Wochenabschnitt: Beschalach Ex. 13:17 – 17:16

ב“ה

12./13. Shevat  5782                                                  14/15. Januar 2022  

Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                             16:17

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        17:37

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:43

Shabbatausgang in Zürich:                                                                17:53

Shabbateingang in Wien:                                                                   16:08

Shabbatausgang in Wien:                                                                  17:20

Nun ist es so weit! Pharao lässt die Kinder Israel ziehen. Gott hat immer noch seine eigenen Pläne, er kennt seine Kinder. Er weiss, dass sie noch nicht so gefestigt sind, sich dem grossen Abenteuer zu stellen, das er für sie geplant hat, bis sie im ihnen versprochenen Land ankommen werden. Von Anfang an liegt keine Euphorie, kein grosses Glücksgefühl über dem sich dahinschlängelnden Zug von Menschen. 

Das Versprechen, dass sie Josef gegeben hatten, erfüllten sie. Sie führten seinen Leichnam mit sich, um ihn in ihrem Heimatland endgültig zur Ruhe zu betten. 

Gott liess sie von Sukkot aus nicht nach Osten Richtung der Philistergebiete ziehen, sondern er lenkte sie nach Südosten in Richtung des Schilfmeeres. Sie sollten nicht kopflos davonlaufen, zurück in die Sklaverei, wenn sie sich den ersten Problemen der Flucht gegenübersehen würden. Gott begleitete sie zuverlässig. Nachts wanderte er als hell strahlende Feuersäule vor ihnen her, während des Tages als Wolkensäule.

Um Pharao zu verwirren, liess Gott sie sogar noch einmal zurückkehren und in der Nähe des Mittelmeeres bei Migdol ihr Lager aufschlagen. Pharao dachte, seine ehemaligen Sklaven hätten sich in der Weite der Wüste verirrt und er hätte leichtes Spiel, sie zu vernichten. Er folgte ihnen mit allem, was sein Kriegsarsenal bereithielt.

Die Kinder Israel sehen ihre Feinde hinter sich auftauchen und verfielen in Panik. In den Jahren der Sklaverei waren sie auch faul geworden. Dass sie selbst aktiv werden und sich selbst etwas überlegen könnten, was ihnen in der misslichen Lage helfen würde, das kam ihnen nicht in den Sinn. Sie schrien zu Gott, der ihnen nicht antwortete. So haderten sie mit Moses. Ihre ganze Verzweiflung richtete sich nun gegen ihn: „Warum hast du uns zum Sterben in die Wüste geholt? Hätte es denn keine Gräber in Ägypten für uns gegeben? Wir haben es dir doch gleich gesagt, lass uns in Ruhe. Wir wollen Sklaven der Ägypter sein, das ist besser, als in der Wüste zu sterben.“ Sie sind zwar der Sklaverei entkommen, aber sie sind innerlich noch nicht in der neugewonnenen Freiheit angekommen. Ägypten ist immer noch in ihren Köpfen. In den letzten Wochen haben wir viel über die Möglichkeit der freien Entscheidung gelesen. Gott hat Pharao immer wieder die Chance gegeben, zu wählen. Ob er die Kinder Israel abziehen lassen oder lieber eine neue Plage in Kauf nehmen würde. Zehnmal hat er sich falsch entschieden und sein Land hat bitter für seinen Fehlentscheid gebüsst. 

In der aktuellen Situation kurz vor dem Erreichen des Schilfmeeres muss Moses sich als „Troubleshooter“ erweisen. Nur er vertraut völlig auf Gott und kann deshalb den für die Kinder Israel kryptischen Satz sprechen: “Bleibt stehen und schaut zu, wie Gott euch heute rettet. So wie heute werdet ihr die Ägypter nicht mehr sehen.“ Wir kennen die Geschichte der wunderbaren Rettung im Schilfmeer.

Der Engel Gottes und Gott selbst stellten sich zwischen die Kinder Israel und die Ägypter, sodass sich der Abstand zwischen ihnen nicht veränderte. Moses öffnete mit Gottes Hilfe das Meer und ermöglichte den Kindern Israel die Flucht. Kaum war der Letzte von ihnen in Sicherheit, schloss sich das Wasser wieder und zog alle Ägypter in die Tiefe. Voller Glück und hoffentlich endgültig von ihrem Zweifel an Gott und seinem Sprecher Moses befreit sangen sie eines der wunderschönen Lieder der Thora, das Lied des Meeres (Ex 15:1ff). Auch Mirijam, die Schwester Moses erhebt erstmals ihre Stimme. Gemeinsam mit den anderen Frauen der Stämme singt sie das „Lied der Prophetin Mirjiam“. Sie ist die erste Frau, der der Titel „Prophetin“ zugestanden wird und sie bleibt die einzige in der Geschichte der Thora bleiben. 

Sie wanderten weiter nach Süden, nun sicher, dass von Ägypten und den Ägyptern keine Gefahr mehr ausgehen würde. Sobald sie jedoch in die Wüste Sinai kamen, muss ihnen etwas in ihrem Leben gefehlt haben. Sechseinhalb Wochen waren sie erst unterwegs und konnten noch keine Vorstellung haben, was noch alles auf sie zukommen würde. Und was beklagten sie nun? „In Ägypten sind wir an den Fleischtöpfen gesessen und hatten Brot genug zu essen. Hier werden wir verhungern.“ Fleischtöpfe für Sklaven? Es ist kaum vorstellbar, dass es die jemals gegeben hat. Fleischtöpfe gab es wohl eher nur für die Ägypter. Woher aber kommt dann die Illusion, der sie anheimfielen? Die sie umgebende Wüste war trocken und ungastlich. Die Wüste war heiss am Tag und kalt in der Nacht. Sie waren umgeben nur von Sand, der vor allem in der Nacht nie leise ist, sondern „spricht“, [1]geplagt von Winden, die die Sandkörner auf der Haut prickeln lassen und Sandkörner in jede mögliche Körperöffnung presst. Da konnte es schon passieren, dass das ägyptische Kopfkino ihnen etwas vorgaukelte. Diese Erinnerung gefiel ihnen naturgemäss viel besser als die harte Realität. 

Sie würden noch viel zu lernen haben. Sie, die es in den Jahren der Sklaverei verlernt hatten, mussten erst wieder lernen, selbstständig zu denken und verantwortungsvoll zu handeln. Das ist der Grund, warum Gott sie durch die harte Schule der Wüste gehen lässt. 

Jeder von uns kennt einen Auszug aus einem Lebensabschnitt in einen neuen. Der Auszug aus dem Elternhaus, der Berufswechsel, der Ortswechsel, eine neue Partnerschaft, aber auch die Verluste, die wir im Laufe des Lebens erleiden. 

Die Kinder Israel müssen sich erst innerlich vom alten Leben in der Sklaverei verabschieden, ehe sie ein neues Leben beginnen können. 

Hermann Hesse beschreibt dies in seinem Gedicht „Stufen“

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Shabbat Shalom!


[1] Wüste heisst auf Hebräisch «midbar». Die Wurzel dieses Wortes ist auch die von «sprechen» «ledaber»



Kategorien:Israel, Religion

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