Wochenabschnitt: Lech Lecha, Gen. 12:1 – 17:27 

ב“ה

9./10. Cheshwan 5782                                                15./16. Okt 2021  

Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                        17:27

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                   18:42

Shabbateingang in Zürich:                                                           18:20

Shabbatausgang in Zürich:                                                           19:22

Shabbateingang in Wien:                                                               17:48

Shabbatausgang in Wien:                                                              18:50

Der Wochenabschnitt der vergangenen Woche endete damit, dass Avrams Vater Terach, gemeinsam mit seiner Familie den Heimatort Ur verliess um in das Land Kanaan zu ziehen. Allerdings liess sich die Familie in schon in Charan nieder, wo Terach verstarb. 

In dieser Woche können wir bereits erahnen, dass Avram und seine Frau Sarai die ersten Stammeltern des zukünftigen Volkes Israel sein werden. 

Erneut wählt Gott einen Menschen aus, um seinen Willen durch ihn zu erfüllen. Mit Noah hatte er den ersten Bund geschlossen und als ewiges Zeichen dafür den Regenbogen geschaffen. Nun fordert er Avram auf, aus Charan fortzugehen, sein Vaterhaus und seine Familie zu verlassen und in das Land zu ziehen, das er ihm zeigen wird. Gott gibt in Gen. 12:2-3 das erste grosse Versprechen „Ich werde dich zu einer grossen Nation machen und deinen Namen gross werden lassen. Ich werde dich segnen, damit du zu einem Segen wirst. Ich werde die segnen, die dich segnen und die verfolgen, die dich verfolgen. Durch dich werden alle Familien auf der Erde gesegnet sein.“ 

75 Jahre alte war er, als er Charan verliess. In einem Alter, in dem sich die meisten Menschen auf den Ruhestand an einem sicheren und vertrauen Ort freuen, packte er alles zusammen und marschierte los. Ohne zu hinterfragen. Ohne zu zweifeln. Damit hatte er die erste Prüfung bestanden. In der Mischna, Pirkei Avot Kap. 5:4 steht zu lesen: „In zehn Prüfungen wurde Avraham erprobt, und er bestand sie alle, zu zeigen, wie gross unseres Vaters Avrahams Liebe zu Gott war.“

Bei Noah haben wir erfahren, warum Gott gerade ihn ausgewählt hat, als einziger Mensch mit seiner Familie zu überleben. Warum Gott aber Avram ausgewählt hat, der erste Stammvater zu werden, wir wissen es nicht. Unsere Weisen haben deshalb die zehn Prüfungen in Pirkei Avot eingefügt und sie in einen grossen Kontext von anderen bedeutenden Ereignissen gestellt. Von der Erschaffung der Welt, bis hin zu den zehn Plagen, die Gott über Ägypten kommen liess, um Pharao zu überzeugen, die Israeliten ziehen zu lassen. 

Avram und seine Familie hatten ein unruhiges Leben. Eine Hungersnot kam über das Land Kanaan, wo sie sich angesiedelt hatten, und so mussten sie weiter nach Süden ziehen, nach Ägypten. Aber hier überkamen ihn erstmals Zweifel. 

Sarai war eine wunderschöne Frau, die zweifellos von einem Adeligen, wenn nicht sogar vom Pharao selbst begehrt werden würde. Würde Gott ihm auch hier helfen? Avram ist sich unsicher und hat Angst, um Sarais Willen getötet zu werden. So gibt er sie als seine Schwester aus. Gab es bei den Pharaonen einen Harem, oder wurde sie dem Pharao angetraut? Sarai wurde unmittelbar nach der Ankunft in den Palast gebracht. Avram wurde mit Tieren, aber auch mit Knechten und Mägden beschenkt. Er war nun ein wohlhabender Mann, aber um welchen Preis? Was würde geschehen, wenn der Pharao hinter seine List käme?

Gott rettet ihn aus seiner Pein. Er schlug den Pharao mit schweren Plagen, die dieser sofort mit Sarai und Avram in Verbindung brachte. Ob es zehn waren, so wie später, als ein anderer Pharao zehn Plagen ertragen musste, bis er die Israeliten endlich ziehen liess, wissen wir nicht. Furchtsam, was noch geschehen würde, schickt er Sarai zurück und lässt beide, mit allem, was sie als Geschenk erhalten hatten ziehen.

Sie wandern hinauf bis Bet-El, in der Nähe von Jerusalem, wo er schon früher einen Altar gebaut hatte. Obwohl das Land gross war, kam es zu familiären Spannungen und Avram trennte sich von seinem Neffen Lot. Avram siedelte nun in Kanaan und Lot ging mit den Seinen nach Sodom. Mit diesem Ort hatte er schlecht gewählt. Wohl war das Land fruchtbar, aber die Menschen, die dort lebten, lebten in Sünde gegen Gott.

Avram erhielt von Gott eine weitere Prophezeiung. An einer Stelle, die den Blick im 360° Winkel über alles Land ermöglichte, versprach Gott, ihm das gesamte Land zu eigen zu geben und ihm Nachfahren zu schenken, so viele dass man sie nicht würde zählen können. Avram zog in die Gegend von Hebron, wo er sich niederliess. Er hoffte dort auf ein ruhiges, gottgefälliges Leben. 

Doch wieder musste er sich einer Prüfung durch Gott unterziehen. Lot, man könnte fast sagen, der Pechvogel war den Feinden der Könige von Sodom und Gomorra in die Hände gefallen. Avram machte sich mit einem Tross von zuverlässigen Kriegern aus seinem Haus auf, seinen Neffen zu retten. Er musste bis nach Damaskus gehen, um ihn endlich retten und nach Hause bringen zu können. Die Dankesgeschenke des Königs von Sodom lehnte er ab, er wollte sich nicht bereichern, obwohl in kein Verdienst traf. Avram war sich durchaus bewusst, dass die Rettungsaktion nur dank Gott und seiner schützenden Hand gelungen war. 

Prompt wird er mit einer Vision belohnt, die ihn aber unendlich traurig stimmte. „Fürchte dich nicht, Avram, ich bin dein Schild; dein Lohn wird sehr gross sein.“

Avram ist verzweifelt. Seine Ehe mit Sarai war kinderlos geblieben und nun war Sarai in einem Alter, wo es unmöglich war, noch schwanger zu werden. Und, wie wir heute aus der Medizin wissen, lässt auch die Zeugungsfähigkeit von Männern im Greisenalter deutlich nach. Wie sich heute jeder Patriarch, oder auch jede Matriarchin fragt, was nach ihrem Tod werden soll, wenn es keine Erben gibt, so fragt sich auch Avram, ob es wohl sein Haussklave sein wird, der das Erbe einst antreten wird. 

Gott zeigt Sarai eine Möglichkeit, wie sie beiden doch ein Kind geschenkt bekommen könnten. Heute könnte man sagen, dass die ägyptische Dienerin Hagar die Leihmutter von Ismael gewesen ist. Genetisch war Avram der Vater, während die genetische Mutter Hagar war. Nach dem damaligen Familienrecht galten aber beide, Avram und Sarai als leibliche Eltern des Kindes. Schwierige Familienverhältnisse, die heute meist mit einem Vertrag geregelt werden. 

Sarai kann nur schwer mit der Schwangerschaft ihrer Dienerin umgehen, sie fühlt die innere Zerrissenheit, Mutter zu sein, ohne ein Kind geboren zu haben. Und es plagt sie auch die Eifersucht. Hagar hat ein schweres Leben bei ihr. Doch ihr erscheint ein Engel und verspricht, auch ihre Kinder würden so zahlreich, die wie Sterne am Himmel sein (Gen 16:10).

Wiederum erscheint Gott Avram und geht einen neuen Bund mit ihm ein. In Gen 17:1-14 fordert er die Beschneidung von allen Knaben im Alter von acht Tagen soll das Zeichen des Bundes sein. Ab diesem Moment ändert Gott den Namen von Avram auf Abraham und von Sarai auf Sara. Er verspricht, dass auch Sara noch ein leibliches Kind empfangen und gebären wird. Abraham lachte ob dieses Versprechens, eine 90jährige Frau und ein 100jähriger Mann sollten Eltern werden? Doch Gott wiederholte das Versprechen und nannte auch schon den Namen des noch ungeborenen Knaben. Isaak sollte er heissen, in Erinnerung daran, dass Gott seinen Vater zum Lachen gebracht hatte.

Auch dem erstgeborenen Sohn Ismael versprach er ein langes Leben mit zahlreichen Nachfahren. Abraham war bei seiner Beschneidung 99 Jahre alt, Ismael hingegen war 13 Jahre. So geschieht es auch heute noch weltweit. 

Jüdische Knaben werden mit 8 Tagen beschnitten, muslimische mit 13 Jahren. In der Diskussion des Beschneidungsverbotes, die in den letzten Jahren immer wieder hochemotional diskutiert wurde, ging es ausschliesslich um jüdische Babys. Dieses antisemitische, man kann sagen Lieblingsthema neben dem Schächtverbot, ist ein Zeichen von ausgeprägtem Antisemitismus, der sich leider in den letzten Jahren wieder stärker in der Gesellschaft zeigt. 

Schon der zweite Wochenabschnitt lässt erahnen, wie voll mit Leben die ganze Torah ist. Es geht immer wieder um Menschliches, aber auch um Göttliches. Es geht um Machtkämpfe und um Familienstreit. Es geht um Prophezeiungen, Visionen, Verträge und, wie wir es heute nennen, auch um Deals. 

Auch wenn wir den Text Jahr für Jahr lesen, wir finden doch immer wieder Neues, bisher nicht Entdecktes. 

Bleiben wir neugierig,

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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