Naschwerk – Pantscherl und Antisemitismus, das morbide Wien um die Jahrhundertwende

25. Chechschwan 5782

«Es fliessen ineinander Traum und WachenWahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.
Wir wissen nichts vom andern, nichts von uns;
Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug.»

Arthur Schnitzler gegen Adele Sandrock, ein Briefwechsel

Arthur Schnitzler baute diesen Satz in seinen Einakter «Paracelsus» ein, dessen Uraufführung im Jahr 1899 auch sein Kollege Sigmund Freud im «Theater an der Wien» gesehen hatte. 

In Wien hatte die Kaffeehauskultur ihren Höhepunkt erreicht. In jedem der Wiener Gemeindebezirke gab es die beliebten Treffpunkte. Für die Herren. Und für die Damen. In den Kaffeehäusern für die Herren waren Damen nicht erwünscht. Das gastronomische Angebot war deftig, es gab den Leseraum und den Billardraum, die Luft war meist rauchgeschwängert. Nur die Sitzkassiererinnen waren die geduldet. 

Genreszene mit Sitzkassierin, Marqueuren und Billardspielern. Café Wien, Wien VIII., Alserstraße 15. Um 1900. Photographie. © 00472076 Imago Austrian Forum

In den Cafés für die Damen ging es deutlich leiser zu. In Séparées konnte sich treffen, wer vor den Augen der Allgemeinheit geschützt sein wollte. Sei es, weil man ein «Pantscherl» miteinander hatte und dies geheimhalten wollte. Oder auch, um den neuesten Tratsch ungestört weitergeben zu können, Beziehungen zu pflegen, Ehen anzubahnen. Das Hotel Sacher war bekannt für die Séparées, die vom Café direkt in die Hofburg geführt haben sollen. Hier gab es vor allem Süssigkeiten, aufwendige Kreationen, durch die sich die Zuckerbäcker einen Namen machten. 

Im Sacher, nach dem Tod ihres Mannes Eduard ab 1892 geführt von Anna Sacher gab es die originale Sachertorte. Sie war nicht nur die erste in diesem Gewerbe tätige selbstständige Frau, sie war auch die erste, die die Auszeichnung «k.u.k. Hoflieferant» weiterführen durfte. 

Im Demel führte etwas später, ab 1917 ebenfalls eine Frau, Anna Demel die Geschäfte ihres Ex-Schwagers weiter. Nachdem zu den Lieblingsnaschereien von Kaiserin Sisi die kandierten Veilchen gehörten, durfte auch das Demel sich «k.u.k. Hoflieferant» nennen. Frau Demel war die erste Frau, der im Jahr 1952 der Titel «Kommerzialrätin» verliehen wurde.

Die Kreation der weltberühmten Schokoladentorte, sei sie nun aus dem Hause Sacher oder Demel, wäre nicht möglich gewesen, ohne die von Schweizer Rodolphe Lindt 1879 erfundene Conchiermaschine, die während eines stunden- bis tagelangen Knet-, Misch- und Lüftungsprozesses die Schokoladenmasse zur gewünschten zartschmelzenden Struktur bringt. Dank des Kaufes dieser grandiosen Maschine konnte das Sacher die Nachfrage nach Pralinen, Kuchen und anderem Naschwerk steigern.

Die erste Conchiermaschine von Rodolphe Lindt

Wien war das Herz der habsburgischen Monarchie, die sich Ende des 20. Jahrhunderts bereits langsam in Auflösung befand. Der am System der Monarchie und an seinem Leben verzweifelte Kronprinz Rudolf hatte sich am 30. Januar 1889 im Jagdschloss Mayerling erschossen.

Mizzi Kaspar

Seine langjährige Geliebte Mizzi Kaspar, Hausbesitzerin und Edelhure hatte sich geweigert, gemeinsam mit ihm in den Tod zu gehen. Finanziell durch Rudolf bereits zu dessen Lebzeiten und nochmals durch ein testamentarisches Legat abgesichert konnte sie das Wiener Bürgerrecht erwerben. Mizzi hat vom geplanten Suizid des Kronprinzen gewusst und auch der Polizei darüber berichtet. Doch wer glaubte schon den Worten einer unbekannten Halbweltdame, die über ihre Beziehung zum Kronprinzen eisern geschwiegen hatte? Die Polizei unternahm nichts, um diesen Schicksalsschlag für das Haus Habsburg zu verhindern. Die blutjunge Freiin Mary von Vetsera, die schon lange Zeit für Rudolf geschwärmt hatte ging gemeinsam mit ihm in den Tod. 

Freiin Mary von Vetsera

Die Kaiserin versank in tiefer Trauer. Die seit 1885 bestehende Liaison zwischen Kaiser Franz Josef und der Schauspielerin Katharina Schratt wurde von ihr gefördert. Nach aussen wahrte man den Schein, indem Katharina Schratt lange als «Freundin des Kaiserpaares» galt. 

Das als «Villa Schratt» bekannt gewordene Haus in Bad Ischl lag in unmittelbarer Nähe zur Kaiservilla. Ein kleiner, uneinsehbarer Pfad verband die beiden Grundstücke. Jeden Morgen um halb sieben erschien der Kaiser bei seiner Freundin, die bereits einen frischen Gugelhupf für ihn gebacken hatte. Im Café Zauner, ebenfalls ein «k.u.k. Hoflieferant und Hofzuckerbäcker» musste immer ein nach ihrem Rezept gebackener Ersatzkuchen bereitstehen, falls der Hausfrau selbst einmal ein Missgeschick passieren sollte. 

Als Franz Josef nach der Ermordung von Sisi im Jahr 1889 für seine acht letzten Lebensjahre ganz in die eigentliche kaiserliche Sommerresidenz «Schloss Schönbrunn» übersiedelte, liess er für «die Schratt» in unmittelbarer Nähe eine Villa erbauen. Der Hofstaat der gemeinsam mit ihm aus der Hofburg in Wien nach Schönbrunn übersiedelte umfasste 1.300 (!) Personen. Im Schloss Schönbrunn gab es keine Hauptküche, wohl aber 139 (!) als Fertigungsküchen genutzte Räume. Die gesamte Verpflegung wurde in der Hofburg zubereitet und nach Schönbrunn transportiert. 

Das ausgehende 19. Jahrhundert war in Wien die Zeit der Kunst. 

Der Kuss v. Gustav Klimt

1897 spaltete sich eine Gruppe von jungen Künstlern, heute würde man sie als «Junge Wilde» bezeichnen, von den bis dahin etablierten Malern ab und gründete die «Wiener Secession». Sie lehnten den Konservatismus und Historismus als überholt ab und neigten eher zum Impressionismus und Jugendstil. Interessant ist, dass Gustav Klimt, der erste Präsident der Secession, sein Geld zeitweise mit Auftragsarbeiten verdienen musste. Dazu gehörte auch die Dekoration der Aussenfenster im Café Demel und das Dekor der Verpackungsschachteln. Nicht mehr ganz so künstlerisch, aber trotzdem noch immer anziehend sind die Fenster auch heute noch. Post mortem fand im Jahr 1943 eine von Reichsstatthalter Baldur von Schirach kuratierte Klimt Ausstellung statt, bei der 92 % der ausgestellten Exponate Raubkunst der Nationalsozialisten waren…

„Das hochwohlgeformte Fräulein von Schaum in ihrer Rolle“ Fensterdekoration im Café Demel

Einer der wohl bekanntesten Literaten jener Zeit war Dr. Arthur Schnitzler. Für ihn und viele Wiener Schriftsteller, wie Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer, aber auch andere bekannte Wiener, wie Sigmund Freud, war das Café Griensteidl, später auch als Café Grössenwahn bekannt als das zweite Wohnzimmer. Zu ihnen gehörten des weiteren Felix Salten, Karl Kraus, Stefan Zweig, der umstrittene Peter Altenberg, …

Sie ahnen, was alle hier Genannten gemeinsam hatten? Richtig, sie waren Juden. Und über ihnen schwebte bereits der dunkle Schatten des wiedererstarkten Antisemitismus. 

Warum der sich gerade in Wien so fest einnisten konnte, kann nicht begründet werden. Tatsächlich wird seit 1879 der Begriff Antisemitismus gleichgesetzt mit Judenhass. Sebastian Brunner, Carl von Vogelsang und Ignaz Seipel, wurden von der Historikerkommission als wesentliche Protagonisten des Antisemitismus eingestuft. «Liberalismus = Judentum» und «Kapitalismus = Judentum» «bolschewistische Gefahr = jüdische Gefahr» sind drei der von ihnen formulierten und in der Presse veröffentlichten Hetzparolen. Sie haben bis heute ihre Gültigkeit in entsprechenden Kreisen nicht verloren.

Die Sozialdemokratie wies damals einen hohen Prozentsatz an jüdischen Politikern auf. Einer der bekanntesten war der Arbeiterführer und Psychiater Viktor Adler. Er praktizierte an der Berggasse 19 in Wien, wo nach ihm Sigmund Freud seine Praxis hatte.

In dieser politisch aufgeheizten Stimmung trat Dr. Karl Lueger 1887 der christlich-sozialen Partei bei. Ideologisch zeichnete sich diese Partei hauptsächlich durch Antisemitismus aus. Die Juden, so die vorherrschende Meinung, seien ein «staatszersetzendes Element», die Aufnahme von Juden in die Studentenbünde wurde per Gesetz verboten und der Antisemitismus als die «grösste Errungenschaft dieses Jahrhunderts» bezeichnet.  Der Versuch, in der Volksoper nur mehr «arische» Stücke aufzuführen, musste nach fünf Jahren wieder aufgegeben werden. So lange behielt der braune Mob dort die Oberhand!

Lueger war von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien. Wien sollte, so war die Idee Luegers, zu einer modernen Metropole werden. Unbestritten sind seine wirklich grossartigen Leistungen für die Stadt. Die Wasser-, sowie die Strom- und Gasversorgung wurden kommunalisiert, die psychiatrischen Kliniken Lainz und  Steinhof stellten eine für damalige Verhältnisse patientenfreundliche Unterbringung und Betreuung sicher. Zur Zeit des Nationalsozialismus fanden in einigen Teilen der Klinik gross angelegte Euthanasieprogramme statt, denen auch fast 800 Kinder zum Opfer fielen. 

Der politische Start als Bürgermeister verlief nicht problemlos. Zuerst hatte er zwar die Wahl gewonnen, aber in seinen Augen war die Zahl der Stimmen für sein Ego nicht hoch genug, sodass er die Annahme der Wahl verweigerte. Eine zweite Wahl verlief zwar für ihn besser, jedoch verweigerte der Kaiser die Anerkennung. Er sah in Lueger keinen Politiker, der die Gleichberechtigung aller Bürger anerkannte und verurteilte dessen «Radau-Antisemitismus». Erst nach zwei weiteren Durchgängen, mehr als ein Jahr nach der ersten Wahl, gab der Kaiser dem Drängen von Papst Leo XIII nach und berief Lueger in sein Amt.

Wien war ein Schmelztiegel von Einwanderern, die aus den entfernteren Teilen des Kronlandes in die Hauptstadt zogen. Dort, so hofften sie, würden sie erfolgreicher sein, als in ihren Heimatgebieten. Die Infrastruktur Wiens konnte diesen grossen Zuzug nicht verkraften, neben noblen Bezirken entwickelten sich typische Arbeiterviertel. 1899 hielt Lueger eine Brandrede vor dem christlich-sozialen Arbeiterverein, in der er die Juden als Quelle allen Übels bezeichnete. Presse, Banken, Wirtschaft, alles läge in jüdischen Händen. «Die Juden üben hier einen Terrorismus aus, wie er ärger nicht gedacht werden kann.»

Adolf Hitler, der sich von Lueger in seinen politischen und propagandistischen Auftritten inspirieren liess, nahm auch an der Beisetzung dieses antisemitischen Bürgermeisters in Wien teil.  

Jedes Mal, wenn ich in Wien bin, komme ich über kurz oder lang am Dr. Karl Lueger Platz vorbei. Dort steht seit 1916 ein Denkmal für den Mann, der gesagt haben soll (manchmal wird auch Göring als Urheber des Zitates genannt) «Wer Jude ist bestimme ich!» und der damit seine menschenverachtende Haltung gegenüber jüdischen Mitbürgern zum Ausdruck brachte. Die Stadt Wien hat es bisher noch nicht geschafft, den Platz umzugestalten. 150 Vorschläge gingen im Jahr 2010 bei der Universität für angewandte Kunst ein. Doch geschehen ist nichts. 

Das flammend rote Graffiti «Schande» das 2020 dort aufgesprüht wurde und seither auch nicht entfernt wurde zeigt, dass es noch Zivilcourage gibt. Vom Sprayer, berechtigte Kritik zu üben und auch von einem Magistratsbeamten, der den Mut hat, diese Kritik stehen zu lassen. 



Kategorien:Aus aller Welt

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