Wenn einer eine Reise tut und plötzlich zum Spion wird.

12. Kislev 5782

Nathali und Mordi Oknin, zwei Busfahrer des israelischen Busunternehmens Egged wollten ein langes Wochenende in der Türkei verbringen. Ihren kleinen Sohn hatten sie daheim in Modi’in bei der Schwester gelassen. 

Bilder zeigen, dass sie eine glückliche Zeit in der Türkei, dem Lieblingsurlaubsland vieler Israelis verbrachten. Die Türken sind als wunderbare Gastgeber bekannt. Die Hotels, sowohl in den Städten, aber vor allem auch in den Ferienresorts entlang der Küste versprechen einen hohen Standard zu angemessenen Preisen. Anders als in Israel bekommt man genau das, was das Hotel verspricht, zu bieten. Dazu saubere Strände, glasklares Wasser, pünktliche Transportmittel und freundliche Menschen.

Bis zum Jahr 2010 reisten jährlich mehr als eine halbe Million Israelis in das Land am Bosporus. Dann kam es zu einem terroristischen Vorfall mit der Mavi Marmara und die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Staaten wurden eingefroren. Für die Hinterbliebenen der Opfer (acht Türken und ein US-Amerikaner) zahlte Israel schliesslich (2016) etwa 20 Millionen US$ Schmerzensgeld.

Bis dahin gingen die Besucherzahlen rapide zurück. Den absoluten Tiefstand erreichten sie im Jahr 2011 mit nur mehr 79.00 Touristen. 

Nach einem Selbstmordanschlag in Ankara, bei dem im Jahr 2016 drei Israelis getötet wurden, riet Israel seinen Bürgern dringend von einer Reise in die Türkei ab. Trotzdem besuchten 2017 schon wieder 380.000 Israelis ihr Lieblingsland. Kaum gingen die Türen nach dem Lockdown am Flughafen Ben Gurion wieder auf, zeigte sich das gewohnte Bild. Lange Schlangen bei den Abfluggates Richtung Türkei. Zu Spitzenzeit fliegen einige Flugzeuge pro Tag von Ben Gurion zu den verschiedenen türkischen Urlaubsdestinationen.

Die bilateralen Beziehungen mögen sich auf dem Papier verbessert haben. In den Köpfen der türkischen Politiker ist dies aber nicht angekommen.

Im Jahr 2011 wurde der Film «Tal der Wölfe – Palästina» veröffentlicht. Er greift thematisch den Vorfall mit der Mavi Marmara auf. Er bedient alle Clichées wie Antisemitismus gegen die die Juden und Heldentum auf Seiten der Türken. Weltweit warf die Presse dem Film rassistische, antiwestliche und antisemitische Tendenzen vor. Trotzdem kam er ungehindert zur Aufführung. Schon der erste Teil der Serie «Tal der Wölfe – Irak» bediente antisemitische Vorurteile. Hier sieht man einen deutlich als Juden erkennbaren Arzt, der lebenden «Organspendern» einzelne Organe entnimmt um diese zum Verkauf nach Tel Aviv, London und New York zu schicken. Selbstverständlich, so vermittelt der Film, fliesst der Erlös in seine Tasche. Die Filme erinnern an eine cineastische Umsetzung der «Protokolle der Weisen von Zion».

Andererseits ist es so, dass die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Staaten sich in den letzten Jahren dramatisch gesteigert haben. Der türkische Rat für Ausssenwirtschaftsbeziehungen (DEIK) sieht in der Corona Pandemie den wesentlichsten Grund. China, nach den USA bisher der grösste Exportpartner Israels, verlor an Bedeutung. Israel suchte neue Märkte und fand sie in der Türkei. Ausschlaggebend dafür seien «die geografische Nähe, qualifizierte Produktionsmethoden und angemessene Preise.» Für beide Staaten eine win:win Situation. Der Bausektor in Israel boomt. Israel bezieht nicht nur vermehrt seine Baumaterialien aus der Türkei. Die Bautrupps kommen sehr oft gleich mit. Auf den Grossbaustellen des Landes ist Türkisch die Umgangssprache. 

Doch zurück zu Nathali und Mordi Oknin. Ein weiterer israelischer Tourist, der sie in Istanbul ansprach, nahm ihre Antwort auf die Frage, ob es in der Türkei sicher sei, auf. Die junge Frau zeigt sich begeistert. Schön sei es, alles sei sicher, das Essen gut, man könne in aller Öffentlichkeit Ivrit reden, die Türken würden die Israelis lieben. Lachend spricht sie in die Kamera von Kanal 13 und wiederholt «Alles ist sicher hier, es ist so viel Spass hier zu sein, kommt her!»

Ihr Vergehen ist schnell geschildert. Sie haben ein Foto gemacht. Die erste Version lautet, sie befanden sich auf einer Fähre und fuhren am Dolmabahce Palast vorbei. Dieser aus der ottomanischen Zeit stammende Palast beherbergt in einigen Teilen Büros der präsidialen Verwaltung. Der Palast liegt auf der europäischen Seite des Bosporus.

Der Dolmabahce Palast

Die zweite Version, die von türkischen Medien verbreitet wird, lautet, dass sie die Aufnahmen vom Camlica Radio- und Fernsehturm aus gemacht hätten. Dieser liegt auf der asiatischen Seite des Bosporus. Auf diesem Turm gibt es auch ein Restaurant. AP News berichtete, dass die beiden von einem Mitarbeiter bei der Polizei gemeldet worden wären. 

Am späten Nachmittag des vergangenen Dienstages, am  9.11.2,  wurde das Ehepaar verhaftet. Gleichzeitig wurde ein noch nicht benannter Türke ebenfalls festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, nicht nur Erdogans Palast (The Huber Mansion) und Privathaus fotografiert zu haben, sondern auch Sicherheitsanlagen und Kameras. 

The Huber Mansion

Hier gehen die Ansichten der Anklage und der Verteidigung weit auseinander. Für die Anklageseite wird den beiden politische und militärische Spionage vorgeworfen. Weiterhin wird ihnen vorgeworfen, die Bilder an eine «Drittpartei» weitergeschickt zu haben. Der dem Ehepaar zur Unterstützung beigestellte Rechtsanwalt hingegen steht auf dem Standpunkt, seine Klienten hätten nichts von einem Fotografier Verbot gewusst und die Bilder nur an ihre Familie weitergeleitet. Natalis Schwester bestätigte, dass sie die Bilder im Familien Chat von WhatsApp erhalten hätte. «Schau dir das Haus von Erdogan an. Schau wie schön es ist!» Harmloser geht es nun wirklich nicht. Tausende Touristen fotografieren diesen oder andere Paläste. Und verschicken sie auch. Beides sind keine kriminellen Taten!

Entsprechend den ersten Verlautbarungen war vorgesehen, das Ehepaar nach einer Befragung, die am Freitag stattfand aus dem Gefängnis zu entlassen. Anschliessend hätten sie sich sofort in ihr Hotel begeben und ihr Gepäck abholen sollen um noch am gleichen Tage abzureisen. Überraschenderweise änderte das Gericht seine Meinung und ordnete die Verlängerung der getrennten Untersuchungshaft bis zum Beginn des regulären Verfahrens in zwanzig Tagen an. Gegen diese Anordnung legte ihr Rechtsbeistand sofort, wenn auch erfolglos Berufung ein. 

Noch am Freitag sprach FM Yair Lapid mit der Familie. Er habe die türkischen Behörden gebeten, eine dringende diplomatische Intervention zu ermöglichen. Das Aussenministerium würde alles unternehmen, um die beiden israelische Bürger so schnell als möglich freizubekommen. Sowohl die Botschaft in Ankara, als auch das Konsulat in Istanbul versuchen, ein Besuch auf diplomatischer Ebene zu ermöglichen. 

Israelische Behörden zeigen sich beunruhigt. Falls der Fall nicht in den kommenden Tagen gelöst werden könne, könnte das Ehepaar für Jahre in der Türkei inhaftiert bleiben. 

Heute, am 18.11.21 wurden Natali und Mordi Oknin aus der türkischen Haft entlassen und sind bereits nach Hause zurückgekehrt. Gestern noch war befürchtet worden, dass sie für längere Zeit in der Türkei angehalten werden würden. PM Naftali Bennett telefonierte am Vormittag mit Präsident Erdogan und dankte ihm für seine Bemühungen.



Kategorien:Aus aller Welt, Israel, Politik

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  1. Hi Esther, I don’t understand why Israelis continue to visit Turkey. I’ve been there many times and it is indeed a beautiful country. But that was a while back. Before it’s descent back into dictatorship.

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    • I agree with you 100%. Turkey must be a beautiful country, with great nature, friendly people and wonderful, well-kept hotels. But, to be honest, all of that is also available in Israel. But politicians refuse to lower the prices for the hotels. And the working conditions are mostly a disaster. So there is no incentive for Israelis to make holidays in the country. Therefore they continue to fly to Turkey. And, as in this case, give Erdogan a means of taking political / diplomatic action against Israel. Quite typical for an autocratically run country!

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