Wie der Kanton und die Stadt Zürich schon früh Epidemien bekämpfte

11. Shevat 5782

Spätestens seit wir alle im öffentlichen Raum Masken tragen müssen, ist uns die Bedeutung der allgemeinen Ansteckungsgefahr bewusst. Die Zauberformel heisst «Mindestabstand 1.5 Meter plus strikter Nasen-Mundschutz plus häufige Desinfektion der Hände». Das ist doch recht leicht einzuhalten, oder?

Aber dann wird es verwirrend: 3G, 2G oder 2G+? Oder ist das Impfzertifikat des BAG, das wir alle auf dem Handy oder in Papierform stets bei uns tragen, als Zugang zur Freiheit allein ausreichend?

Vor Kurzem fand ein ausgezeichneter Kenner lokaler Kulturgüter, Peter Surbeck, ein wichtiges Dokument für das frühe Vorhandensein solcher Formulare. 

© NZZ

Als ein gewisser Rudolf Hürlimann sich am 10. März 1795 auf den Weg von Hombrechtikon über Rheinfelden nach Basel machte, erhielt er zuvor folgendes Dokument:

«Wir, Burgermeister und Rath der Stadt Zürich, thun kund hiemit offentlich, dass bei uns in hiesiger Stadt und Landschaft, auch denen benachbarten Orten herum, Gott seye Lob, frischer und gesunder Luft, auch keine einige Gefahr der Pest oder anderer Contagion vorhanden; dessen zu Urkund ist dem Vorweises diesesunserem gnädigen Herren Angehörigen, Rudolf Hürlimann von Hombrechtikon, welcher über Rheinfelden nach Basel und wieder anhero zu reisen willens ist. Dieser Schein mit vorgedrucktem Unserem Canzley=Signet mitgetheilt worden: Geschehen den 10. Tag März im Jahr nach Christi Geburts gezehlet Eintausend Siebenhundert Neunzig und fünf.

Canzley Zürich»

Für alle, die den Text übersetzen lassen wollen, hier in der lesbaren Version:

«Wir Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich, tun hiermit öffentlich kund, dass bei uns in hiesiger Stadt und Landschaft, auch den benachbarten Orten herum, Gott sei Lob, frischer und gesunder Luft, auch keine Gefahr von Pest oder anderen Ansteckungen vorhanden sind. Dies zu beurkunden mit dem Vorweisen dieses unserem gnädigen Herren Angehörigen, Rudolf Hürlimann von Hombrechtikon, welcher über Rheinfelden nach Basel und wieder zurückzureisen willens ist. Dieser Schein mit unserem vorgedruckten Kanzlei Siegel dient als Beglaubigung. Geschehen am 10März des Jahres Eintausend Siebenhundert Fünf und Neunzig. 

Kanzlei Zürich»

Zu der Zeit, als dieser Seuchenpass ausgestellt wurde, war die Hauptwelle der Pest schon lange vorbei und die grosse Cholera Epidemie war noch weit weg. Obwohl also aktuell keine Gefahr bestanden hat, mussten die Zürcher Politiker Angst gehabt haben, dass irgendjemand wieder eine tödliche Krankheit mit sich bringen würde. Sicher ein Problem, wenn man in der damaligen Zeit auf Reisen ging. Besonders beachtenswert bei diesem Papier ist die moderne administrative Automatisierung. Ausgefüllt mussten nur mehr die persönlichen Daten, der Tag und der Monat. Das Kanzlei Siegel war schon aufgeklebt, die bereits vorgeschriebenen Jahreszahlen 179x, ermöglichten den Gebrauch des Formulares für ein ganzes Jahrzehnt. 

Wäre Herr Hürlimann ohne dieses Papier an der Grenze nach Basel abgewiesen worden? Eher nicht, denn an den Grenzen der Kantone Basel und Zürich wurden nur Landstreicher und Fremde kontrolliert, aber in der Regel doch eingelassen.

Rheinfelden lag damals in Vorderösterreich und war somit für Reisende aus der Schweiz Ausland. Spätestens hier war der Seuchenpass ein nahezu unerlässliches Dokument. 

Vorderösterreich um 1780 © Wikipedia

Die Schweizer hatten vom Ausbruch der Pest 1790 gelernt. Briefe und Pakete aus kontaminierten Gebieten mussten ausgeräuchert werden. Einreisende Personen mussten nachweisen, dass sie aus seuchenfreien Gebieten kamen oder noch besser, in Quarantäne gewesen waren. Dann und auch nur in Zusammenhang mit einem Gesundheitsattest, durften sie einreisen. 

Knapp ein Jahrhundert später liessen sich die Zürcher etwas Besonderes einfallen, um auf die Russische Grippe die von 1889 bis 1894 in der Schweiz grassierte und der insgesamt 299 Personen zum Opfer fielen zu reagieren. Insgesamt verstarben an der Epidemie etwa 1 Million Menschen.

Fast täglich kamen neuen Meldungen in der Presse, Ärzte und Politiker waren überfordert. Man war sich am Anfang nicht sicher, ob es ein Ausbruch von Denguefieber, Cholera oder sogar Typhus war. Die Epidemie entwickelte sich von Russland ausgehend über ganz Europa. So las man in der Zürcherischen Freitagszeitungam 28. Dezember 1889 «Baselstadt: Schliessen aller Schulen wegen der Influenza.» und am 4. Januar 1890 «Die Herren Bundesräthe hatten alle die Influenza und versandten keine Neujahrsgratulationen.» Am 24. Januar die wohl wichtigste Meldung «Auch der Papst ist an der Influenza erkrankt.»

In Zürich meldeten die Amtsärzte am 28. Februar, dass über 50 % der Bevölkerung an der Influenza erkrankt seien. Die Ärzte seien «überlastet gewesen, weshalb ihnen wohl auch nicht der Wille, aber die Kraft gefehlt habe, Aufzeichnungen und statistische Notizen zu machen.»

Im März war fast alles vorbei. Der Höhepunkt des Zürcher Lebens, das Sechseläuten konnte, wie geplant am 14. April 1890 stattfinden. Das traditionelle Verbrennen vom Böögg konnte wie gewohnt stattfinden. In der Regel ist der Böögg eine Art Schneemann. Doch im Jahr 1890 verbrannte man symbolisch die Influenza.

Auf den Flügeln dieses dunklen Engels stand beidseitig „Influenza“ © NZZ

Leider gelang es damals nicht, die Influenza komplett zu verbannen, sie kam in mehreren Wellen innerhalb von Europa zurück. 

Wie wollen hoffen, dass das Sechseläuten wie geplant am 25.04.22 stattfinden kann und mit dem Verbrennen des Böögg auch Corona verbrannt wird.

P.S. Übrigens Versicherungen machen einen Unterschied zwischen Epidemie und Pandemie. Bei Epidemien sind die Schäden gedeckt, bei Pandemien nicht. Hoffen wir also im Sinne aller Betroffenen, dass die COVID Pandemie bald zu einer Epidemie zurückgestuft wird.



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