Wochenabschnitt: Bereshit, Gen. 1:1 – 6:8 

ב“ה

Marc Chagall, Garten Eden

25./26.Tishrei 5782                                         1./2. Okt 2021  

Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)              17:44

Shabbatausgang in Jerusalem:                                         18:59

Shabbateingang in Zürich:                                                 18:47

Shabbatausgang in Zürich:                                                19:49

Shabbateingang in Wien:                                                  18:16

Shabbatausgang in Wien:                                                 19:17

Am vergangenen Dienstag oder Mittwoch, je nachdem ob wir in Israel oder im Ausland waren, haben wir das 5. Buch Moses beendet und mit der Lesung der 1. Buches begonnen. Es ist der Augenblick, an dem uns die immer wieder neu beginnende Beziehung zwischen Gott und den Menschen bewusst wird, der Kreislauf ohne Anfang und ohne Ende. Dazwischen gibt es keinen Bruch, es ist ein nahtloser Übergang. 

Dieser erste Wochenabschnitt im Jahresverlauf ist der, der voll ist von prallem Leben. 

בְּרֵאשִׁית, בָּרָא אֱלֹהִים, אֵת הַשָּׁמַיִם, וְאֵת הָאָרֶץ

Bereshit bara Elohim et ha’shamajim ve et ha’aretz. Am Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde.

Als Kind war ich immer fasziniert, wenn ich diesen Text hörte und später auch selbst las. Natürlich hinterfragte ich in der Zeit noch nichts. Erst später fiel mir auf, dass Gottes scheinbar so perfektes Werk nach unserer modernen Erziehung und Wissensstand auch «Ecken und Kanten», sprich Ungereimtheiten aufwies. Muss denn nichts alles, was von Gott geschaffen wird, fehlerfrei und perfekt sein? Wir werden sehen. 

Zunächst geht auch alles gut, Licht und Dunkel am ersten Tag, der Himmel am zweiten Tag. Land und Meer, sowie Pflanzen am dritten Tag. Sonne, Mond und Sterne am vierten Tag. Die Erschaffung von schwimmenden und fliegenden Tieren am fünften Tag ist verbunden mit dem ersten Gebot«Seid fruchtbar und vermehrt euch!» Der sechste Tag beginnt mit der Erschaffung der auf dem Land lebenden Tiere. Gen 1:26-1:31 berichtet über das, was Gott sich vielleicht als seine erste Erfolgsstory vorgestellt hat, den Menschen. «Lasst uns (einen) Menschen machen, nach unserem Bildnis und uns ähnlich.» Und so geschah es, ein Mensch, geschaffen aus Erde, אָדָם

Als «Adam» bezeichnet ihn Gott, als «Mensch aus Erde». Ein Mensch, der gleichzeitig männlich und weiblich ist זָכָר וּנְקֵבָה. Was bedeutet das? Nachdem man zu der Zeit, als die Thora entstand, sicher noch nicht die heute allgegenwärtige Genderdiskussion geführt hat, muss die Lösung in einem anderen Detail stecken. Schaut man ganz genau in den Text, so liest man, dass Gott an dieser Stelle von sich im Plural spricht: «Wir werden einen Menschen erschaffen.» Nachdem auch der pluralis majestatis noch unbekannt war, muss die von Gott gewählte Form einen anderen Sinn haben. Beides zusammengenommen kann bedeuten, dass der Mensch in seinen zwei Formen gleichwertig in Bezug auf die gegenseitige Wertschätzung ist. Es gibt gegenüber Gott keinen Unterschied, ob männlich oder weiblich. Ihre Beziehung zu Gott aber ist geprägt von Ähnlichkeit, aber nicht von Gleichheit. Ein wesentlicher hierarchischer Unterschied, der die Menschheit bis heute begleitet. 

Für die Menschen hat Gott gleich mehrere Gebote: «Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, macht sie euch untertan, schont sie und herrscht über alle Tiere.»

Den siebten Tag, den Shabbat, segnete er und heiligte ihn für alle Zeit. Danach ruhte er. 

Und jetzt geschieht Erstaunliches. War Adam bisher ein Golem? In der rabbinischen Tradition gilt ein Golem als «unfertig». In den Sprüchen der Väter (5:10) gilt er als «ungebildeter Mensch». Ist also der Adam, der am sechsten Tag erschaffen wurde bisher nichts anderes als eine tönerne Figur?

Oder wie kann sein, dass in Gen. 2:7 zu lesen steht: «Gott formte aus der Erde einen Menschen und blies ihm den Lebensatem ein. So wurde aus ihm ein lebendiges Wesen.»

Hier ist nur mehr die Rede von einem einzelnen Menschen. Was ist mit dem ersten Paar geschehen? In der Thora finden wir keine Antwort auf diese Frage. Nur einmal, beim Propheten Jesaja 34:15 finden wir einen kleinen Hinweis. «Auch Lilith, das Gespenst der Nacht, ruht hier aus». Ist diese Lilith tatsächlich die erste weibliche Form des Menschen? Es gibt über sie nur Legenden und die mag jeder, der interessiert ist, selbst lesen. 

Kurz, das erste Erfolgsmodell Gottes schien gescheitert zu sein. Doch er gibt nicht auf. Im Gegenteil. Gott schuf für den Menschen den Garten Eden. Ein wahrhaft paradiesisch zu nennendes Gebiet. Er übergibt es ihm, verbunden mit einem strikten Verbot: «Alles darfst du essen, nun von diesem Baum der Erkenntnis, was gut und böse ist, darfst du nicht essen.» (Gen 2:17)

In diesem Zauberland schuf Gott eine Gefährtin für Adam. Allerdings wird in dieser zweiten Schöpfungsgeschichte nicht mehr erwähnt, dass sie beide nach Gottes Bildnis und ihm ähnlich seien, auch nicht, dass beide, nun als Mann und Frau definiert gleichberechtigt sind. Eva, geschaffen aus der Rippe des Adam, wird immer abhängig von ihm sein. Ein Zustand, der sich erst im 20. Jahrhundert langsam zu ändern begonnen hat. 

Eine Rechtfertigung für das ungleiche Menschenbild zwischen Mann und Frau, unter dem wir so lange gelitten haben, finden wir in der Szene, in der Eva, von der Schlange verführt, eine Frucht vom Baum der Erkenntnis nimmt, und diese auch Adam anbietet. Dieser nimmt sie an. Man kann beide, Adam und Eva naiv nennen. Sie haben sich dem Gebot Gottes widersetzt und müssen jetzt mit den Folgen leben. 

Gott vertreibt sie aus dem Garten Eden. Gut, diese Strafe ist sicher gerecht. Aber die Begründung wirkt befremdlich. Gott, der den Menschen doch in seinem Bildnis und ihm ähnlich geschaffen hatte, scheint nun an seiner eigenen Schöpfung zu zweifeln. «Er ist nun wie einer von uns geworden. Er kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wenn er jetzt noch vom Baum des Lebens essen würde, so würde er ewig leben.» (Gen. 3:22)

Wir stehen wieder ganz am Anfang der Geschichte, die von ihren Anfängen bis zum Erreichen des versprochenen Landes führen wird. Als Geschenk nehmen wir mit, dass wir seit diesen frühesten Tagen entscheiden können, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen, was wir tun und was wir nicht tun wollen. 

Gott hat immer wieder Vertrauen in uns gesetzt. Zeigen wir uns dieses Vertrauens würdig, indem wir versuchen, immer den geraden Weg zu gehen, auch wenn er manchmal der Beschwerlichere ist. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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