Ein Technopark für Nazareth

18. Kislev 5782

Im gerade eben verabschiedeten Budget für das Rumpfjahr 2021 und das kommende Jahr 2022 gibt es einen besonders erwähnenswerten Posten.

Insgesamt sind 9 Milliarden NIS in einem 5-Jahres-Paket vorgesehen, um dem arabischen Sektor einen Entwicklungssprung zu ermöglichen. Im Einzelnen geht es darum, den Lebensstandard der in den arabischen Gemeinden, der verglichen mit dem in jüdischen Wohngebieten sehr niedrig ist, signifikant anzuheben. 

Menschen aus dem traditionellen arabischen Umfeld haben ihren Platz in der neuen digitalen Welt noch nicht gefunden. Eine Studie des Interdisziplinären Zentrums in Herzliya zeigt, dass 87 % keinerlei Wissen in diesem Bereich haben. Im Jahr 2019 waren von technischen oder administrativen Posten etwa 1/3 von arabischen und 2/3 von jüdischen Mitarbeitern besetzt. 

Der gemeinsame Arbeitsplatz, die gemeinsame Bewältigung von Herausforderungen und das gemeinsame Erfolgserlebnis stärken die zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbst gemeinsame Misserfolge und deren Lösung helfen, die Kommunikation zu verbessern. Die Verständigung zwischen arabischen und jüdischen Bevölkerungsgruppen kann so ganz natürlich auf ein besseres Niveau angehoben werden. Gleiches gilt natürlich auch für alle anderen Bevölkerungsgruppen wie Drusen, Beduinen, Tscherkessen … 

600 Millionen NIS sollen allein für Anschubfinanzierungen im Hi-Tech-Sektor dienen. Die derzeit 8.000 arabischen Beschäftigten in diesem Bereich sollen sich in den kommenden Jahren um 250 % auf 20.000 erhöhen. Das klingt zunächst nach einem illusorischen Plan. Allerdings sind derzeit bereits 5.000 Studenten an israelischen Universitäten in den technischen Fakultäten eingeschrieben. Frauen sind bei dieser Bevölkerungsgruppe leider im höheren Bildungswesen immer noch unterrepräsentiert. Der Anteil der arabischen Frauen im gesamten Arbeitsmarkt ist höher als im nationalen Durchschnitt.  Der Fokus bei den Frauen muss auf dem erleichterten Zugang zu höherer Bildung liegen. 

Eine hoch qualifizierte Ausbildung im boomenden Hi-Tech-Sektor ist die beste Voraussetzung, um sich in den Arbeitsprozess zu integrieren. Hier werden nach wie vor Mitarbeiter gesucht. Derzeit liegt die Zahl der offenen Stellen bei 10.000. Es gibt in keinem anderen Sektor so viele Start-up Unternehmen, wie in diesem. 

Ein erstes konkretes Projekt wurde in Nazareth vorgestellt. 6.8 Millionen US$ werden in den geplanten Techno Park in Nazareth fliessen. Im Industriegebiet wird sich auf etwa 4 ha eine neue Hi-Tech-Industrie ansiedeln. Das Wirtschaftsministerium schätzt, dass es dort etwa 200 neue Arbeitsplätze geben wird. Das Geld für dieses Projekt stammt zu 100 % aus dem 5-Jahres-Topf, der Teil des neu beschlossenen Budgets ist.

Nazareth hat sich in den letzten Jahren zum zentralen Ort des arabischen Technologiesektors entwickelt. Bisher waren die Unternehmen – vom rein kommunalen bis zum international tätigen – mehrheitlich auf einem von privaten Investoren finanzierten Industriegebiet tätig. 

Stef Wertheimer © Badische Zeitung

Federführend war hier die Initiative von Stef Wertheimer. Wertheimer floh schon als Jugendlicher vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina. Er begann ein Optikstudium, das er auf Grund der politischen Unruhen in den Jahren um die Staatsgründung aber nicht abschliessen konnte. Beruflich Fuss zu fassen, gelang ihm deshalb leider nicht. Aber Stef Wertheimer wäre kein gebürtiger Alemanne, wenn er aufgeben würde. Statt zu verzweifeln, begann er mit einer kleinen Metallverarbeitungsfirma, die schnell erfolgreich war. Ab 2006 verkaufte er das Unternehmen für 6 Milliarden US$ schrittweise an Warren Buffet Berkshire Hathaway. Heute beschäftigt sein erstes «Selfmade-Unternehmen» 6.000 Mitarbeiter im Bereich Werkzeugherstellung.

Wertheimer, heute Israels reichster Mann, verwirklichte eine Vision. Er baute in Israel fünf «Industrieparks». Wertheimer, der sich schon seit einiger Zeit zu Gunsten seines Sohnes aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat, ist aber trotzdem immer noch präsent. Zwei Kernsätze sind sein Credo: «Die Leute sollen sich wohlfühlen», denn, wer sich wohlfühlt hat Spass an der Arbeit. Zufriedenheit ist der grösste Motivationsfaktor. «Durch Wohlstand zum Frieden.» Wertheimer kennt die Probleme der jüdisch-arabischen Koexistenz. 

In Nazareth hat er deshalb vor Jahren eine Lehrwerkstatt mit integrierter Schule finanziert. Die steht immer noch dort, wo jetzt der erste staatlich finanzierte Industriepark Israels entstehen wird.

Wertheimer hatte für die Finanzierung dieser Privatschule nur eine Bedingung. Die von ihm angebotene Ausbildung auf sehr hohem Niveau musste allen Interessenten gleichermassen zur Verfügung stehen. Ohne Rücksicht auf iher Ethnie.



Kategorien:Israel

Schlagwörter:,

1 Antwort

  1. Ah, what a wonderful article! Thank you Esther! I love messages of genuine and realistic hope.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: