Wochenabschnitt: Ha’asinu,  Deut  32:1-52, 5. Buch 

ב“ה

11./12.Tishrei 5782                                         17./18. September 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)             18:02

Schabbatausgang in Jerusalem:                                        19:17

Schabbateingang in Zürich:                                               19:16

Schabbatausgang in Zürich:                                              20:17

Schabbateingang in Wien:                                                18:45

Schabbatausgang in Wien:                                                19:47

Fast klingt es so, als ob dieses letzte Lied Moses‘ unmittelbar vor seinem Tod alle Wehmut und alle Melancholie zulassen würde, die Moses sich in den vergangenen 40 Jahren nicht gestattet hatte. Das war die Zeit, in der er strenger Fährtensucher, Anführer und Verwalter des göttlichen Willens sein musste. „Hört mir zu ihr Himmel, ich will sprechen und lass die Erde die Worte aus meinem Mund hören.“ so beginnt der Wochenabschnitt.  Auch hier finden wir wieder die literarische Klammer, die uns schon in der vergangenen Woche aufgefallen ist. In Gen 1:1 heisst es „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“. Hier, fast am Ende der Thora beginnt der Wochenabschnitt wieder mit den beiden Dimensionen Himmel und Erde. Die ganze Thora handelt nur von den Geschehnissen auf der Erde, nur ganz selten spricht Gott aus dem Himmel zu sehr wenigen, ausgesuchten Menschen. 

Moses spannt den ganzen Bogen, er erzählt in diesem Lied nicht nur die Geschichte von der Flucht aus Ägypten, er erzählt die gesamte Geschichte der Menschheit, vom ersten Moment der Erschaffung, bis hin zur Erfüllung der Verheissung. Fast so, als wolle er jedem, der ihm zuhört, die Geschichte nahebringen. 

Der vierte Satz lässt bei mir, und ich bin sicher ebenso wie bei vielen anderen auch die Erinnerung an den Morgengottesdienst am Shabbat anklingen. Während ich jetzt schreibe, höre ich die Melodie des wunderbaren Liedes צור ישראל (Fels Israels), das vor der Amida gesungen wird. Gott als der Fels Israels, als der, der die Perfektion liebt, der gerecht ist, treu und ohne Winkelzüge. Gott als Identitätsgeber für das Volk Israel und der, der das kollektive Gedächtnis schafft. Welche Bedeutung der «Fels» für den Staat Israel hat, lesen wir in der Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948 «Mit Zuversicht auf den Fels Israels setzen wir unsere Namen zum Zeugnis unter diese Erklärung, …». Wie gross das Vertrauen in den «Fels» ist, erkennen wir daran, dass durch die «Operation Fels in der Brandung» Tausende von äthiopischen Juden nach Israel gebracht wurden. 

Gott hat Moses in der vergangenen Woche (Deut 31:19) aufgetragen, dieses letzte Lied den Kindern Israel «in den Mund zu legen», sie sollten es verinnerlichen und nie mehr vergessen. 

Fast scheint es, als hätte Gott schon die Kenntnisse der modernen Hirnforschung und der Tiefenpsychologie vorweggenommen. Trockene Worte und Musik sprechen unterschiedliche Hirnseiten an. Wollen wir uns Texte merken, so sprechen wir die linke Hirnhälfte, die logische, die rationale an. Musik spricht aber eher die emotionale, die rechte Hirnhälfte an. Moses’ zweites grosses Lied wird uns im Bereich der Gefühle und Emotionen erreichen. Wo wir mitsummen können, auch wenn wir nicht jedes einzelne Wort verstehen. 

Der Text wechselt ständig die Zeiten, er spricht von der Vergangenheit, dem Hier und jetzt und der Zukunft. Der Bogen der Geschichte wird gespannt aus den Erfahrungen, Erfolgen und Fehlschlägen der Vergangenheit, die das aktuelle Leben des Volkes Israel beeinflusst haben. Und sie weist in die Zukunft, von der Gott weiss, dass sie nach dem Tod Moses’ nicht unproblematisch werden wird. Nicht jeder hatte verinnerlicht, was hilfreich war. Es würde wieder Unruhen geben, Aufstände, Fehlentscheidungen. Trotz allen Warnungen die Gott ausspricht liegt über dem gesamten Text die Hoffnung, dass Gott seinem Volk, dass er uns immer wieder verzeihen und helfen wird. 

Erinnern wir uns des wunderschönen Liedes «Adon Olam». Darin heisst es «Er war, Er ist und Er wird sein in Herrlichkeit». 

וְהוּא הָיָה וְהוּא הֹוֶה

וְהוּא יִהְיֶה בְּתִפְאָרָה

Genau das ist es, was in den Sätzen dieses Wochenabschnittes steht. Gott wird uns nie im Stich lassen. 

Der Wiedererkennungswert eines Liedes, auch wenn er nur eine ganz kurze Sequenz ist, ist viel höher als der von Worten. Dieses zweite und zugleich letzte Lied Moses’ wird uns helfen, falls wir, trotz aller Bemühungen, doch einmal ins Straucheln geraten.

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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