zurück zu Gott, du bist durch deine eigene Schuld vom Weg abgekommen (…) ich will ihre Untreue vergeben und sie wieder lieben.»

So ist beides, der Anfang und das Ende der vierzig-jährigen Wanderung geprägt vom unerschütterlichen Glauben, dass Gott uns nie aufgeben wird. Er wird uns immer vergeben, wenn wir uns redlich um einen Neubeginn bemühen.

Bis Yom Kippur ist das Buch des Lebens noch aufgeschlagen. Nutzen wir doch diese Zeit der Umkehr, der Erkenntnis und des Bedauerns.

Shabbat Shalom und גמר חתימה טובה



Kategorien:Israel, Religion

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