War der Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnis spontan, oder von langer Hand geplant?

6. Tishri 5782

In der Nacht vom Sonntag, 5. September auf Montag, 6. September, gelang es sechs Häftlingen aus dem als besonders sicher geltenden Gilboa Gefängnis auszubrechen. 

Es handelt sich dabei um einen ehemaligen Anführer der «Al-Aqsa Märtyrer Brigade», der als «Symbol der zweiten Intifada» (2000-2005) galt. Er sass bereits einige Jahre im Gefängnis, wurde aber später amnestiert. Nachdem er erneut straffällig geworden war, wurde die Amnestie rückwirkend aufgehoben. 2019 wurde er wieder verhaftet und steht momentan wegen dutzender Verbrechen, darunter versuchter Mord und Mord, sowie geplanter und durchgeführter Terrorangriffe vor Gericht. Vier weitere Ausbrecher wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie sind Mitglieder des islamischen Jihad und waren verantwortlich für tödliche Terroranschläge. Der letzte Ausbrecher befand sich in Verwaltungshaft. Alle sechs stammen aus der Gegend von Jenin und gelten als äusserst gefährlich. 

Das Gilboa Gefängnis war im Jahr 2004 in sehr kurzer Zeit gebaut worden. Der Grund war, dass man aufgrund der Intifada mehr Platz für Häftlinge brauchte. Jenin und dort vor allem das Flüchtlingslager gilt als Hotspot des Terrors. Vom 1. bis 11. April 2002 fand der «Kampf in Jenin» statt. Neben grossen Schäden an etwa 300 Gebäuden starben dabei 23 israelische Soldaten und 53 Palästinenser. 48 der Getöteten waren Terroristen. 

Jenin, in der Bildmitte ist der zerstörte Teil zu erkennen

Der Gelände, auf dem das Gefängnis erstellt wurde, neigt zur Bildung von «Sinkholes». Wohl um einen baulichen Sicherheitsfaktor einzubauen, wurden Pfeiler unter dem eigentlichen Fundament im Boden verankert. Möglicherweise war genau das einer der Gründe, warum der Ausbruch relativ einfach gelang.

Aber, es war nicht der einzige Grund!

Auf der Webseite jenes Architekturbüros, das für die Planung des Gefängnisses verantwortlich zeichnete, waren detaillierte Entwurfszeichnungen bis zum vergangenen Montag online. Erst nach dem erfolgten Ausbruch wurde die gesamte Webseite vom Netz genommen. 

Obwohl das Gilboa Gefängnis als Hochsicherheitsgefängnis eingestuft wird, gibt es keine regelmässigen Fahrzeugpatrouillen rund um das Gelände. Dieser schwerwiegende Umstand wurde der Gefängnisleitung nach einem entsprechenden Training in den Jahren 2019 und 2020 mitgeteilt. Eine Änderung fand allerdings nicht statt. 

Ein Störsender, der die Kommunikation zwischen eingeschmuggelten Handis und der «Aussenwelt» verhindern sollte, wurde zwar erworben, aber nie aktiviert.

Unklar ist auch, warum die sechs Männer, die alle aus der Region um Jenin stammen, in genau diesem Gefängnis untergebracht wurden. Normalerweise gilt die Regel, dass man Gefangene aus einer Region auf ganz Israel verteilt und nicht in ihrer Heimatregion belässt. Damit soll die Kommunikation zwischen den Familienangehörigen, Freunden und Kollegen erschwert werden. Dass die Besuchsmöglichkeiten von Gefangenen zunächst bis zum 14. September stark eingeschränkt werden, rief das Internationale Rote Kreuzauf den Plan. Ausgerechnet jene Organisation, die sich nie um den jahrelang von der Hamas festgehaltenen Gilad Shalit kümmerte! Und die auch Naziverbrecher deckte und ihnen die Flucht ins Ausland ermöglichte.

Einen Tag vor dem Ausbruch beantragte der berüchtigtste Gefangene der Gruppe, Zakaria Zubeidi, eine Verlegung in die Zelle, in der sich die fünf anderen Gefangenen befanden. Die Verlegung wurde bewilligt, ohne dass irgendwelche Bedenken geäussert wurden. Die Behörden, so sagt man, hätte keine Information über einen bevorstehenden Ausbruch gehabt.

Die Jagd nach den Ausbrechern begann. Die intensive Suche wurde auf ganz Israel ausgeweitet. Es war nicht klar, ob sich die Ausbrecher in Israel verstecken würden oder ob sie in ihre Heimatregion um Jenin fliehen würden. Oder, das wurde als dritte Möglichkeit nicht ausgeschlossen, ob sie versuchen würden, sich in das nur 14 km entfernte Jordanien abzusetzen. Die Karte zeigt, wie nahe die Grenze zur Region Jenin und zu Jordanien ist. 

Fünf Tage vergingen, in denen keine Festnahme gelang. Beteiligt an der Suche waren: IDF, Polizei, Shin Bet, Grenzpolizei. Sogar von palästinensischer Seite kam Hilfe, wenn auch nicht offiziell. 

Dann, am Freitag, 10. September, der erste Erfolg. Aufmerksame Bürger in Nazareth erkannten zwei der Verfolgten und meldeten dies der Polizei. Es gelang, die beiden, die keinen Widerstand leisteten, festzunehmen. Es handelte sich um Mahmoud Aradeh und Yacub Kadarii. Ganz offensichtlich hatten die Ausbrecher nicht damit gerechnet, sich so lange verstecken zu müssen. Sie waren, als sie aufgespürt wurden, auf der Suche nach Lebensmitteln.

Ein ähnliches Verhalten führte am frühen Samstagmorgen, 11. September, dazu, zwei weitere Ausbrecher einzufangen. Zakaria Zubeidi und Mohammed Aradeh wurden bereits am späten Nachmittag in Shibli-Umm al Ghanam, in der Nähe vom Dorf Tabor von einem Squad-Fahrer erkannt, den sie um Essen baten und der die Polizei verständigte. Mitglieder der IDF Spurensucher Einheit konnten den Fluchtweg verfolgen und so die Verhaftung einleiten. 

Während die Suche nach den noch Flüchtigen weiterging, muss sich eine Untersuchungskommission bereits mit einigen unbequemen Fragen auseinandersetzen. 

Wieso wurde eine Sicherheitslücke nicht behoben, obwohl sie schon seit Jahren bekannt war? Nach einem vereitelten Ausbruchsversuch im Jahr 2014 waren genau in diesem Badezimmer Verstärkungen im Fundament angebracht worden, die eigentliche Öffnung wurde aber nur provisorisch abgedeckt. Die Ausbrecher mussten also nur diese Abdeckplatte entfernen. Anschliessend konnten sie ohne grossen Aufwand durch den bestehenden «Tunnel» zwischen den «Pfeilern» bis zum Ausstieg fliehen. Dieser befand sich ausserhalb der Mauern, wenn auch genau unter einem Wachturm.

Der Einstieg im Badezimmer …
… und der Ausstieg ausserhalb der Mauern

Und der Wachturm? Die diensthabende Wächterin schlief! Ein zweiter Wachturm, von dem aus man ebenfalls Blick auf das Gelände hat, war seit Monaten unbesetzt. Als Grund für diese fatale Entscheidung wird personelle Unterbesetzung angegeben. 

Warum dauerte es zwischen dem Ausbruch, der gegen 01:30 am frühen Montagmorgen so lange, bis die ersten Massnahmen ergriffen wurden? Bereits kurze Zeit später, gegen 01:50 informierte ein Taxifahrer die Polizei, dass er verdächtige Personen entdeckt hätte. Ein zufällig vor Ort befindlicher Polizeiwagen begann mit der Suche gegen 01:58. Erst um 02:14 wurde der diensthabende Mitarbeiter des Gefängnisses über einen möglichen Ausbruch informiert und beginnt mit einer Anwesenheitskontrolle. Warum aber wird gegen 03:29 der Ausbruch von zunächst drei Gefangenen, und erst um 04:00 der von insgesamt sechs Gefangenen an die Polizei gemeldet? 

Ob es Fluchthilfe von innen oder aussen gab, ist derzeit nur Spekulation. 

Die Tatsache, dass sich die vier wieder Festgenommenen in arabischen Gebieten aufhielten, könnte bedeuten, dass sie hofften, dort Unterkunft, Verpflegung, aber möglicherweise auch Waffen zu erhalten. Der Plan ging nicht auf! Im Gegenteil, bei beiden Festnahmen waren es arabische Israelis, die sich mit Informationen an die Polizei wandten.

Der Minister für öffentliche Sicherheit, Omer Bar-Lev betonte, dass die zwei noch flüchtigen Ausbrecher gefunden werden würden, und dankte all denen, die «… massgeblich zur erneuten Festnahme der Terroristen beigetragen hätten. Vier Tage sind sie herumgewandert, in der festen Annahme, dass sie Schutz und Hilfe von der arabischen Bevölkerung finden würden. Das war eine irrige Hoffnung. Wo immer sie sich hinwandten, wurden sie abgewiesen. Die arabischen Israelis informierten stattdessen die Polizei. Ich zolle ihnen grossen Respekt als verantwortungsvolle Bürger!»

Nicht alle arabischen Palästinenser sind glücklich damit, dass ausgerechnet Hinweise aus der arabisch-israelischen Bevölkerung zur Ergreifung führten. Ein arabisch-palästinensischer Geschäftsmann setzte ein hohes Kopfgeld auf einen der Informanten aus. Der Name des Betroffenen ist nicht bekannt. Man muss hoffen, dass die IDF/Polizei jetzt trotzdem alles für seine Sicherheit tut. 

Gideon Levy, einer der Israel-kritischsten Journalisten vom Haaretz, meldete sich am Donnerstag, 9. September mit für mich verstörenden Worten zu Gehör. Unter dem Titel «Ja, die palästinensischen Ausbrecher sind Freiheitskämpfer»  steht zu lesen: «Sie erhielten drakonische Strafen, die jede Verhältnismässigkeit widersprechen – Jahrzehnte ohne Hafturlaub, ohne legales Telefonat mit der Familie, manchmal sogar ohne Besuch von der Familie –  Jeder von ihnen erhielt eine mehrfach lebenslange Haftstrafe plus 20-30 Jahre. Warum sollten sie da nicht versuchen, zu fliehen.» Und dann das Bekenntnis, dass er den mehrfachen Mörder und Terroristen Zakaria Zubeidi sehr gut kennt, ihn sogar seinen Freund nennt. Doch damit noch nicht genug. «Bis vor etwa drei Jahren [damals war Zubeidi bereits wieder zur Ergreifung ausgeschrieben] habe ich ihn regelmässig mit Unterlagen versorgt, die er für seine Masterarbeit benötigte.»Offensichtlich wusste er, wo der Gesuchte zu finden war. Er half ihm also. «Sie [Zubeidi und Marwan Bargouti] sind genau das, was ich Freiheitskämpfer nenne. Kämpfer für die Freiheit von Palästina. Wie anders könnte man sie nennen?»

Ich bin für die Zwei-Staaten-Lösung, aber doch nicht um jeden Preis, und ganz sicher nicht um den Preis von Terror gegen Unschuldige. Freiheitskämpfer haben andere Qualitäten.

Die derzeitige Struktur des «Israel Prison Service», muss, von der Gefängnisleitung bis hinunter zum jüngsten Wächter dringend überdacht und von Grund auf neu aufgestellt werden. In der Hierarchie der Sicherheitsorganisationen Israels stehen der IPS an allerletzter Stelle. Wer es aufgrund fehlender Qualifikationen nicht in die Offiziersränge von IDF oder Polizei schafft, hat immer noch gute Chancen, im IPS Karriere zu machen. 

Das ist kein Vorwurf an die IPS an sich, sondern an die vergangene Regierung, die keinerlei Interesse daran hatte, ein starkes, gesundes und selbstbewusstes Rechtssystem in Israel zu fördern. Das gilt für die gesamte Hierarchie des israelischen Justizsystems. 

Dieser Ausbruch zeigt wieder, dass die neue Regierung ein schweres Erbe angetreten hat. Sie sind auch zwar nicht die Verursacher dieser Schwächen, müssen aber jetzt die Verantwortung dafür übernehmen. 

p.s. Sobald die beiden noch auf der Flucht befindlichen Terroristen gefangen worden sind, wird der Text entsprechend ergänzt.



Kategorien:Israel, Politik

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