Warum wird die Beziehung zwischen Katholiken und Juden nie mehr besser werden?

Seit dem 1. Vatikanischen Konzil (1869 – 70) gilt das päpstliche Wort, das er in Ausübung seines Amtes «ex cathedra» verkündet, als unfehlbar. Allerdings wurde bereits mit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962 – 65) relativiert: «Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben, kann im Glauben nicht irren.» Nur zwei Päpste machten bisher von ihrem Recht Gebrauch, ein Dogma zu verkünden. Pius IX. der 1854 das Dogma der «Unbefleckten Empfängnis Marias» verkündete und Pius der XII. der 1950 die «Leibliche Himmelfahrt Maria» kundtat. Auch ein drittes Marien-Dogma stand zur Diskussion. Sie sollte zur «Miterlöserin» erhoben werden, musste sich aber schlussendlich mit dem 1964 durch Paul VI. verliehenen Titel «Mutter der Kirche» zufriedengeben.

Der Papstsessel in der Lateranbasilika

Man kann es nicht wegdiskutieren, dass sowohl die von der katholischen Kirche so hochstilisierte und im Falle von Johannes Paul II., sogar in seinem Wahlspruch und Wappen genannte Maria, ebenso wie ihr Sohn Juden waren. Und zwar von der Geburt, bis zum Tod. Alles andere muss als ungerechtfertigte Geschichtsklitterung bezeichnet werden. 

Das Wappen v. Johannes Paul II. „toto tuus“ (ganz dein)

Auch die Evangelisten, sofern sie denn historische Zeitgenossen des historisch nicht einwandfrei belegten Jesus waren, waren allesamt Juden. Als man begann, die Anhänger der neuen Religion als Urchristen zu bezeichnen, schrieb man bereits das 1. Jahrhundert CE. Die einzige historische Quelle findet man Josephus Flavius (37 – 100 CE). Und auch hier ist es stark umstritten, ob sie nicht zu einem späteren Zeitpunkt durch christliche Autoren redigiert worden ist. Dieser schwärmerische Stil passt nicht zu seiner sonst nüchternen Berichterstattung. 

In seinem Buch «Jüdische Altertümer» finden wir folgenden «Bericht»: «Es trat aber zu der Zeit Jesus auf, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Mann nennen soll: Denn er war ein Täter von unglaublichen Werken, ein Lehrer von Menschen, die mit Freude Wahres annehmen, und er zog viele Juden, aber auch viele Griechen an sich: Dieser war der Christus. Und nachdem Pilatus ihn auf Anzeige der führenden Männer unter uns dem Kreuz überantwortet hatte, hörten diejenigen nicht auf, die ihn zuerst geliebt hatten: Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebendig, weil die göttlichen Propheten dies und unzählbar viel anderes Sonderbares von ihm gesagt hatten. Und noch bis heute ist der Stamm der Christen, der so von diesem benannt ist, nicht verschwunden.» Der letzte Satz darf als geschichtliche Manipulation angesehen werden, denn wann ist «heute»?

Die Anklage, so Flavius, war erhoben worden von «den führenden Männern». Da ist sie also, die bereits im frühen Christentum tradierte Lüge, dass die Juden Jesus ans Kreuz gebracht hätten. Und der römische Pilatus war «nur» derjenige, der sich ihrem Antrag beugte. Bei auch nur geringer Kenntnis der Umstände im vom Rom besetzten Palästina um die Zeitwende, muss es klar sein, dass dieser Vorwurf haltlos ist. Und trotzdem ist er immer noch einer der Kernsätze des wieder erstarkten weltweiten Antisemitismus. 

Der Stein in Caesarea, auf dem Pontius Pilatus erwähnt wird

Dass ein Mann namens Jesus tatsächlich gekreuzigt wurde, steht kaum zur Diskussion. Dass dieser Pontius Pilatus, der Richter Jesu’, der das Todesurteil sprach, tatsächlich eine historische Person ist, wird durch einen Steinfund in Caesarea, dem Wochenend-Wohnsitz der römischen Präfekten von Judäa belegt. 1961 wurde bei Grabungen dieser Stein entdeckt, der die Inschrift «pontius pilatus – praefect judaea» trägt. Also immerhin es ist bewiesen, dass er der zuständige und bekanntermassen harte Oberrichter von Palästina war. Aber er war nur der Richter für römische Bürger. Jesus war kein römischer Bürger. Er unterstand der Gerichtsbarkeit des Sanhedrins, des religiösen Gerichtshofes. Es ist unmöglich, dass der am Vortag des Pessachfestes, also zu dem Zeitpunkt, an dem das Urteil gefällt wurde, tagte. Darüber hinaus durfte der Sanhedrin kein Todesurteil verhängen. Offensichtlich war die Kreuzigung ein Fehlurteil, ausgesprochen und exekutiert vom falschen Gerichtshof. 

Das Apostelkonzil um 48 CE brachte eine bis dahin nicht vorhanden scharfe Trennung zwischen den Urchristen auf der einen und den Heiden/Juden auf der anderen Seite. Die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und die Einhaltung der jüdischen Gesetze hatte ab sofort nichts Gemeinsames mehr. Es war keine Beschneidung mehr notwendig, um in die neue Kirche aufgenommen zu werden. Die Taufe wurde zum Eingangsritual und es mussten auch keines der bisher gültigen Gebote mehr eingehalten werden. Da es noch keine allgemeine Schriftform des «Neuen Testaments» gab, wurde die Thora als dem «Heiligen Geist» untergeordnet angesehen. 

Das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum blieb gespannt. Bischof Melito von Sardes (2. Jahrhundert CE) hielt in einem Vortrag fest: «Hört es, alle Geschlechter der Völker, und seht es: Ein nie dagewesener Mord geschah in Jerusalem … der, der das All festgemacht hat, ist am Holz festgenagelt worden! Gott ist getötet, der König Israels ist durch Israels Rechte beseitigt worden!» Dieser Text weist starke antijudaistische Inhalte auf und gilt für ihn als Rechtfertigung für das Leid und die Verfolgungen, die Juden in der Diaspora erleiden müssen. Für mich ist dieser Text die Rechtfertigung, den Juden den «Gottesmord» zuzuschreiben und damit den modernen Antisemitismus zu begründen.

Erst das 2. Vatikanische Konzil widerrief den Vorwurf des «Gottesmordes» an Jesus und versuchte, eine Entspannung in die Beziehung zu bringen.

Benedikt XVI., vor seiner Papstwahl (2005) Präfekt der «Kongregation für Glaubens- und Sittenlehre», zwischen 1542 und 1798 auch als «Inquisitionsbehörde» bekannt, wähnte sich im Jahr 2008 noch in seinem alten Amt. Er nahm die Exkommunikation von Mitgliedern der nicht anerkannten Piusbruderschaft zurück und holte sie zurück unter den schützenden Mantel der katholischen Kirche. Unter den Rehabilitierten war auch Richard Williamson, ein notorischer Leugner des Holocaust. Ein erneuter Tiefschlag für eine katholisch-jüdische Verständigung. 

Er griff auch wieder zurück auf die «Karfreitagsfürbitten für die Juden», die seit dem Jahr 1570 bis 1956 das Judentum in den Status tiefster religiöser Verblendung und Finsternis (sic!) zurückwerfen wollte. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Text immer wieder überarbeitet, die schärfsten antijüdischen Spitzen abgeschliffen und gemildert. Ein ausgezeichneter Text zu diesem Thema stammt von Prof. Dr. Hubert Wolf vom 30.9.2004.

Benedikt XVI. gab im Jahr 2013 den Petrusschlüssel an Franziskus II. ab. Ein Papst aus Argentinien, mit guten Verbindungen innerhalb des Judentums. So sagte er, so glaubte oder zumindest hoffte man. Und so zeigte er es, indem er am 17. Januar 2016 bei seinem Besuch in der Grossen Synagoge von Rom sagte: «Besonders müssen wir Gott danken für den echten Wandel, den die Beziehung zwischen Christen und Juden in diesen 50 Jahren erfahren hat. Gleichgültigkeit und Gegnerschaft haben sich in Zusammenarbeit und Wohlwollen verwandelt. Von Feinden und Fremden sind wir zu Freunden und Brüdern geworden. Das Konzil hat durch die Erklärung Nostra aetate den Weg aufgezeigt: ›Ja‹ zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums; ›Nein‹ zu jeder Form von Antisemitismus, Verurteilung jeder Beleidigung, Diskriminierung und Verfolgung, die daraus hervorgehen. (…) Um sich selbst zu verstehen, können die Christen nicht von den jüdischen Wurzeln absehen, und auch wenn die Kirche das Heil durch den Glauben an Christus verkündet, so erkennt sie doch die Unwiderruflichkeit des Alten Bundes und die beständige und treue Liebe Gottes zu Israel an.» Franziskus beendete seine Ansprache mit dem Priestersegen. Luther, Calvin und Zwingli übernahmen den Segen bereits 1525, nach dem Konzil von 1962-64 kann er in katholischen Kirchen ebenfalls als Schlusssegen gesprochen werden. Der Text wurde wortwörtlich aus der Thora (Num 6:24-26) übernommen.

Also alles gut?

Bis zum 11. August dieses Jahres konnte man versucht sein, dies zu hoffen. Bei der Generalaudienz bezog er sich auf einen Galaterbrief, geschrieben vom Apostel Paulus. Dieser ist historisch gut belegt, er dürfte von etwa 10 bis 60 CE gelebt haben. Obwohl er mehrfach in Jerusalem weilte, hat er Jesus nie getroffen. Paulus’ Wandlung vom jüdisch-pharisäischen Christenverfolger zum christlichen Völkermissionar, gerne mit der Redewendung «vom Saulus zum Paulus» belegt, dürfte in das Reich der religiösen Mythen gehören. Wörtlich zitierte Franziskus II.: «…, dass der Bund mit Gott und das mosaische Gesetz in Wirklichkeit nicht untrennbar miteinander verbunden sind. Das erste Element, das er sich zunutze macht, ist die Tatsache, dass der von Gott mit Abraham geschlossene Bund auf dem Glauben an die Erfüllung der Verheissung gründete und nicht auf der Beachtung des Gesetzes, das es noch nicht gab. Abraham machte sich Jahrhunderte vor dem Gesetz auf den Weg.» Diesen letzten Satz kann man als historische, chronologische Tatsache stehen lassen. Als der Ruf an Abraham erging, war das der Beginn des langen Weges, der schliesslich zum Bund zwischen Gott und dem Volk Israel führte. In der Thora wird die Bedeutung des Bundes immer wieder betont. Die Verheissung «Ich werde euch so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel» (Gen. 26:4) und «Ich werde euch das Land, in dem Milch und Honig fliessen zu eigen machen» (Ex 33:1-3) wird nur dann erfüllt werde, wenn das Volk Israel sich an die Gebote, an das Gesetz hält. Es ist eine klassische «conditio sine qua non» Situation. Franziskus II. fährt fort: «Das Gesetz schenkt jedoch nicht das Leben, es bietet nicht die Erfüllung der Verheissung, denn es ist nicht in der Lage, sie umzusetzen. Das Gesetz ist ein Weg, der dich voranbringt zur Begegnung. Paulus gebraucht ein sehr wichtiges Wort: Das Gesetz ist der »Erzieher« auf Christus hin, der Erzieher auf den Glauben an Christus hin, also der Lehrmeister, der dich an der Hand zur Begegnung führt. Wer das Leben sucht, muss auf die Verheissung und auf ihre Erfüllung in Christus schauen.»

Was sollen diese verstörenden Aussagen bedeuten? Dass die Thora, unser tagtäglicher spiritueller und halachischer Begleiter, nach dem wir uns bemühen zu leben, überflüssig sein? 

Rabbiner Rasson Arousi, Vorsitzender der Kommission für jüdisch-christlichen Dialog in Israel hielt in einem Brief an Kardinal Kurt Koch, seinem Gesprächspartner im Vatikan fest: «In seiner Predigt bezeichnet der Papst den christlichen Glauben nicht nur als Ersatz für die Thora, sondern behauptet, dass diese nicht mehr lebendig ist. Das bedeutet nichts anderes, als dass die jüdische Religion überholt ist. Diese Haltung war ein wesentlicher Bestandteil der verächtlichen Haltung gegenüber Juden und dem Judentum, von der wir dachten, dass sie von der Kirche vollständig zurückgewiesen wurde.» 

Auch von christlicher Seite kamen Bedenken. John Pawlikowski, ehemaliger Direktor des jüdisch-christlichen Studienprogramms in Chicago kritisierte die Worte harsch «Das könnte im Wortlaut aus der Zeit vor dem Konzil stimmen.» Prof. Philip Cunningham von der St. Josefs Universität in Philadelphia meinte «Diese Worte können durchaus als Abwertung der Thora und der Gesetze verstanden werden.»

Sie können nicht durchaus, nein, sie sind nicht anders zu verstehen.

In einer kurzen Zeit, in einer knappen Stunde, so lange, wie die Generalaudienz dauerte, wurde der jüdische-christliche Dialog, sollte er denn je richtig an Fahrt aufgenommen haben, in eine vielleicht nicht wieder aufzuholende Zeit der Finsternis zurückgeworfen. Qui bono? Ist das möglicherweise Appeasement gegenüber dem Islam?

Wir Juden werden auch diese Demütigung überleben, so wie wir schon endlos viele Demütigungen durch die Kirche überlebt haben.

Shana tova ve gmar chatima tova!



Kategorien:Israel, Religion

Schlagwörter:, ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: