Der koschere Gourmet – oder ist es der Gourmand?

ב“ה

19. Nissan 5871

Es war ein Geruch, der mich vor einiger Zeit in Bnei Brak an meine Kindheit erinnerte, der Geruch von Spanferkeln vom Grill. Oder noch besser, vom Drehspiess. Seit Jahren träume ich davon, Schweine einer maßgeblichen Änderung zu unterziehen:

Sie müssen einen wiederkäuenden Verdauungstrakt aufweisen, so wie Kühe, damit sie halachisch kosher sind.

Das Ziel war, die zur Verfügung stehende Menge des in Israel sehr begehrten „weißen Fleisches“ i.e. „Schweinefleisch“ zu steigern. In einem Umfang, dass der Bedarf vieler Einwanderer ebenso befriedigt werden kann wie der der übrigen Konsumenten.

Meine ersten Überlegungen gingen also in Richtung: weniger Fett, dafür mehr Fleisch. Und so, wie schon einmal aus einer Rippe etwas Neues geschaffen worden war und sich noch dazu als ein wahres Erfolgsmodell (viel besser als es das Original gewesen war!) herausstellte, war es auch hier möglich, erfolgreich zu sein.

Das Skelett des Hausschweins

Das Urschwein, also das noch nicht domestizierte Wildschwein, verfügte über 12 Rippenpaare. Heute sind es in der Regel 14 Rippenpaare, die durch entsprechende Züchtung bis auf 17 hochgezüchtet werden können. Die Fleisch- und Fettpakete werden daher auf einen länger gestreckten Körper verteilt. 

Heute vegetiert das Schwein nicht mehr in engen Boxen dahin. Es darf seiner Natur entsprechend durch unterholzreiche Wälder, vorzugsweise Eichenwälder joggen, um dort seinen Kalorienbedarf zu decken. Anschließend nimmt es gerne ein Schlammbad, um die Schwarte ungezieferfrei zu halten. Daher geht der Fett- zugunsten des Fleischanteils deutlich zurück. 

Meine Recherchen ergaben, dass aus einer unerwarteten noch dazu, global betrachtet eher unbekannten Region, Vorarlberg in Österreich, Unterstützung kam!

Das dort lebende Vorarlberger Alpschwein verbringt je nach Witterung zwischen 70 und 120 Tage auf einer der hoch gelegenen Almen und darf sich ganz ungestört seinen Lieblingsbeschäftigungen widmen: Joggen, Fressen, Suhlen, Schlafen. Nachdem es dort keine Eichenwälder gibt, wird das Kräuter- und Wiesenmenü mit Molke ergänzt. 

Die Alpe Furkla in Vorarlberg

Vor einigen Jahren traf ich auf einer meiner Wanderungen mit meinem Hund Socke auf der Alpe Furkla einen jungen Mann mit dem nahezu unaussprechlichen Namen „ybyã-jara“ (angesehener Mann der Hochebene in der Sprache der Tupi) aus Brasilien, der die Grundzüge der Landwirtschaft im alpinen Raum studieren wollte, um sie dann in seiner Heimat anwenden zu können. 

ybyã-jara in der Stammeskleidung der Tupi Indianer

Er erzählte mir von einer in Europa unbekannten Schweinefamilie, die nur in Südamerika vorkommt, die Familie der „Pekaris“, was in der Sprache der Tupis bedeutet: „Tier, das viele Wege durch den Wald macht“.

Das Pekaris Schwein

Diese spezielle Familie der Schweine zeigt ein ähnliches Fress- und Verdauungsverhalten wie unsere Wild- und Hausschweine. Es unterscheidet sich jedoch von ihnen dadurch, dass es die gefressene Nahrung nicht nur während der Ruhepausen, sondern andauernd verdaut. 

Das Kammern- System der Wiederkäuer ist bei ihnen wie bei Kühen vorhanden. Zudem weisen sie die für die Teudat Kashrut unerlässlichen gespaltenen Klauen auf.

Nachdem das „gemeine Hausschwein“ und die „Pekaris“ zur gleichen, wenn auch nur weitläufig verwandten Familie gehören, steht einer Kreuzung und anschließender Neuzüchtung nichts mehr im Wege. 

Nach ca. 2 – 3 Generationen wird der wiederkäuende Magen sozusagen die Standardausstattung sein. Wir werden uns also in wenigen Jahren an allen bisher unkoscheren Lebensmitteln erfreuen können: Spareribs, Eisbein mit Sauerkraut, Leberkäse, Schweinsschnitzel, nur auf das Cordon bleu werden wir nach wie vor verzichten müssen. Dort ist bekanntermassen Käse ein weiterer Hauptbestandteil

Sollten wider Erwarten Probleme bei den Zwischenkreuzungen auftreten, so haben wir bereits zwei weitere erprobte Lösungsansätze:

Zum einen die Einkreuzung von „Hirschferkeln“, wobei es hier aufgrund der deutlichen Größenunterschiede Rückenprobleme mit den direkten Fortpflanzungsmethoden geben könnte. Abhilfe bei diesem rein technischen Problem schaffen in diesem Fall die in Israel hervorragend ausgebauten Inseminationsstationen, die schon beim Aufbau der Milchviehzucht in den Kibbuzim äußerst hilfreich waren.

Der Vorteil dieser Zwischenstufe liegt auf der Hand: In diesem Falle könnten auch die Errungenschaften der Gentechnologie eingesetzt werden. Die Adaptionszeit von 2 -3 Generationen verkürzt sich in dem Fall auf nur mehr 1 Generation, wie mir bestätigt wurde.

Erste Umfragen zeigen, wie verschiedene Gruppen in Israel auf dieses neue, den Speisevorschriften völlig entsprechende Lebensmittel reagieren:

Grossmufti Mohammed Ahmad Hussein, als oberste islamische Rechtsinstanz in Israel, verwies auf die Hadithen, die jede Veränderung von einmal Festgeschriebenem seit dem 7. Jahrhundert strikt ablehnen: „Ein Schwein ist und bleibt ein Schwein. Dies gilt auch dann, wenn keines der ursprünglich determinierenden Gene mehr nachweisbar ist. Nix is, basta!“

Die Pressesprecher der Reform Jewish Congregations und der Jewish Reconstructionist Federation betonten in einem gemeinsamen Communiqué, dass ihren Mitgliedern empfohlen werde, auf den Konsum zu verzichten, um nicht noch mehr in den Verdacht zu geraten „man esse ja sowieso alles, was kreuche und fleuche wie die Chinesen“.

Durchaus positiv und kompetent war die Reaktion der Ultraorthodoxen und der Neturei Karta, verteten durch Knessetmitglieder von Shas und Vereintem Thorajudentum. Nach eingehenden Degustationen erkennen sie in diesem neuen, halachisch einwandfreien Lebensmittel eine durchaus preiswerte Ergänzung zum bestehenden Lebensmittelangebot und hoffen, dass besonders die orthodoxe Bevölkerung davon profitieren wird.

Das Militärrabbinat der IDF ließ durch eine Pressesprecherin verlauten, eine Entscheidung über die Aufnahme von Schweinefleisch in die Militärverpflegung könne nicht vor dem Ende der bald beginnenden Koalitionsverhandlungen getroffen werden, da Zweifel an der notwendigen Neutralität bestehen. Dies gilt auch, wenn das hier angesprochene Knessetmitglied derzeit in der Opposition sitzt. Sollte er in der kommenden Koalition aber wieder auf der Regierungsbank sitzen, so soll bereits im Vorfeld jede Möglichkeit einer persönlichen Bereicherung ausgeschlossen werden. 

Interessant ist die Stellungnahme jener Gruppen, die den Mainstream der religiösen Juden in Israel ausmachen. Sie erklärten bei einer ebenfalls gemeinsamen Pressekonferenz, dass sie ihre Entscheidung solange vertagen, bis sich ein Sanhedrin konstituiert hat, um über diese wesentliche Entscheidung zu befinden. 

Man werde aber die Aufstellung einer speziellen Kommission ins Auge fassen.

In Bnei Brak fand bereits eine Degustation statt, jedoch aufgrund der strikten Corona Regeln in einem sehr kleinen Kreis. Das eigens eingerichtete Kochstudio musste leider in Folge des derzeit noch zu geringen Nachschubes wieder seine Pforten schliessen. Nachschub wird erst erwartet, wenn die neue Lieferung in Israel ankommt. Diese ist aufgrund der gerade erst beendeten Blockade des Suez-Kanals und durch die Auswirkungen der Blockade auf unbestimmte Zeit verschoben. 

Eines scheint sicher zu sein, dieses Neo-Schwein wird seinen Namen ändern müssen, um wirklich offiziell als genussfähig anerkannt zu werden. Einen Vorschlag gibt es bereits: das (K)-Schwein.

Weitere Vorschläge werden hier gerne entgegengenommen, die ersten zehn Einsender erhalten einen Gutschein für das bald erscheinende Kochbuch „Koscheres für den Gourmet – Neues vom (K)-Schwein“.



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

1 Antwort

  1. 😂😂😂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: