Was wir wissen, ist ein Tropfen – was wir nicht wissen, ein Ozean (Isaac Newton)

10. Elul 5781

Dass Isaac Newton mit dieser Aussage absolut richtig lag, zeigt die Diskussion über die Halbwertszeit des Wissens. 

Spätestens mit der globalen Digitalisierung von Informationsaustausch hat sich die Veränderung in der Wissenschaft exponentiell beschleunigt. Innerhalb von Sekunden können neue Informationen von A nach B gelangen und dort von den Empfängern aufgenommen und weiterverarbeitet werden. 

Ist also das, was wir in unserer Schulzeit gelernt haben, heute der Wissensmüll von morgen? Macht es denn unter diesen Umständen Sinn, Wissen anzuhäufen? Ist es überhaupt sinnvoll, sich den quälenden Ritualen von Prüfungen auszusetzen, die doch nichts anderes sind, als eine Momentaufnahme? Die weniger einen objektiv erkennbaren Wissensstand belegen, sondern den, der in der individuellen Tagesverfassung zur Verfügung steht. 

Trotzdem werden unsere Schulsysteme an irgendeiner Art von Leistungsfeststellung festhalten müssen. Jeder Abschluss soll die Möglichkeit bieten, einen weiteren Schritt im lebenslangen Lernen zu gehen. In diesem System wird immer ein Teil der Probanden «durchfallen». 

Sei es, weil er[1] zu faul war, oder weil ihn Anderes viel mehr interessierte. Noch von wenigen Jahren wäre damit das Ende der Lern- und Ausbildungsmöglichkeiten erreicht gewesen. Heute sind die Systeme durchlässiger. Versäumtes kann dann nachgeholt werden, wenn sich die persönliche Bereitschaft verändert hat. 

Sei es, dass er von unfähigen und unmotivierten Lehrern unterrichtet wurde, sei es, dass er, intrinsisch oder extrinsisch motiviert, auf dem falschen Bildungsdampfer sass. 

In diesen Fällen kann er sich heutzutage problemlos umorientieren.

Oder, und auch das ist ein Thema, dass das ihn umgebende politische, soziale oder religiöse Umfeld ihn einschränkt. In dieser, teils bildungsfeindlichen Umgebung wird es schwierig. Hier muss das Umdenken von aussen kommen. 

Im OECD Land Israel ist die Vereinheitlichung der Ausbildung immer wieder ein Thema. Konkret geht es um zwei Gruppen, die dringend der Verbesserung ihrer Situation bedürfen. 

Die erste Gruppe ist die der Ultra-Orthodoxen. Ihr Anteil an der jüdisch-israelischen Gesellschaft beläuft sich auf etwa 12 %, Tendenz steigend. Bis zum Jahr 2065 wird der Anteil auf 32 % geschätzt. Die Curricula ihrer Schulen sehen, wenn überhaupt, nur einen minimalen Unterricht in «säkularen» Fächern vor. Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Mathematik stehen nicht auf dem Programm. Ebenso wenig allgemeinbildende Fächer wie Geschichte oder Geografie. Eine aktive Teilnahme am Berufsleben oder die Aufnahme eines Studiums ist so nahezu unmöglich. 

Seit Jahrzehenten drängt die jeweilige Regierung darauf, die Curricula denen der staatlichen Schulen anzupassen. Sie droht sogar damit, die staatlichen Unterstützungen zu streichen, wenn diese Anpassung nicht in nützlicher Frist erfolgt. Und seit Jahrzehnten passiert nichts!

Yeshiva in Jerusalem © ToI

Einer der Schulleiter einer religiösen höheren Schule, einer Yeshiwa in der die jungen Männer (!) tagein-tagaus die Schriften studieren, sagt dazu. «Wir versuchen, alles so beizubehalten, wie wir es sei Generationen, während hunderter, vielleicht sogar tausender (sic!) Jahre gehalten haben. Die gleiche alte Idee, die Thora und den Talmud zu studieren. Wir sehen den Erfolg, den grossen Erfolg und wollen nichts ändern.»

Wer sich über dieses strikt an die Religion angepasste System hinaus weiterbilden will, muss eine private Schule besuchen, die teuer ist und dabei in Kauf nehmen, dass er aus seiner Ursprungsfamilie ausgeschlossen wird. 

Derzeit arbeiten nur etwa 50 % der männlichen israelischen ultra-orthodoxen Juden. Seitens der Bank of Israel wird festgehalten «Die Erhöhung der Beschäftigungs- und Arbeitsproduktivität der ultra-orthodoxen Bevölkerung, insbesondere der Männer, ist ein Thema von strategischer Bedeutung für das BIP per capita und die Verringerung der eklatanten Einkommensunterschiede zwischen der ultra-orthodoxen Bevölkerung und dem Rest der [israelischen] Gesellschaft.»

In den vergangenen 12 Jahren, während der Regierungszeit von PM Netanyahu, genossen die beiden orthodoxen Regierungsparteien Shas und Vereintes Thora-Judentum dessen besonderen Schutz. Der damalige Vize-Bildungsminister (VTJ) formulierte es ganz klar «Es geht uns darum, möglichst viel für unsere Wähler durchzusetzen, was Kindergeld, Befreiung vom Wehrdienst und finanzielle Unterstützungen angeht. Das ist der klare Auftrag unserer Wähler. Wir suchen uns daher immer einen Partner, der versteht, was uns wichtig ist. Mit Netanyahu ist das leichter als mit anderen.»

Der jetzige Finanzminister Avigdor Lieberman ist ein überzeugter Säkularist. Eine erste Massnahme gibt es bereits als Gesetzesentwurf. Wenn eine Familie zusätzlich Geld für die Tagesbetreuung ihrer Kinder kassieren möchte, so muss sichergestellt sein, dass beide Elternteile mindestens je 24 Stunden pro Woche arbeiten. Sollten die Väter hingegen Teil von regulären staatlichen Fort- oder Weiterbildungen sein, so wird die Unterstützung in Höhe von NIS 1.000 weitergezahlt. Ein guter und notwendiger Schritt in die richtige Richtung, die den Betroffenen nicht gefiel. 

Der zweite betroffenen Sektor umfasst die palästinensische Bevölkerung in Ostjerusalem. Für mehr als 50 Jahre gab es nur das palästinensische Curriculum. Seit wenigen Jahren aber begann man damit, das israelische Curriculum in das bestehende Programm zu implementieren und damit auch die Maturaprüfungen zu vereinheitlichen. Ein sehr ehrgeiziges Projekt. 

Immerhin geht es nicht nur darum, Schulbücher inhaltlich zu revidieren, die, obwohl grossteils von der UNWRA finanziert, antiisraelische und antisemitische Texte enthielten. Es ist auch nicht das grosse Problem, Gelder für den Umbau oder Neubau der teils stark veralteten Schulbauten zu lukrieren.

Das wirkliche Problem ist es, die nationale Identität der palästinensischen Bevölkerung nicht ausser Acht zu lassen. Um es klar zu sagen «Wie unterrichte ich Staatsbürgerkunde, wenn mehr als 90 % der Palästinenser in Ostjerusalem keine israelischen Bürger sind?»

Die Beth Alpha Schule könnte überall in Israel stehen. Das moderne Gebäude entstand erst vor wenigen Jahren. Flexible Raumgestaltungen bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Unterrichtsformen zum Einsatz zu bringen. Gut ausgestattete Computerräume, Sportmöglichkeiten für die Pausen und eine altersentsprechende Innenarchitektur machen die Schule zu einem echten Erfolgsmodell. 600 Schüler der ersten bis achten Klasse werden dort nach dem israelischen Curriculum unterrichtet. 

Von den etwa 100.000 Schülern aus Ostjerusalem besuchen rund 50 % private Schulen. Diese werden von moslemischen Organisationen, Kirchen oder NGO’s finanziert. Ob auch die Hamas zu den Unterstützern gehört, kann nur vermutet werden. 

Viele Eltern haben frühzeitig erkannt, dass die Einführung des israelischen Curriculums eine bessere Basis für die Zukunft ihrer Kinder darstellt. Der damalige BM Nir Barkat erreichte es, dass vom Staat im Jahr 2018 ein 2-Milliarden Budget für einen entsprechenden 5-Jahres-Plan bereitgestellt wurde. Im letzten Jahr vor der budgetfreien Zeit, später hätte es wohl keine Gelder mehr gegeben! 700 Millionen davon wurden zur Verbesserung der Situation im Erziehungsbereich genutzt. Jede Schule, die zumindest eine Maturaklasse mit Zusatzprogrammen einführte, erhielt einen finanzielle Unterstützung. 

Am ersten September dieses Jahres beginnen 1.140 Erstklässler mit dem neuen Curriculum. Das sind 17 % der neu Einzuschulenden. Das scheint nicht viel zu sein, ist aber ein deutliches Signal der Akzeptanz. Bereits von der ersten Klasse an, gehört Hebräisch zu den Unterrichtsfächern. Mit drei, resp. fünf Wochenstunden gehört die erste Landessprache neben Arabisch somit zu den Hauptfächern.

Auch an der Hebrew University in Jerusalem spürt man den Paradigmenwechsel. Studierten vor fünf Jahren dort nur 36 Studenten aus Ostjerusalem, so werden es heuer 710 sein!

Während in den meisten Gebieten von Ostjerusalem das neue Curriculum gut aufgenommen wurde, verweigern sich die arabisch-nationalistischen Gebiete Silwan und Isawiya. Für sie verändert das neue Curriculum die palästinensische Identität der Jugendlichen und damit auf Dauer auch den gesamten Charakter Ostjerusalems. Auch das Erziehungsministerium der PA sträubt sich gegen den Wandel. Das wird sich ändern, sobald Absolventen des rein palästinensischen Programms nicht mehr ohne Zusatzprüfung an israelischen Hochschulen zugelassen werden. 

Die langfristige Lösung des Problems könnte es sein, die Interessen beider Seiten bei besonders sensiblen Inhalten zu berücksichtigen. Sowohl bei den Vorgaben der Maturaprüfungen, aber auch u.a. bei den Themen der Staatsbürgerkunde. 

Über der Eingangstüre zu Beth Alpha Schule befindet sich, neben arabischen Worten auch ein Satz in Hebräisch:

«Glück ist nicht das, was du haben willst, sondern das Wissen, was du hast!»


[1] Es gilt jede Form von bekanntem und in Zukunft noch zu entdeckenden Genders!



Kategorien:Israel, Politik

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1 Antwort

  1. Very interesting and informative. Thank you Esther!

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