Tschüss Angie, mach’s gut!

21. Tishri 5782

Als ich 1954 auf die Welt kam, hiess der erste deutsche Nachkriegsbundeskanzler Konrad Adenauer. 14 Jahre, von 1949 bis 1963 lenkte er die Geschicke des jungen Deutschlands. Bei seiner Wahl war der 1876 geborene Politiker schon 73 Jahre alt. Beim Ausscheiden bereits 87. Im März 1952 explodiert im Münchner Polizeipräsidiums eine Paketbombe, die an ihn adressiert war. Die Attentäter waren schnell gefunden. Fünf Israelis, die «Im Auftrag des Gewissens das jüdische Volk retten wollten». Sie waren Mitglieder des Irgun Zwai Leumi. Einer der führenden Köpfe war der spätere Ministerpräsident (1977 – 83) und Friedensnobelpreisträger Menachem Begin (Likud). Im Gegensatz zum damaligen PM David Ben Gurion lehnte Begin jede für Israel dringend notwendige finanzielle Leistung von Deutschland als «Blutgeld» ab. BK Adenauer und PM Ben Gurion entschlossen sich, den Vorfall möglichst herunterzuspielen, um die Verhandlungen zwischen den zwei Staaten nicht zu gefährden. Die zwei «Alten» verstanden sich und legten durch ihre gute Beziehung, die im Jahr 1960 im Hotel Astoria in New York begann, den Grundstein für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik.

PM David Ben Gurion und BK Konrad Adenauer 1960 im Hotel Astoria, NY

Diese wurden unter der Kanzlerschaft von BK Ludwig Erhard (1963 – 66) und PM Levi Eschkol (1953- 69) am 12. Mai 1965 ratifiziert. Westdeutschland wähnte sich im «Alleinvertretungsanspruch» für ganz Deutschland und schrieb in der Hallstein Doktrin fest, dass jede Aufnahme diplomatischer Beziehungen von Drittstaaten mit der DDR als «feindlicher Akt» gegenüber der Bundesrepublik verstanden würde. Der Besuch des DDR-Chefs Walter Ulbricht in Ägypten führte zwar nicht zur Anerkennung der DDR als Staat durch Präsident Gamal Nasser. Trotzdem fror die Bundesrepublik sämtliche Wirtschaftshilfen für das Land am Nil ein. Der Besuch in Ägypten war die Folge der deutschen Waffenlieferungen an Israel. Der Druck auf Bundeskanzler Erhard wuchs. Für Unverständnis führte die Akkreditierung des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers Rolf Pauls und dessen Stellvertreter Alexander Török, einem nicht ganz unumstrittenen ex-Ungarn. Die Zeitzeugin Inge Deutschkron bezeichnet in ihren Memoiren den Beginn der diplomatischen Beziehungen mit den Worten «… und am Anfang war es peinlich.»

BK Ludwig Erhard

Mit Kurt Georg Kiesinger (1966-69) regierte ein Mann in Deutschland, der offiziell im Jahr 1948 entnazifiziert wurde. Dennoch war sein Vorleben ein Zeichen für nicht umfassend aufgearbeitete Geschichte. Von 1933 bis 1945 war er Mitglied der NSDAP. Philipp Gassert schreibt in seiner Biografie: «Judenhass« war Kiesinger fremd, aber er habe ihn 1933 »nicht als ernsthafte Gefahr« betrachten können» und «… es fehle »jeder Anhaltspunkt, der erlauben würde, Kiesinger in die Nähe des Judenmordes oder in die Nähe von Schreibtischtätern wie Adolf Eichmann zu rücken«. Im Gegenteil, so fährt er fort «Kiesinger habe »ein deutliches Maß an Illoyalität und Resistenz gegenüber dem NS-Staat an den Tag« gelegt.» Israel beobachtete die mögliche Kanzlerschaft mit gemischten Gefühlen. Würde eine ehemaliges NSDAP Parteimitglied die durch Bundeskanzler Erhard eingeläutete freundschaftliche Diplomatie beibehalten? Als positiv wertete man die enge Beziehung zwischen Kiesinger und FJ Strauss, der ein ausgewiesener Israelfreund war. 

BK Kurt Georg Kiesinger und sein Finanzminister FJ Strauss

Willy Brandt war der erste sozialistische Bundeskanzler (1969 – 74). Als Exilant in Norwegen und seine sozialistische Arbeit im Untergrund war er frei von jedem Verdacht einer nationalsozialistischen Gesinnung. Im Juni 1973 besuchte er als erster deutscher Bundeskanzler Israel (Der Besuch Adenauers im Jahr 1966 bei Ben Gurion war privater Natur nach dem Ende seiner Amtszeit). Der Besuch stand unter keinem glücklichen Stern. Golda Meir, PM von 1969 bis 1974 war nach dem des Sechs-Tage-Krieges bereit, Friedensverhandlungen mit Ägypten zu führen und die im Krieg eroberten Gebiete zurückzugeben. Sie bat Brandt um Rat und Vermittlung. Der aber lehnte ab. Erstens, so vermuten Hagai Tsoref und Michael Wolffsohn in einem Artikel in der Welt «weil er kein grosses Interesse an engen Kontakten mit Israel hatte» und prinzipiell nicht «in Nahost vermitteln wollte». Israel wurde zum Störfaktor deutscher Wirtschaft- und Aussenpolitik. Vier Monate nach dem unseligen Besuch in Israel hatte Deutschland damit möglicherweise die Chance verpasst einen weiteren Krieg zu vermeiden. Am 25. Oktober 1973 begann der Yom Kippur Krieg. In seine Regierungszeit fiel der Terroranschlag auf die israelische Olympiamannschaft in München im Jahr 1972. Das organisatorische Missmanagement und die mangelhafte Kommunikation zwischen PM Meir und Kanzler Brandt führte letztlich zur Katastrophe am Flughafen Fürstenfeldbruck. 11 Israelis, fünf Terroristen und ein Polizist starben. 

Helmut Schmidtder von 1974 bis 1982 sein Nachfolger werden sollte, war damals noch Verteidigungsminister, argumentierte «…, dass in den USA immer noch mehr Juden lebten als in Israel, dass unsere Israel-Politik also stets leicht auf das Verhältnis zu den USA zurückwirken könne“. Schmidt, hatte durch seine professionelle und hervorragende Koordination bei der Sturmflut von Hamburg im Jahr 1962 den Ruf eines grossartigen und nüchtern agierenden Machers. Seine Regierungszeit war aber auch die des schlechtesten bilateralen Verhältnisses zwischen Israel und Deutschland. Es war die Zeit in der Menachem Begin als PM in Israel regierte (1977 – 83). Er war der erste Regierungschef des national-konservativen Likud, der aus der konservativ-nationalistischen Cherut Partei entstanden war. Begin, der schon zur Zeit Adenauers ein absoluter Gegner von Beziehungen zwischen Deutschland und Israel war, liess sich zu einer nie in dieser Form dagewesenen verbalen Attacke eines amtierenden Politikers gegen einen Kollegen. Er verglich seine Regierung mit der der Nazis, kritisierte dessen Zeit als Wehrmachtsoffizier und machte alle Deutschen für den Holocaust verantwortlich. Es war einfach nur beschämend. Die Verkaufsabsichten von Leopard 2 Kampfpanzern an Saudi-Arabien mögen zwar der aktuelle Auslöser dieses diplomatischen Tiefstandes gewesen sein. Dahinter aber lag eine persönliche, lang zurückliegende Geschichte von zwei Politikern. 

Helmut Kohl (1982-98) ist der Kanzler, den viele junge Deutsche als den einzigen Kanzler ihrer Kindheit und Jugend erleb haben. Trotz der (über)langen Amtszeit bleibt Kohl in Bezug auf Israel recht vage. 1984 und 1995 besuchte er das Land. Als Nachwirkungen der Amtszeit von Helmut Schmid litt die deutsch-israelische Beziehung noch unter den Waffenlieferungen an die Saudis. Als im Jahr 1930 Geborener formulierte er im Vorfeld seines Besuches den Begriff der «Gnade der späten Geburt». Kein Deutscher dieser Generation könne am Nationalsozialismus und dessen Spätfolgen schuldig sein, so sein Argument. Der Mann, dem er, gewappnet durch die Kraft dieser Aussage in der Knesset gegenübertreten wollte, Menachem Begin, war aber am Tag zuvor zurückgetreten. Sein Nachfolger, PM Jitzchak Shamir (1983-84) hatte, wie ein Briefwechsel belegt, Probleme mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Und Kohl seinerseits hatte irreparable Probleme mit den Israelis.

Sein Nachfolger Gerhard Schröder (1988 bis 2005) bereist vom 28. Oktober bis zum 1. November 2000 Israel und wurde dort von PM Ehud Barak empfangen. Dies war sein einziger Besuch während seiner Regierungszeit. Und auch das einzige medial aufbereitete Thema seiner Amtszeit in Bezug auf Israel. 

Zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (2005 bis 2021) fällt einem spontan einiges ein. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehatte, die erste Kanzlerin der Nachkriegsgeneration (geb. 1954) und die erste Kanzlerin, die zwar in Hamburg geboren wurde, aber in der DDR aufwuchs. Als Merkel im Jahr 2008 in der Knesset sprach, prägte sie den Satz, dass die Sicherheit Israels unverhandelbare deutsche Staatsräson sei. Sei reiste in den Jahren 2006, 2007, 2008, 2009, 2011, 2014, 2018 nach Israel. Der letzte Besuch als Kanzlerin vor wenigen Wochen wurde wegen der Krise in Afghanistan auf den kommenden Oktober verschoben. Eine ihrer grössten Errungenschaften im deutsch-israelischen Verhältnis ist die Schaffung der Deutsch-Israelischen Regierungskonsultationen. Merkel erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten in Jerusalem und Haifa. Als im Jahr 2012 in Deutschland die Frage der Beschneidung heiss diskutiert wurde, bezog sie einer seltenen Aussage Stellung: «Ich werde es nicht akzeptieren, dass Deutschland das einzige Land in der Welt sein wird, in dem Juden nicht ungehindert ihre Rituale leben dürfen.» Charlotte Knobloch, Präsidentin der jüdischen Gemeinde in München spricht für viele, wenn nicht die meisten Juden weltweit. «Ich bin traurig, dass sie die politische Bühne verlässt.» Rabbi Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Konferenz europäischer Rabbiner hält fest: «Sie hinterlässt ein gemischtes Erbe, aber eines, bei dem das Positive deutlich das Negative übersteigt.» Ihre klare Haltung für eine Zwei-Staaten-Lösung belastete immer wieder ihr Verhältnis zum ehemaligen PM Netanyahu. Dass BDS in Deutschland zu den klar antisemitisch geprägten NGO’s gerechnet ist ebenfalls ihrer Politik zu verdanken. 

Es ist jetzt 18:30 am Wahlabend (26.09.21). Es sind die Wahlen, bei denen alles anders ist. Normalerweise laufen um 18:01 die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme. Wegen der Corona Vorschriften werden sich die Zahlen verzögern. 

Ein Zufallsfund im Netz…..

Eines ist klar: Die offizielle Amtszeit von Angela Merkel ist vorbei. Noch darf sie sich nicht in den Ruhestand begeben. Sie bleibt im Amt, bis ihr Nachfolger (Nach einer Nachfolgerin sieht es leider derzeit nicht aus) vereidigt wird. Und das kann einige Wochen oder Monate dauern. Sie wird ihr Amt weiterhin in ihrer bekannten pragmatischen Art ausführen. 

Und dann darf sie sich mit Fug und Recht nach einer erfolgreichen Kanzlerschaft in die Uckermark zurückziehen und dort gemeinsam mit ihrem Ehemann Joachim Sauer den neuen Lebensabschnitt geniessen. Israel verliert eine verlässliche Partnerin, es bleibt zu hoffen, dass der neue Kanzler von Deutschland diesen Weg weitergeht. 

Danke Angie, ich wünsche dir von Herzen noch ein langes, wunderbares Leben!



Kategorien:Aus aller Welt, Israel, Politik

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