In vino vertias

6. Cheshwan 5782

Offensichtlich wussten das nicht nur die alten Römer, sondern auch die Byzantiner, die nach dem Zerfall des Römischen Reiches auch im damaligen Palästina regierten. 

Wein war das erste bekannte alkoholische Getränk. Bereits in der Torah lesen wir davon in Genesis 9:20 – 27, dass Noah nach dem Ende der Flut einen Weinberg anlegte. Der erste Wein muss ihm so gut geschmeckt haben, dass er sich daran berauschte. Die Folgen sind nicht angenehm, weder für ihn noch für seinen Sohn Ham. Der lachte seinen Vater in seiner Blösse aus und wurde dafür von ihm verflucht. 

Bereits Kaiser Probus (232-282 CE) hielt fest: «…, dass allen Galliern, Briten und Spaniern erlaubt ist, Reben zu besitzen und Wein herzustellen.» Kaiser Probus gilt als Vater des Weinanbaus nördlich der Alpen.

Wein war über Jahrhunderte hinweg das Getränk, das man in stark verdünnter Form zu sich nahm, um die Gefährdungen durch verschmutztes Trinkwasser zu mindern. Später kam auch stark verdünntes Bier dazu. 

Den Wein muss man sich damals als sehr saures Getränk vorstellen. Weniger ein Genussmittel, dafür eher eine Lebensversicherung. Oder sogar eine Art Medizin. Als solches war er sogar später im Islam gestattet. 

In Israel ist es Routine, vor Beginn jeder grösseren Überbauung den Boden gründlich zu untersuchen. Und immer wieder stossen die Mitarbeiter der Antiquitätenbehörde auf erstaunliche Funde. 

Zwischen Tel Aviv und dem Flughafen Ben Gurion liegt die Stadt Yavne. Die Wurzeln der Stadt gehen zurück bis etwa 3.000 BCE, sie verlor aber schnell an Bedeutung und wurde erst nach 1949 als Stadt für Einwanderer auf den Ruinen des ehemals arabischen Ortes Yibna gebaut. Heute ist Yavne durch die Nähe zu Tel Aviv und zum Flughafen zu einer begehrten Stadt geworden. 

Die Stadt sollte Richtung Süden erweitert werden. Und so machten sich zunächst die Archäologen an die Arbeit. Und sie wurden fündig!

Heute würde man den Komplex als Weinkellerei bezeichnen. Über das Alter der Anlage ist man sich, zumindest in den Medien, noch nicht einig. Die Angaben variieren von 1.500 bis über 2.000 Jahren. Einig ist man sich über das geopolitische Zeitalter der Entstehung zur Zeit der byzantinischen Herrschaft im damaligen Syrien. Palästina wurde politisch Syrien zugeordnet, also reden wir von der Zeit zwischen 313 und 636 CE. Somit kann das Alter mit etwa zwischen 1.400 und 1.700 Jahren angegeben werden. [Auf der Webseite der Antiquitätenbehörde findet sich derzeit noch kein Eintrag.]

Luftaufnahme des Grabungsgebietes © IAA

Das gesamte Gelände umfasst etwa 7.500 m2 und ist damit nur geringfügig kleiner als ein Fussballfeld für internationale Fussballspiele (7.140 m2). Die Jahresproduktion wird auf unglaubliche 2 Millionen (!) Liter geschätzt. Das entspräche pro Presse 400.000 Lt/p.a., resp. 1.095 Lt/p.d.

Fünf Weinpressen kam insgesamt zum Einsatz. Jede von ihnen wies eine Fläche von 223 m2 auf und eine Tiefe von etwa 1 m auf. 

Zwischen den Weinpressen befanden sich jeweils Lagerhäuser mit grossen Brennöfen. Dort wurden offensichtlich die Lager- und Transportgefässe für den Wein hergestellt. Die aufgefundenen, teils sehr gut erhaltenen Tongefässe belegen, dass der Wein aus Yavne  zur Zeit der Byzantiner in die gesamte Levante geliefert wurde. Fundstellen des sogenannten «Gaza Yar» belegen, so der Ausgrabungsleiter Jon Seligman«…dass der «Gaza und Ashkelon Wein» als leichter, sehr begehrter Weisswein nach Ägypten, in die Türkei, nach Griechenland und nach Süditalien geliefert wurde.» Und er betont die Bedeutung von Wein zu dieser Zeit «In der Antike wurde Wein oft als Ersatz für Wasser getrunken. Dieses war oftmals mit Schad- und Schmutzstoffen belastet. Sogar Kinder tranken Wein. Er war eine wesentliche Nahrungsquelle.»

©IAA

Selbstverständlich standen auch ausreichend Lagerräume zur Verfügung, um den Wein nach dem Keltern gären zu lassen und anschliessend in die Tongefässe abzufüllen. Die gesamte Infrastruktur lässt auf eine durchaus optimale Planung des Herstellungsprozesses schliessen. Die Wege zwischen den einzelnen Produktionsorten sind genau durchdacht und optimiert. 

©IAA

Dass die Eigentümer des Weinkellers es zu einigem Reichtum gebracht haben, lässt sich aus den prächtigen, oft muschelförmigen Verzierungen ableiten. 

Im Zuge der Ausgrabungen entdeckte man auch eine Weinpresse aus der Zeit der Perser, die von 538 – 333 BCE das Land beherrschten. Auch hierfür fanden die Archäologen eine Erklärung. «In der Mischna (der mündlichen Überlieferung der Torah) steht, dass nach der Zerstörung des zweiten Tempels die jüdische Führungselite nach Yavne auswanderte. Die Weisen lebten dort in Weingärten und studierten die Torah. Diese Ausgrabung [aus der byzantinischen Zeit] belegt die Fortsetzung der Weinproduktion über viel Jahrhunderte.»

Vor Beginn des Winters muss die Ausgrabung völlig zugedeckt werden, um Wetterschäden zu verhindern. Vorher wird es allerdings noch einige Führungen geben. Zu einem späteren Zeitpunkt wird der Ort wettersicher gemacht und als archäologischer Park der Öffentlichkeit offenstehen.

Es gibt auch in Europa Zeugen von Weinanbau in der Antike. 

Im Norden Portugals, an den Schieferhügeln des Duoro Tales wird seit 2000 Jahren Wein angebaut. Bekannt ist die Region für den weltbekannten Portwein. Seit 1756 gilt das Gebiet als gesetzlich geschützte Weinbauregion, seit 2001 zählt sie zu den Weltkulturerben. Hier wird, auch aufgrund der topografischen Situation noch von Hand geerntet.  Auch das Quetschen der Trauben erfolgt ganz traditionell – mit den Füssen.

Ebenfalls nahezu 2000 Jahre alt ist das österreichische Weingut «Nikolaihof» in der Wachau. Heute arbeitet die Kellerei ganz nach den strengen Regeln der «Demeter» Zertifizierung. An die uralte Tradition erinnert der römische Weinkeller, in dem der Wein bis zu 20 Jahren reift und lagert. 

Auch das Moseltal weist eine über 2000 Jahre lange Weinanbaukultur auf. An den teils extrem steilen, mit Schiefer bedeckten Hängen wurde von den Römern die uralte Rebsorte «Elbling» angebaut. Der steilste Weinberg hat eine Neigung von 65° und stellt bis heute eine extreme Herausforderung für den Winzer dar. Fast gleich steil ist der «Berncasteler Doctor» mit 60 – 65° Neigung. Dieser Weinberg gilt als derzeit teuerster in Deutschland.

Der „Bernkastler Doktorberg“

1700 Jahre alt ist der «Römerwein aus Speyer». Unter dem verharzten Bodensatz in der Flasche befindet sich ein kleiner flüssiger Rest, der nach einer ausführlichen Analyse eindeutig als Wein identifiziert wurde.

Der «1540er Steinwein» aus Würzburg schien bei der Flaschenöffnung noch trinkbar zu sein. Allerdings verlor er bei der Berührung mit Luft sehr schnell jeden Geschmack.

Santé, Cheers, Prost, l’Chaim!



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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